Ein heulender Diktator? Es war nicht das erste Mal, dass Kim öffentlich Gefühle gezeigt hat. Erst im Juni sah man in Nordkoreas Staats-TV, wie Kim anscheinend tief bewegt vor einem Sarg kniete, in dem die sterblichen Überreste eines getöteten Soldaten lagen. Dabei kämpfte der Diktator augenscheinlich mit den Tränen.
Der südkoreanische Geheimdienst schätzt, dass Nordkorea 15.000 Soldaten nach Russland geschickt hat, die meisten davon in die Grenzregion Kursk. Etwa 600 nordkoreanische Soldaten sollen bereits gefallen sein, viele weitere wurden verwundet. Zudem unterstützt Kim Jong-un den russischen Angriffskrieg mit Waffen und Munition und gibt Kreml-Chef Wladimir Putin diplomatische Rückendeckung. Im September vor zwei Jahren reiste Kim sogar in Russlands Fernen Osten, zu einem Treffen mit Putin. Es war das erste Mal seit Jahren, dass Kim sein abgeschottetes Land verließ.
Kim Jong-un auf Knien bei einer Gedenkveranstaltung für im Ukraine-Krieg getötete Soldaten und weinend beim „Nationalen Müttertreffen“ in Pjöngjang (kleines Bild).
Mittlerweile berichten auch Nordkoreas Staatsmedien regelmäßig. Am Freitag etwa empfing Kim erneut mehrere Angehörige gefallener Soldaten und versprach ihnen ein „schönes Leben“, wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA berichtete. Bei dem Treffen drückte Kim Jong-un „allen Hinterbliebenen sein tiefes Beileid aus und brachte seine Trauer darüber zum Ausdruck, dass es nicht gelungen war, das kostbare Leben der Offiziere und Soldaten zu retten“, hieß es.
Dass Kim den Einsatz seiner Soldaten nicht mehr verheimlicht, zeigt einerseits das neue Selbstbewusstsein des Diktators. Kim habe derzeit „großes Vertrauen in die innere Stabilität seines Regimes“, sagte der Korea-Experte Ramon Pacheco Pardo vom Londoner King‘s College der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Die Allianz mit Putin hat Kim gestärkt, Experten und Geheimdienste vermuten, dass sein Regime aus Russland Lebensmittel, Öl und technologisches Knowhow unter anderem für sein Satellitenprogramm erhält. Das Regime in Pjöngjang, das sich mit Beginn der Corona-Pandemie jahrelang von der Außenwelt abgeschottet hatte, ist zu einem entscheidenden Faktor der Weltpolitik geworden.
Einblicke ins Reich von Kim Jong-un: Alltag in Nordkorea
Gleichzeitig nutzt Kim das Sterben der nordkoreanischen Soldaten für Propagandazwecke. Die Tränen des Diktators über den Särgen der toten Soldaten folgten einem klaren Kalkül, sagte der Nordkorea-Experte Lee Sung-Yoon vom Sejong Institute, einer Denkfabrik in Seoul, der Frankfurter Rundschau. „Wenn Kim Jong-un in der Öffentlichkeit weint, soll das seine weiche Seite zeigen und dass auch der unfehlbare oberste Führer ein Herz hat.“
Experte: Kim Jong-uns Schwester steckt hinter Tränen ihres Bruders
In der koreanischen Kultur sei es nicht ungewöhnlich, dass auch vermeintlich starke Männer öffentlich weinten. „Es strahlt Empathie aus und vermittelt die Botschaft: Seht her! Der große, mächtige König kümmert sich um den einfachen Mann!“, sagt Lee. Er vermutet Kims Schwester Kim Yo-jong hinter der Tränendrüsenoffensive des nordkoreanischen Diktators. Kim Yo-jong gilt als Nordkoreas Propagandachefin, auch sie sah man schon öffentlich weinen: 2011, auf der Beerdigung ihres Vaters Kim Jong-il.
„Die nordkoreanische Propaganda hat schon vor Jahrzehnten Kims Vorgänger gezeigt, wie sie an den Gräbern gefallener Soldaten weinen“, sagte Fyodor Tertitskiy von der Korea University in Seoul unserer Redaktion. Öffentliches Weinen sei für Nordkoreas Anführer „kein Tabu und war nie eins“, so Tertitskiy.
Vor allem Kim Jong-un hat es zu wahrer Meisterschaft gebracht, wenn es darum geht, öffentlich eine Träne zu verdrücken. Im Dezember 2023 wischte sich der Diktator mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht, als er bei einem „Nationalen Müttertreffen“ in Pjöngjang die nordkoreanischen Frauen dazu aufrief, mehr Kinder zu bekommen. Und im Oktober 2020 liefen Kim während einer Militärparade Tränen über die Wangen. Er habe, sagte Kim damals, nicht genug getan, um das Land vor den Belastungen durch die Coronapandemie zu schützen: „Das tut mir aufrichtig leid.“