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Die Albert Schweitzer Stiftung warnt vor Keimen in Lidl-Hähnchenfleisch. Europaweit sind demnach drei von vier Produkten betroffen – viele von multiresistenten Erregern.
Berlin – Beim gemeinsamen Fußballschauen der Heim-EM wird gerne mal der Grill angeworfen. Allerdings sollte man bei der Fleischwahl vorsichtig sein: Zum einen ist nicht jede Art von Fleisch für den Rost geeignet, zum anderen wurden jetzt beunruhigende Ergebnisse von getestetem Hähnchenfleisch publik.
Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt hat kürzlich eine Laboruntersuchung durchgeführt, die beunruhigende Ergebnisse hervorbrachte: Hähnchenfleisch von Lidl ist oft mit gefährlichen Keimen belastet. Bei jeder zweiten Probe wurden sogar multiresistente Erreger gefunden.
Drei von vier Produkten weisen in Europa Keime auf – Lidl-Hähnchen im Labor
Die Studie umfasste 142 Proben aus 22 Lidl-Filialen in Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien und Polen. Es wurde festgestellt, dass 75 Prozent der Proben Fäkalkeime wie Escherichia coli (E. Coli) enthielten, während 28 Prozent der Proben Campylobacter-Bakterien aufwiesen. Listerien wurden auf einem Drittel aller Proben gefunden.
Die getesteten Hähnchenfleischproben stammten von Steaks, Schenkeln, Keulen, Flügeln und Schnitzeln der Lidl-Eigenmarke „Metzgerfrisch“ und wurden zwischen Dezember 2023 und März 2024 gekauft. Die Proben aus Deutschland stammten aus Filialen in Berlin, Oldenburg, Duisburg und Koblenz.
Das medizinische Online-Nachschlagewerk MSD Manual informiert, dass alle drei Bakterienarten Darminfektionen verursachen können. Symptome können Durchfall, Krämpfe, Fieber, Übelkeit und sogar Schüttelfrost sein. Bei Schwangeren kann eine Listerien-Infektion zu schweren Erkrankungen des ungeborenen Kindes führen, bis hin zu einer Fehlgeburt. Die Infektion mit den Bakterien erfolgt oft durch verunreinigtes Fleisch. Jüngst musste Hähnchen-Geschnetzeltes bei Lidl und Kaufland zurückgerufen werden – allerdings wegen fehlerhafter Kennzeichnung.
Experten warnen vor „stiller Pandemie“: Auch multiresistente Keime aufgedeckt
Noch gefährlicher sind multiresistente Keime für den Menschen, die bei der Hälfte aller getesteten Hähnchen-Packungen gefunden wurden. Laut der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt gehören solche Antibiotikaresistenzen zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit. Jährlich sterben etwa fünf Millionen Menschen an solchen Erkrankungen, in Deutschland werden jährlich 45.700 Todesfälle im Zusammenhang mit resistenten Keimen gezählt. Infizierte müssen oft in Krankenhäusern isoliert behandelt werden.
Dr. Imke Lührs, Fachärztin für innere Medizin und ehemalige Sachverständige im Bundestag, warnt vor den Risiken durch kontaminiertes Fleisch. „Auch wenn diese in der Regel nicht sofort krank machen, bleibt das Risiko, dass die Keime bei unsachgemäßer Zubereitung auf den Menschen übergehen“, so die Expertin. Sie spricht von einer „stillen Pandemie“, die bei unglücklichen Umständen, wie etwa Vorerkrankungen, eine ernsthafte gesundheitliche Bedrohung darstellen kann.
„Sollte uns alle wachrütteln“: Stiftung mit deutlichen Worten zu Tierhaltung bei Lidl
Mahi Klosterhalfen, Präsident der Albert Schweitzer Stiftung, kommentierte die „erschreckende und beschämenden Testergebnisse“ und forderte eine Reaktion von Lidl. „Die Ergebnisse der mikrobiologischen Untersuchung von Lidl-Fleisch sollten uns alle wachrütteln“, sagte er. „Es wäre verantwortungslos, einfach weiterzumachen wie bisher.“ Die Stiftung hatte bereits im Frühjahr die Haltungsbedingungen von Lidl-Fleisch kritisiert.
Lidl reagierte zurückhaltend auf die Ergebnisse. „Derzeit liegen uns leider keine konkreten Ergebnisse aus der Untersuchung vor“, sagte ein Sprecher des Unternehmens gegenüber dem Spiegel. Er betonte die strengen Kontrollen und Qualitätsmaßnahmen des Unternehmens und versicherte: „Bei gängiger Zubereitung von Geflügel geht für den Verbraucher daher keinerlei Gesundheitsgefahr aus.“
Armin Valet, Lebensmittel-Experte von der Verbraucherzentrale Hamburg, sieht die Ergebnisse weniger dramatisch. Er warnt jedoch Menschen mit geschwächtem Immunsystem zur Vorsicht, sieht aber keinen Grund zur generellen Panik.
Experten sicher: Massentierhaltung Ursache für Keim-Belastung im Fleisch
Die Albert Schweitzer Stiftung sieht sich durch die Testergebnisse in ihrer Forderung bestätigt, die Massentierhaltung abzuschaffen. Sie argumentiert, dass die hohe Anzahl von Tieren auf kleinem Raum die rasche Ausbreitung von Keimen begünstigt und durch schlechte hygienische Bedingungen und kollektive Behandlung mit Antibiotika erst entstehen lässt. Zuletzt passten die Discounter-Riesen peu à peu die Haltungsformen vieler Produkte an.
Um sich vor einer möglichen Erkrankung durch kontaminiertes Fleisch zu schützen, empfehlen Experten entsprechende Hygiene-Maßnahmen, insbesondere während der Grillsaison. Nach dem Kontakt mit rohem Fleisch sollten Hände, Besteck, Schneidefläche und Grillrost gründlich gereinigt werden, um die Ausbreitung der Erreger zu verhindern. Grillfleisch von Lidl und Konkurrent Aldi schnitten vor einigen Tagen im Experten-Test generell dürftig ab. (rku)
