„Energieintensives Luftschloss“: Flugtaxis laut Studie teuer und kaum klimafreundlich
VonSebastian Oppenheimer
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Ökologisch fragwürdig, kaum Zeitersparnis: Eine neue Studie des ZEW zieht für Flugtaxis eine enttäuschende Bilanz.
Wie in der Mode gibt es auch bei der Mobilität immer wieder neue Trends. Anfang der 2010er-Jahre wurde beispielsweise das autonome Fahren zum Hype – doch der Weg zum Robotaxi ist steiniger als angenommen. Noch immer sind Autos nicht vollautonom unterwegs, gerade erst musste Tesla mit seinen „Full Self-Driving“-Versprechungen zurückrudern. Mitte der 2010er-Jahre wurden dann Flugtaxis vorgestellt – unter anderem von Volocopter oder Lilium. Passagiere befördern dürfen die Flugtaxis bis heute nicht. Nun hat eine Studie die Alltags-Tauglichkeit von Flugtaxis untersucht.
„Vorteile sehr begrenzt“: Meta-Studie nimmt Flugtaxis unter die Lupe
Das Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim analysierte elf Untersuchungen – und kam zu dem Ergebnis, die Flugtaxis seien ein „energieintensives Luftschloss mit geringer Akzeptanz“.Reisezeiten würden sich durch Flugtaxis kaum verkürzen, während die Kosten und im Vergleich zu E-Autos auch die CO₂-Emissionen steigen. Die sogenannte Urban Air Mobility (UAM, städtische Luftmobilität) werde häufig als nachhaltig, schnell und günstig angepriesen, wie ZEW-Forscherin Anna Straubinger erklärt. „Unsere Studien zeigen aber, dass die tatsächlichen Vorteile sehr begrenzt sind.“ Nützlich könne urbane Luftmobilität vor allem bei Notfalleinsätzen sowie zum Anbinden entlegener Regionen sein.
Der ZEW-Analyse zufolge stießen die elektrischen Flugtaxis – auch Volkswagen hat vor einiger Zeit ein sogenanntes eVTOL vorgestellt –nur im Vergleich zu Verbrenner-Autos weniger CO₂-Emissionen aus. Gegenüber Fahrten mit E-Autos benötigten sie sogar mehr Energie. „Daher leisten sie keinen positiven Beitrag zur Energiewende im Verkehrssektor.“ Der hohe Energieverbrauch der senkrecht startenden und landenden Fluggeräte im Vergleich etwa zu Auto, ÖPNV oder Fahrrad führt laut der Analyse dazu, dass UAM höchstens einen geringen Beitrag zur Dekarbonisierung des Verkehrssystems leisten kann. Sie bräuchten darüber hinaus spezielle Start- und Landeplätze, was Wartezeiten, An- und Abfahrtswege verursache. „Berechnet man diese ein, führt dies nur selten zu einer Zeitersparnis.“
15 Mal teurer als ein Auto: Flugtaxis laut Analyse eher etwas für Wohlhabende
Zudem seien sie recht teuer und eher etwas für Wohlhabende: Kurz- bis mittelfristig peilen Hersteller und mögliche Betreiber laut Straubinger einen Kilometerpreis von fünf Euro an. Das sei etwa 2,5 Mal so teuer wie beim Taxi und ungefähr 15 Mal teurer als ein Auto. „Die negativen Folgen wie Lärm und visuelle Beeinträchtigungen am Himmel betreffen jedoch alle, auch den voraussichtlich großen Anteil der Bevölkerung, der UAM nicht nutzen wird.“ Und: Es könnte bei einem flächendeckenden Einsatz der Flugtaxis zu vielen zusätzlichen Flugbewegungen kommen. „Selbst bei einem UAM-Anteil von 0,1 Prozent am Verkehrsaufkommen einer Großstadt mit ca. einer Million Einwohnern, wären dies um die 1.500 Starts und Landungen pro Tag“, rechnet Anna Straubinger an einem Beispiel vor.
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Nur in wenigen Szenarien sieht die Studie einen echten Mehrwert in Flugtaxis
Einen wirklichen Mehrwert bieten die Fluggeräte Straubingers Analyse zufolge hingegen bei Notfalleinsätzen sowie bei der Anbindung abgelegener Regionen. „Für diese Einsatzzwecke können wir auch eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung erwarten.“ In Deutschland beispielsweise ist die ADAC-Luftrettung an einem Einsatz der Fluggeräte interessiert. Zwei Jahre lang will der Automobilclub Volocoptermodelle an zwei Standorten testen. Mit dem Fluggerät sollen Notärzte an den Einsatzort gebracht werden. Dadurch will man die Rettungshubschrauber entlasten, die laut ADAC schon heute in 60 Prozent der Fälle als reiner Notarztzubringer dienen. Anders als der Volocopter hat der Helikopter aber auch Platz für den Transport von Patienten.
Die Forscherin kommt zu dem Schluss, dass Urban Air Mobility ein privatwirtschaftlich tragfähiger Beitrag zum zukünftigen Verkehrssystem werden könnte. Kommunen und Entscheidungsträger sollten Nutzen und Kosten des Einsatzes der neuen Technologie jedoch sorgfältig abwägen, um regulatorische Rahmenbedingungen für die Einführung in Europa zu schaffen.
Volocopter-Sprecherin kritisiert Vergleich mit Autos und Bussen als unfair
Eine Sprecherin des Herstellers Volocopter aus dem badischen Bruchsal verwies darauf, Ziel sei, die „lange Reise zur Dekarbonisierung der Luftfahrtindustrie zu beginnen“ und Kunden in bestimmten Städten und Märkten ein sichereres, leiseres und schnelleres Transportmittel zu bieten. Das Unternehmen hat vor allem Großstädte mit hohem Verkehrsaufkommen wie Paris und Rom im Blick, wo man selbst bei kurzen Strecken viel im Stau steht. Eine Studie habe 2022 für San Francisco gezeigt, dass ein UAM-System die Metropole entlasten könnte.
Ferner kritisierte sie den Vergleich mit Autos, Bussen und Co. als nicht fair, „denn nach den Gesetzen der Physik wird das Fliegen immer mehr Energie verbrauchen als das Rollen, insbesondere beim Start, beim Schweben und bei der Landung“. Zu berücksichtigen sei auch der Platz, den ein Elektrofahrzeug auf der Straße einnimmt im Vergleich zu einem fliegenden Fahrzeug mit der gleichen Anzahl von Passagieren. „Diese Art der Beförderung ist neu, und neue Technologien brauchen Zeit, um sich in der breiten Masse durchzusetzen“, sagte sie. Man verstehe die Bedenken und arbeite weiter am Verständnis der Menschen.
Volocopter und Lilium: Beiden fehlt Zulassung für den Transport von Menschen
Für den Transport von Menschen fehlt Herstellern wie Volocopter und Lilium aus Oberpfaffenhofen bei München eine Musterzulassung der Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit Easa. Zumal die Unternehmen immer wieder mit Geldproblemen hadern. Erst am Mittwoch hatte die bayerische Staatsregierung eine Staatsbürgschaft für Lilium von 100 Millionen Euro in die Wege geleitet, die sie zu gleichen Teilen mit dem Bund übernehmen will.
Volocopter hatte zwar mit Flügen seiner Flugtaxis zu den Olympischen Spielen in Paris einen werbewirksamen Coup gelandet. Anfang September folgte dann aber die Ankündigung, dass Geschäftsführer Dirk Hoke das Unternehmen Ende Februar verlassen will. Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche soll als neuer Beiratsvorsitzender nun einen Nachfolger suchen. (Mit Material der dpa)