Tiktok und die Bundestagswahl: Merz ein Zwerg, die Linke groß
VonJonas Nonnenmann
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Im Wahlkampf liefern sich die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten auch auf Tiktok ein Rennen. Manche mehr, manche weniger erfolgreich. Eine Bestandsaufnahme.
Auf Tiktok sind die Großen oft klein und die Kleinen groß. Das wird schnell klar während der Recherche, die hauptsächlich aus dem exzessiven Konsum von Kurzvideos besteht. CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz und Kanzler Olaf Scholz haben auf der Plattform eher wenig zu melden. Der FDP-Abgeordnete Muhanad Al-Halak hängt bei Followerzahlen und Likes (zwei Millionen) locker den CDU-Spitzenkandidaten ab.
Wer ein, zwei Tiktoks von Merz anschaut, merkt, warum. „Ich möchte Ihnen zusagen, dass wir uns in der CDU mit aller Kraft darum bemühen werden…“: Merz drückt sich auch auf Tiktok gerne aus wie bei der Mittelstandsvereinigung.
Kanzler Olaf Scholz hat seit April 2024 einen Tiktok-Account. Wie Merz eher ein Spätzünder. „Wenn man erst kurz vor dem Wahlkampf auf Tiktok aktiv wird, ist das wahrscheinlich zu spät“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Judith Möller, die als Professorin an der Uni Hamburg und für das Leibniz-Institut für Medienforschung forscht. Viele politische Akteure hätten sich – auch wegen der Datensicherheit – lange nicht auf die Plattform getraut. Möller erwartet nicht, dass die Tiktok-Strategien von CDU und SPD sehr erfolgreich seien.
Söder isst, Lindner als Tortenopfer, Habeck redet zu viel
Über den Foodblogger und CSU-Chef Markus Söder wurde schon zu viel geschrieben. FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner sticht auf Tiktok vor allem als Opfer einer Tortenattacke heraus. Vizekanzler Robert Habeck beantwortet in den Tiktoks gerne Fragen, braucht aber für den Algorithmus auch mal zwei, drei Satzwendungen zu lange, um zum Punkt zu kommen.
Auch Habeck hat weniger Likes als der FDP-Politiker Al-Halak. Der erst 36 Jahre alte bayerische Abgeordnete hat eine im Bundestag seltene Biografie; geboren im Irak, flüchtete er als Elfjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Nach dem Hauptschulabschluss arbeitete er sich zum Abwassermeister hoch, weshalb er gerne auch mal mit Dreizack als „Aquaman“ posiert. „Zum Schluss möchte ich noch eins sagen: Ich war auch schon mal ein Talahon (meint etwa: „ausländisch gelesener Möchtegern-Gangster“), sagt er in einem viral gegangenen Ausschnitt einer Rede.
Mal tritt Al-Halak in FDP-Gummistiefeln auf, mal blödelt er im Bundestag herum. Politische Inhalte kommen dabei etwas kurz. Und unter den Videos fragen sich Nutzerinnen und Nutzer, wie ausgerechnet der „Talahon“ für Merz‘ Fünf-Punkte-Plan stimmen konnte.
AfD-Erfolg auf Tiktok hat mit dem Wesen der Partei zu tun
Kommen wir zu den echten Tiktok-Schwergewichten im Bundestag. Sahra Wagenknecht, etwa eine halbe Million Follower:innen, 7,4 Millionen Likes, ist eine von ihnen. Wagenknecht tritt ähnlich auf wie in Talkshows, verbreitet Schnipsel aus Fernsehsendungen. Es geht um harte politische Themen: Die Unterstützung der Ukraine (falsch), die Migrationsdebatte („hysterisch“) und Trumps Pläne für Gaza.
Dann die AfD mit Spitzenkandidatin Alice Weidel. Der Rechtsaußen-Partei wurde lange nachgesagt, dass ihr Tiktok quasi gehöre. Einfache rechte Parolen, klare Feindbilder – der Erfolg schien auch mit dem Wesen der Partei zu tun zu haben. Der Politikberater Martin Fuchs bringt es gegenüber „Fluter.de“ auf den Punkt: „Auf Tiktok zieht, was skandalisiert und Emotionen hervorruft.“
„Brandmauer“-Rede der Linke-Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek mit 6 Millionen Aufrufen
Die Rechten sind aber nicht die Einzigen, die dieses Prinzip verstanden haben. Ein Beispiel: Die „Brandmauer“-Rede der Linke-Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek. „Aller Differenzen zum Trotz hätte ich mir niemals vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Partei diesen Dammbruch vollzieht und mit Rechtsextremen paktiert“, ruft sie ins Plenum. „Auf die Barrikaden!“ Authentisch, emotional, wie gemacht für den Algorithmus: Über 6 Millionen Mal wurde das Video abgerufen.
