Nach der Pandemie

Einsamkeitsbarometer: Welche Menschen in Deutschland sich besonders einsam fühlen

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Immer mehr Menschen fühlen sich einsam. Seit Corona sind vermehrt Jüngere betroffen.

Immer mehr Deutsche fühlen sich allein. Vor allem die Pandemie hat dazu beigetragen. Das zeigt eine neue Studie zum Thema Einsamkeit.

In der Theorie sind wir Menschen heutzutage besser vernetzt als je zuvor. Mit einem Griff zum Smartphone können wir geliebte Menschen am anderen Ende der Welt hören und sehen. Dennoch fühlen sich immer mehr Menschen einsam. Laut dem Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das die Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland untersucht, hat vor allem die Corona-Pandemie zu einem Anstieg der Einsamkeit beigetragen, nachdem der Trend der Einsamkeitsbelastung seit den 1990er-Jahren eigentlich zurückgegangen war.

Einsamkeit – Was ist das eigentlich genau?

Laut Duden.de kommt das Wort „einsam“ aus dem Mittelhochdeutschen und leitet sich vom Wort „allein-sam“ ab. Man fühlt sich also allein und empfindet subjektiv, dass ein Mangel an sozialen Kontakten besteht, oder dass die vorhandenen Beziehungen nicht ausreichen oder nicht zufriedenstellend sind, etwa weil man sie als oberflächlich empfindet. Menschen können sich einsam fühlen, obwohl sie von vielen anderen Menschen umgeben sind, wenn die Interaktionen als unbedeutend wahrgenommen werden. Einsamkeit ist eine unangenehme und oft schmerzhafte Erfahrung, die sowohl psychische als auch physische Gesundheit beeinträchtigen kann.

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Die Ursachen für Einsamkeit sind vielfältig. Sie können durch persönliche Lebensumstände, wie den Verlust eines geliebten Menschen, Arbeitslosigkeit oder Krankheit, hervorgerufen werden. Auch gesellschaftliche Faktoren wie Urbanisierung, Digitalisierung und die zunehmende Individualisierung der Lebensweise tragen dazu bei.

Wandel der Zeit: Wieso werden Menschen immer einsamer?

Die Einsamkeit hat in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zugenommen, was auf verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen zurückzuführen ist. Eine zentrale Rolle spielt laut Bmfsfj.de die Digitalisierung. Während das Internet und soziale Medien theoretisch die Möglichkeit bieten, weltweit Kontakte zu knüpfen, führen sie in der Praxis oft zu oberflächlichen Interaktionen und einem Rückgang von tiefgehenden persönlichen Beziehungen. Die ständige Erreichbarkeit und die Flut an Informationen können dazu führen, dass sich Menschen überfordert und isoliert fühlen.

Depression bis Alkoholsucht: Die häufigsten psychischen Krankheiten im Überblick – Jeder dritte ist betroffen

Eine Frau hält ein gefülltes Sektglas in ihrer Hand.
Alkoholsucht zählt zu den am dritthäufigsten diagnostizierten psychischen Leiden. Mit der Medikamentenabhängigkeit zusammen entfallen 5,7 Prozent der Diagnosen auf die Alkoholabhängigkeit. Etwa jeder siebte Erwachsene trinkt Alkohol in gesundheitlich riskanten Mengen. Damit ist Alkohol nach Nikotin das häufigste Suchtmittel in Deutschland, so die Bundes Psychotherapeuten Kammer. 1,8 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig, weitere 1,6 Millionen trinken Alkohol in schädlichen Mengen, heißt es weiter. (Symbolbild) © Bode/Imago
Medikamentensucht bei Senioren
Neben der Alkoholsucht zählt die Medikamenten-Abhängigkeit zu den am dritthäufigsten verbreiteten psychischen Erkrankungen in Deutschland.  © Jens Kalaene/dpa
Frau schaut aus Fenster
Die sogenannten affektiven Störungen zählen zu den psychischen Erkrankungen, die am zweithäufigsten in Deutschland vorkommen. Die Depression ist wohl der bekannteste Vertreter aus dieser Gruppe. Der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (dgppn) zufolge, entfallen fast 10 Prozent der Diagnosen auf diese Krankheitsgruppe. Alleine 8,2 Prozent sind von einer unipolaren Depression betroffen. Depressionen gehören damit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Rund 16 Prozent der Bevölkerung leiden mindestens einmal in ihrem Leben an einer depressiven Störung, innerhalb eines Jahres sind es ungefähr 8 Prozent, informiert die Bundes Psychotherapeuten Kammer. (Symbolbild) © Fabian Sommer/dpa
Junge Frau vor dem Schrankspiegel
Angststörungen sind am weitesten verbreitet. Der dgppn zufolge entfallen 15,4 der Diagnosen auf Angststörungen wie Panikattacken, Angst vor weiten Plätzen etc. Bei Betroffenen ist das Angstgefühl so übermächtig, dass es den Alltag immens einschränkt. Beschwerden wie Herzrasen, Schwitzen und Zittern zählen zu den Symptomen einer Angststörung. (Symbolbild) © Imago
Frau mit Maßband in der Hand
Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht sind zwar insgesamt gesehen weniger weit verbreitet als oben genannte Krankheiten. Doch in der weiblichen Bevölkerung zwischen Pubertät und dem 30. Lebensjahr gehören die Essstörungen zu den häufigen psychischen Erkrankungen, informiert die Bundes Psychotherapeuten Kammer. Etwa ein Prozent der Frauen erkrankt während ihres Lebens an einer Magersucht, rund zwei Prozent leiden im Laufe ihres Lebens an einer Bulimie. (Symbolbild) © Sergiy Tryapitsyn/Imago

