VonPeter Kieferschließen
Millionen Menschen der Babyboomer-Generation erreicht zunehmend das Rentenalter. Schon jetzt zeigt sich, welche Belastung auf die Rentenkasse zukommen könnte.
Laut einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind fast die Hälfte der Babyboomer bisher vorzeitig in Rente gegangen. Konkret betrifft das 1,8 Millionen Menschen aus den Jahrgängen, die bis 2023 das Rentenalter erreicht haben. Das entspricht 44 Prozent aller Angehörigen dieser Jahrgänge. Betrachtet man nur die Neurentner, sind es sogar mehr als 55 Prozent.
Abschlagsfreie Rente als Hindernis für Trendumkehr
Bleibt dieser Trend bestehen, so erwartet das IW ab 2025 jährlich mindestens eine Million Babyboomer, die vor Erreichen des regulären Rentenalters in den Ruhestand gehen, wie echo24.de berichtet. Das ansteigende Renteneintrittsalter bis 67 Jahre bremst diesen Effekt laut Studie kaum.
Das arbeitgebernahe Institut sieht die Regelungen zur abschlagsfreien Rente als einen wesentlichen Grund für die frühe Verrentung. Wer 45 Versicherungsjahre nachweisen kann, darf zwei Jahre vor der gesetzlichen Altersgrenze ohne Abschläge in Rente gehen.
Studienautorin Ruth Maria Schüler fordert laut der Deutschen Presse-Agentur: Union und SPD sollten „konsequent sagen, wir beschränken die Möglichkeiten zum vorzeitigen Renteneintritt“. Doch der Erhalt der abschlagsfreien Rente bleibt ein zentrales Wahlversprechen der SPD und ist auch im Koalitionsvertrag verankert.
Rentenkasse unter wachsendem Druck
Die finanziellen Belastungen für die Rentenkasse steigen seit Jahren. Mit der Babyboomer-Welle kommen zusätzliche Milliardenausgaben hinzu, während die Zahl der Beitragszahler sinkt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat deshalb im Bundestag eine „Rentenreformkommission“ angekündigt. Das Gremium soll bis zur Mitte der Legislaturperiode konkrete Vorschläge erarbeiten.
Die Zeit drängt: Laut einem früheren Entwurf für eine gescheiterte Rentenreform könnten sich die Rentenausgaben bis 2045 mehr als verdoppeln – von aktuell 372 Milliarden Euro auf deutlich über 700 Milliarden. Dieser Anstieg verstärkt sich, wenn das Rentenniveau wie versprochen bei 48 Prozent bleibt.
Viele Babyboomer schon in Rente
Von den 19,5 Millionen Babyboomern, die laut IW die Jahrgänge 1954 bis 1969 umfassen, bezogen 2023 bereits 4,5 Millionen eine Altersrente. Davon gingen 0,9 Millionen Menschen vorzeitig in den Ruhestand, obwohl sie das gesetzliche Renteneintrittsalter noch nicht erreicht hatten. Den Höhepunkt dieser Entwicklung erwartet das IW im Jahr 2031 mit dem besonders geburtenstarken Jahrgang 1964.
Ex-Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte Forderungen nach einer längeren Lebensarbeitszeit stets zurückgewiesen. Viele Menschen seien gesundheitlich nicht in der Lage, länger zu arbeiten. Seine Nachfolgerin Bärbel Bas (SPD) sagte zuletzt: „Es gibt Berufe, da sind die Leute mit 60 schon fertig.“
Wer geht typischerweise früher in Rente?
IW-Forscherin Schüler betont jedoch: „Besonders langjährig Versicherte, die ohne Abschläge in Rente gehen, sind Personen, die im Schnitt über ein höheres Haushaltseinkommen verfügen und gut ausgebildet sind.“ Es handelt sich also meist nicht um Menschen mit körperlich besonders belastenden Berufen.
Auch das ifo-Institut hatte schon früher festgestellt, dass die abschlagsfreie Rente vor allem von Männern, Fachkräften und Personen mit anerkanntem Berufsabschluss genutzt wird. Dagegen müssen Beschäftigte in niedrigeren Lohngruppen oft aus finanziellen Gründen auf einen vorzeitigen Renteneintritt verzichten. Schüler ergänzt: „Bei der abschlagsfreien Rente finden sich häufig Industrieberufe und klassische Facharbeiterkarrieren.“
Finanzielle Anreize für längeres Arbeiten
Das IW plädiert dafür, Babyboomer möglichst lange im Berufsleben zu halten, um die finanziellen Belastungen abzufedern. Ein Ansatz ist die sogenannte „Aktivrente“, ein Konzept aus dem Wahlprogramm der Union. Es sieht vor, dass Menschen, die nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters freiwillig weiterarbeiten, bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei dazuverdienen können.
Schüler appelliert zudem an die schwarz-rote Koalition, in der geplanten Rentenkommission auch über Einschränkungen beim vorzeitigen Renteneintritt zu sprechen. Für die Menschen, die dem Ruhestand entgegensehen, bleibt es ohnehin eine komplexe Rechnung, wann sich der Renteneintritt am meisten lohnt.
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