Gewerkschaft rügt Wirtschaft

Frühverrentung „wirtschaftlich komplett irre“: Firmen für Paradox in Kritik

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Viele Unternehmen sind dringend auf Arbeitskräfte angewiesen, handeln aber paradox, indem sie weiterhin auf Frühverrentung setzen. Dabei gäbe es einen anderen Weg.

Die Konjunktur schwächelt und große Unternehmen, vor allem aus der Industrie, kommen nicht drumherum, Personal abzubauen und Stellen zu streichen. Ein probates, aber umstrittenes Mittel, um Kosten einzusparen, ist die sogenannte Frühverrentung, die nicht nur die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für ein Problem hält.

Auch finanziell gebeutelte Arbeitgeber schaffen diesbezüglich Möglichkeiten und setzen außerdem auf lukrative Abfindungsangebote. Beim Haushaltswarenanbieter Leifheit etwa gehört dieser Schritt wegen der anhaltenden Konsumflaute zum Teil eines Sozialplans. Arbeitsmarktforscher und Gewerkschaftler halten das für Gift für die deutsche Wirtschaft angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels und der Alterung der Bevölkerung.

Frühe Rente: Unternehmen in Deutschland für Vorruhestandsregelungen in der Kritik

Laut einem OECD-Länderbericht müsse Deutschland dem steigenden Ausgabendruck aufgrund der Alterung der Bevölkerung durch eine Reform der Rentensysteme begegnen. Die Rede ist unter anderem davon, steuerliche Anreize für den Vorruhestand schrittweise abzubauen, sowie Anreize für ältere Arbeitnehmer zu setzen, länger im Job zu bleiben. Doch viele Firmen tun offenbar das genaue Gegenteil.

Der weltweit agierende Softwarekonzern und Dax-Spitzenreiter SAP setzt auf Abfindungen und die Frühverrentung, um im Gegenzug neue KI-Spezialisten einstellen zu können. Üblicherweise kommen für solche Programme ältere Arbeitnehmer infrage, die tendenziell höhere Gehälter bekommen, schreibt die Deutsche Presseagentur (dpa). Jüngere Beschäftigte sorgen im Schnitt für geringere Gehaltskosten.

Der Lkw-Hersteller Daimler Truck reduziert in der Produktion Stellen durch Altersteilzeit-Möglichkeiten, um Geld zu sparen. Auch beim Autobauer VW verschafft sich so Luft. Zwar gibt es schon seit mehreren Jahren für die Altersteilzeit keine finanzielle Förderung mehr durch den Staat, allerdings ist sie weiterhin in vielen Tarifverträgen fest verankert, wie das Handelsblatt schreibt.

Frühverrentung komplett irre“: Gewerkschaft rügt Arbeitgeber für absurden Widerspruch

Trotz gravierendem Fachkräftemangel entledigen sich Industriefirmen also weiterhin altgedienter Mitarbeiter. Die Arbeitnehmerseite hält diesen Widerspruch für irrational und absurd. „Wirtschaftlich ist es komplett irre, Menschen in Frührente zu schicken und gleichzeitig die Erwerbstätigkeit von Rentnerinnen und Rentnern staatlich zu subventionieren“, kritisiert Anja Piel, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund, gegenüber dem Handelsblatt. Sie spielt damit auf die von der Merz-Regierung geplante „Aktivrente“ an.

„Wenn Arbeitgeber nach Anreizen für längeres Arbeiten rufen und den Mangel an Fachkräften beklagen, müssen sie sich fragen lassen, wie es denn sein kann, dass viele von ihnen sich aktuell mit Frühverrentungsprogrammen aus der Verantwortung stehlen“, so Piel weiter.

Arbeitsmarktexperte: So können Firmen und Politik Beschäftigte von Frührente abhalten

Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sieht Menschen in der Frührente „für meist für den Arbeitsmarkt verloren.“ Damit der Turnaround hin zur digitalen Transformation gelingt, müsse alles getan werden, um dringend benötigten Arbeitskräfte im Berufsleben zu halten. Das gelinge oftmals über Weiterbildungen, mit denen sich die Beschäftigten für Betriebe in den Wachstumsbranchen qualifizieren.

Auch die Politik sei gefordert, indem sie finanzielle Anreize für diejenigen Unternehmen schafft, die Mitarbeiter weiterbildet und durch Gehaltszuschüsse den Abgang schwermacht. Wirtschaftsministerin Reiche ließ zumindest durchklingen, durch geplante Maßnahmen Firmen steuerlich entlasten.

Ältere Arbeitskräfte sind unverzichtbar für viele Firmen, werden aber dennoch vorzeitig in den Ruhestand geschickt.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hält einen „kulturellen Wandel weg von der Altersteilzeit“ für notwendig, wie das Handelsblatt einen Ministeriumssprecher zitiert. Dieser sieht aber neben den Erwerbsbeschäftigten und der Politik insbesondere die Betriebe in der Verantwortung, die Berufs- und Lebenserfahrung älterer Personen für den Arbeitsmarkt noch besser nutzbar zu machen.

Finanzminister hält abschlagsfreie Rente „für einen Fehler“

Die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte, auch als „Rente mit 63“ bekannt, steht Menschen offen, die 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt haben. Auch nach der Insolvenz des letzten Arbeitgebers können Beschäftigte darauf Anspruch haben. Allerdings wird die Rente mit 63 von Experten wie dem Wirtschaftsweisen Martin Werding heftig kritisiert.

Auch Danyal Bayaz (Grüne), der Finanzminister in Baden-Württemberg, hält sie für einen Fehler, da mit der Frühverrentung gut bezahlte Fachkräften ein Anreiz geliefert werde, frühzeitig den Arbeitsmarkt zu verlassen. Er fordert außerdem, dass Akademiker länger arbeiten sollen und teils erst mit 69 Jahren ihre Rente abschlagsfrei beziehen dürfen. Wirtschaftsministerin Reiche mahnt ebenso grundlegende Reformen bei der Rente an, damit mehr Menschen in Deutschland länger und flexibler arbeiten können. 

Rubriklistenbild: © IMAGO/RAY

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