Ein weiterer Faktor ist die Urbanisierung. In Großstädten leben viele Menschen auf engem Raum, doch die sozialen Bindungen sind oft schwächer ausgeprägt als in ländlichen Gegenden. Die Anonymität der Stadt kann dazu führen, dass sich Menschen trotz der physischen Nähe zu anderen einsam fühlen. Zudem führt der demografische Wandel dazu, dass immer mehr Menschen allein leben. Besonders ältere Menschen sind davon betroffen, da sie häufig bereits Partner und Freunde verloren haben und sich neue soziale Netzwerke im Alter schwerer aufbauen lassen.

In Deutschland hat die Corona-Pandemie das Thema Einsamkeit in den Fokus gerückt, da die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus wie Lockdowns und Kontaktbeschränkungen viele Menschen isoliert und ihre sozialen Kontakte stark eingeschränkt haben. Auch Trends wie Home Office-Arbeit, die man allein zu Hause verrichtet, sind in dieser Zeit beliebt geworden.

Unterschiede zwischen Stadt und Land, Jung und Alt, Männern und Frauen: Wer ist am einsamsten?

Laut dem Einsamkeitsbarometer 2024 gibt es deutliche Unterschiede im Einsamkeitsempfinden zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Frauen fühlen sich häufiger einsam als Männer: 45% der Frauen gegenüber 37% der Männer gaben an, sich regelmäßig einsam zu fühlen. Dies könnte daran liegen, dass Frauen höhere Erwartungen an die Qualität ihrer sozialen Beziehungen haben.

Unterschiede zwischen Altersgruppen sind ebenfalls signifikant. Vor der Pandemie waren hauptsächlich ältere Menschen über 75 Jahre betroffen. Während der Pandemie stieg die Einsamkeit jedoch auch bei jungen Menschen unter 30 Jahren stark an. Heute fühlen sich 32% der älteren Menschen und 38% der jungen Menschen regelmäßig einsam.

Der Wohnort spielt eine geringere Rolle, als man erwarten würde. In städtischen Gebieten fühlen sich etwa 35% der Menschen regelmäßig einsam, während es in ländlichen Gebieten 33% sind. Der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland ist ebenfalls minimal: In beiden Regionen liegt der Anteil der einsamen Menschen bei etwa 34%.

Besonders betroffen sind Alleinerziehende, Arbeitslose und Menschen mit niedriger Bildung. Beispielsweise fühlen sich 50% der Alleinerziehenden regelmäßig einsam. Bei den Arbeitslosen sind es 48% und bei gering Qualifizierten 44%. Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete sind ebenfalls stärker betroffen: 40% von ihnen berichten von regelmäßiger Einsamkeit.

Maßnahmen und Initiativen gegen Einsamkeit

Um der zunehmenden Einsamkeit entgegenzuwirken, hat die Bundesregierung eine Einsamkeitsstrategie entwickelt. Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie ist das Einsamkeitsbarometer, das regelmäßig Daten zur Einsamkeit in der Bevölkerung erhebt und Trends analysiert. Familienministerin Lisa Paus betont laut Tagesschau.de, dass Einsamkeit eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft ist und Maßnahmen ergriffen werden müssen, um Menschen aus der Isolation zu holen.

Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören Investitionen in öffentliche Begegnungsorte wie Bibliotheken, Schwimmbäder und Quartiersläden sowie der Ausbau digitaler Infrastruktur, um Menschen besser miteinander zu vernetzen. Der Sozialverband Deutschland fordert zudem mehr Personal und Strukturen in öffentlichen Einrichtungen, um gezielte Unterstützung bieten zu können. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz schlägt vor, Seniorenämter nach dem Vorbild der Jugendämter einzurichten, die präventiv und aufsuchend arbeiten sollen.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion nicht beantwortet werden.

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