In den Wochen vor der Bundestagswahl gibt es einen Punkt, in dem der Tiktok-Feed des Autors zu einem Großteil nur noch aus Beiträgen von oder über die Linke besteht. Es drängt sich die Frage auf: Wie haben sie das geschafft?
Linken-Politikerin Reichinnek in Bezug auf Tiktok anfangs skeptisch
Antworten gibt der Mann, der hinter dem Social-Media-Auftritt von Heidi Reichinnek steckt: Felix Schulz, 31. Schulz macht seit etwa zehn Jahren für verschiedene Linke-Abgeordnete Pressearbeit. Er ist ausgebildeter Artdirector und Printdesigner. Schulz wird von zwei Mitarbeitern unterstützt: einer hilft beim Schnitt, einer beim Scripten der Kurzvideos – zusammen mit den Fachreferent:innen und der Abgeordneten selbst. Pro Sitzungswoche nehmen sie sich eine Stunde Zeit zum Filmen, sagt er. Zwei bis drei Beiträge entstehen so pro Woche, vor der Bundestagswahl etwas mehr.
Reichinnek war in Bezug auf Tiktok anfangs skeptisch, erzählt Schulz. „Sie dachte, sie sei zu alt dafür.“ Nach zwei Monaten habe sie sich Ende 2021 dann doch überzeugen lassen. Inzwischen hat sie auf Tiktok über 450 000 Follower:innen – mehr als Merz, Habeck und Scholz zusammen. Bei den Likes hat sie sogar Alice Weidel überholt. Schulz lässt durchklingen, dass er es unangemessen fand, dass so viel über die AfD berichtet wurde; als vor der Europawahl der AfD-Rechtsaußen Krah viel Aufmerksamkeit bekam („Echte Männer sind rechts“), habe Reichinnek fünfmal so viele Follower gehabt.
Erfolgreiche Tiktoks der Linken: Abarbeiten an den Rechtsextremen
In ihren erfolgreichsten Tiktoks arbeitet Reichinnek sich an Rechten und Rechtsextremen ab; mal macht sie sich über den „Genderwahn“ der AfD lustig, mal über einen AfD-Bürgermeister, der Demos gegen Corona organisierte, während er mit Corona-Teststellen viel Geld verdient habe. Reichinnek und ihr Team sind sich dabei nicht zu schade, neben klassisch linker Politik (Mieten, Reichensteuer) auch mal den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimmen zu erklären.
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„Wir sehen uns auch als Übersetzer“, sagt er, Ziel sei es, das Parlamentsdeutsch, das „Behördengebrabbel“ verständlich zu machen – für Leute, die im Alltag wenig Zeit hätten, sich mit Politik zu beschäftigen. Den klassischen Wahlkampf ersetzen solche Auftritte nicht, sagt Schulz. Infostände und Fernsehauftritte seien genauso wichtig. Für die Mobilisierung aber spiele Social Media eine „extrem große Rolle“.
Einfluss sozialer Medien auf die Wahlentscheidung laut Medienwissenschaftlerin eher gering
Medienwissenschaftlerin Möller bremst die Erwartungen. Der Einfluss sozialer Medien auf die Wahlentscheidung sei eher gering; wichtiger seien Herkunft, Erziehung und Bildung. Oft gehe es vor allem darum, „das eigene politische Lager zu motivieren“. Bei den Themen gebe es laut Studien einen „Winner-takes-all“-Effekt: Wenn ein Thema wie der Messerangriff von Aschaffenburg ohnehin die Nachrichten dominiere, würden Soziale Medien dieses Thema noch größer machen.
Eine Frage scheint sich erledigt zu haben: Die, ob es für Politikerinnen und Politiker überhaupt ratsam ist, einen Tiktok-Auftritt zu pflegen. Sicher habe das Team von Reichinnek sich auch Gedanken um Datensicherheit gemacht, sagt Schulz. „Aber jede Plattform, auf der wir nicht sind, ist auch ein Statement.“ Es würde bedeuten, die Nutzerinnen und Nutzer nicht wichtig genug zu nehmen. Im Fall von Tiktok waren das in Deutschland Ende 2023 rund 21 Millionen.