VonRudolf Bögelschließen
Mit einem Verbrauch von 12 kW und einer beeindruckenden Reichweite von 750 Kilometern schickt Mercedes seinen neuen CLA ins Rennen. Kampfansage an Tesla.
Eisig weht der Wind über das Timmelsjoch. Einsam und weiß liegt die Passstraße vor uns. Am höchsten Punkt auf 2.474 Metern Höhen endet sie abrupt. Nix Italia. Wintersperre. Es ist 9 Uhr morgens und mit 14,5 Grad minus immer noch bitterkalt. Langsam nähert sich ein orange-roter Fleck aus der Schneewüste und schlängelt sich die Serpentinen hoch. Camouflage. Noch dürfen wir den neuen Mercedes-Benz CLA nicht in seiner ganzen Pracht sehen. Die Weltpremiere findet erst im Frühjahr statt. Aber mitfahren können wir schon. Ziemlich exklusiv – was in diesem Fall keine Wichtigtuerei ist, sondern tatsächlich spannend. Denn der CLA ist das erste Fahrzeug der komplett neu entwickelten Elektro-Generation von Mercedes. Sie steht auf der neuen MMA-Plattform, auf der auch der neue CLA Shooting Brake, sowie die SUVs Mercedes GLA und GLB gebaut werden sollen. Ist es aufgefallen? Die EQ-Modelle sind Geschichte, jetzt heißt ein Mercedes wieder so, wie er heißen muss.
Nur 12 KW - Verbrauchswerte auf Rekordjagd
„Effizienz ist die neue Währung“, sagt Timo Stegmaier, der am Steuer des CLA sitzt, der im Idealfall Tesla vom Thron stoßen soll. Der Ingenieur ist als Senior Manager Electric Drive System so etwas wie der Ober-Guru der E-Antriebe von Mercedes-Benz. In seinem Team wurde auch der Technologieträger Vision EQXX entwickelt, der mit einer Batterieladung über 1.200 Kilometer schafft. Wenn Effizienz die neue Währung ist – wo liegt da der aktuelle Kurs beim CLA, wollen wir wissen. „Das Ziel war ein Verbrauch von 12 kWh auf 100 Kilometern“, meint der Ingenieur, „und diesem Ziel haben wir von Anfang an alles untergeordnet!“ Über 750 Kilometer Reichweite soll der neue CLA nun draufhaben, was für einen Kompaktwagen beachtlich wäre. Und mehr als der aktuelle Audi Q6-e-tron schafft oder etwa der Luxustromer Air Pure von Lucid. Während Stegmaier auf Schnee und Eis die letzten Testkilometer mit dem auch innen komplett getarnten CLA abspult, lässt er sich zumindest ein wenig in die Entwickler-Karten blicken.
Neuer Akku mit 20 Prozent mehr Energie
„Die Reichweite war gesetzt, deshalb haben wir das ganze System auf Effizienz getrimmt“, sagt er. Und das fängt beim Akku an. Viel Reichweite braucht viel Batterie. Viel Batterie wiegt auch ziemlich viel. Und Gewicht wiederum kostet Reichweite. Ein Teufelskreis, den Mercedes beim CLA zu durchbrechen versucht. Mit einer neuen Akkugeneration zum Beispiel. Bei der großen Batterie mit einem nutzbaren Energiegehalt von 85 kWh wurde die Zellchemie so verändert, dass sich die Energiedichte um 20 Prozent erhöht hat. Schöner Nebeneffekt: Die Akkukosten sinken um bis zu 30 Prozent. Daneben bietet Benz auch noch ein Basismodell mit einem kleineren 58 kWh großen Energiespeicher an, der eine andere Zellchemie aufweist. Umgesattelt hat Mercedes auch auf das leistungsfähige 800-Volt-System. Dadurch lässt sich der CLA mit bis zu 320 kW aufladen. Was das bedeutet? Als besonders griffigen Wert gibt Mercedes „300 Kilometer Reichweite in zehn Minuten“ an. Damit liegt man endlich auch auf Augenhöhe mit vergleichbaren Systemen, wie es etwa der Hyundai Ioniq 5 hat.
Allrad-CLA mit zwei Motoren: 272 PS hinten, 109 PS vorne
Eigene Akkus, eigene Elektronik, eigene Motoren – Mercedes hat dieses Mal nichts dem Zufall oder den Zulieferern überlassen, die wichtigsten Komponenten wurden im Haus entwickelt. Beim elektrischen CLA sitzt der Hauptantrieb immer auf der Hinterachse. Herzstück der sogenannten Electric Drive Unit (EDU) ist eine 200 kW (272 PS) starke und permanenterregte Synchronmaschine. Dazu kommt die Leistungselektronik mit Wechselrichter und einem Zwei-Gang-Getriebe. Alles in einem kompakten Gehäuse. „Den zweiten Gang brauchen wir für die Effizienz“, sagt Stegmaier, „achten Sie mal drauf, ob Sie einen Übergang bemerken?“ So ist das mit den rhetorischen Fragen: Natürlich lässt sich kein Gangwechsel feststellen, so fein arbeitet das System. Aber das bärenstarke Drehmoment spüren wir sehr wohl. Wie hoch es ist, wird noch nicht verraten, jedenfalls ist es enorm und die satte Traktion schafft Vertrauen trotz der eisigen Verhältnisse.
93 Prozent - so gut ist der Wirkungsgrad des Mercedes CLA
Unterstützt wird die hintere EDU bei den 4-Matic-Modellen von einem zweiten Elektromotor auf der Vorderachse. Diese 80-kW (109 PS) starke Maschine ist ebenfalls permanenterregt, kann aber innerhalb 0,2 Sekunden durch die sogenannte DCU (Disconnect Unit) vom System abgekoppelt werden. Dadurch werden die Schleppverluste auf der Vorderachse reduziert, die Reichweite steigt. Genauso schnell mischt der vordere Motor aber auch wieder mit, wenn viel Leistung und Traktion gebraucht werden. Als elektrischer Booster, der sofort auf Zack ist. Dynamisch wenn nötig, meistens jedoch so effizient wie möglich. „Der Wirkungsgrad unseres Antriebs“, meint Stegmaier nicht ohne Stolz, „liegt auf der Langstrecke bei 93 Prozent von der Batterie bis zum Rad.“ Auf die Effizienz zahlt auch auf die Rekuperation ein, die bis zu 200 kW in das System zurückspeisen kann. Fast alle Bremsvorgänge sollen im Alltag mit dem Stromgenerator absolviert werden. „Wir gewinnen sogar Energie zurück, wenn das ABS läuft“, erzählt der Chef-Stromer von Mercedes.
Nur beim Thema Aerodynamik wird er wortkarg. Schon klar, dass man hier um jeden Prozentpunkt hinter dem Komma gekämpft hat, aber schließlich will Mercedes bei der Weltpremiere im Frühjahr noch Munition haben für die Kommunikation. Dazu zählt sicher der publicityträchtige cw-Wert. Unser Wissenshunger soll mit dem Effizienz-Weltrekord gestillt werden, den Mercedes auf der sizilianischen Hochgeschwindigkeitsstrecke von Nardo aufgestellt hat. 3.717 Kilometer hat dort ein Prototyp innerhalb von 24 Stunden zurückgelegt, was einer Strecke vom norwegischen Trondheim bis ins türkische Istanbul entspricht. Und das bei Temperaturen zwischen 13 Grad (nachts) und 29 Grad tagsüber. Für die Statistiker unter uns: 40-mal ging es jeweils für zehn Minuten an die Zapfsäule. Viel häufiger als nötig, aber auch hier führte das Thema Effizienz die Regie.
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Wir der Mercedes CLA zum Gamechanger? Unser Fazit!
Elektro hin, Effizienz her – Mercedes setzt beim neuen CLA, der nach dem Wegfall von A- und B-Klasse ja den Einstieg in die Mercedes-Welt bedeutet, auch auf einen herkömmlichen Mild-Hybrid-Antrieb. Ein Diesel ist offensichtlich nicht mehr im Programm. Optisch unterscheiden sich die Modelle nicht, abgesehen davon, dass der Elektro-CLA um 16 Millimeter höher aufragt. Hauptakteur beim Hybrid ist ein neu entwickelter 1,5-Liter-Vierzylinder, den es zunächst mit 100, 120 oder 140 kW (136, 163, 190 PS) geben soll. Er wird von einem 20 kW starken Elektromotor im Getriebe unterstützt, der dank einer hohen Rekuperation von 25 kW und einer 1,3 kWh großen Batterie im innerstädtischen Bereich sogar voll elektrisch fahren kann.
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Damit ist der knapp 4,80 Meter lange Viertürer (fast so groß wie die Mercedes-Benz C-Klasse) auch eine Option für Elektro-Skeptiker. Oder ganz einfach für Menschen, die nicht ganz so viel Geld ausgeben wollen. Denn bei aller Euphorie sollte man nicht vergessen, dass es neben der neuen Währung „Effizienz“ ja noch die alte Währung gibt, die beim Autokauf auf den Tisch gelegt werden muss. Und hier dürfte sich auch entscheiden, ob der rein elektrische Mercedes CLA tatsächlich zum Gamechanger wird, oder ob ein eventuell zu hoher Verkaufspreis nicht doch noch zum Spielverderber wird. (Rudolf Bögel )
Rubriklistenbild: © Mercedes-Benz AG / Andre Tillmann




