Konkurrenz für McLaren, Ferrari und Co. Der Maserati GT2 Stradale will das Segment der Supersportwagen aufmischen. Was kann er besser?
Einer von 914. So viele Exemplare wird es von diesem Auto geben. Was heißt hier schon Auto? Viel zu profan. Es ist ein Super-, vielleicht sogar ein Super-Super-Sportwagen. Über 300.000 Euro teuer und limitiert – der Maserati GT2 Stradale, der auf dem MC20 basiert. Ein Rennwagen mit Straßenzulassung, einer der letzten seiner Art. Weil er ein reinrassiger Verbrenner ist. Ein heißes Gerät. Und wir konnten ihn fahren – auf ganz normalen, italienischen Straßen und auf einer Rennstrecke, die einen legendären Namen trägt. Das heutige Autodromo di Modena hat mit dem gleichnamigen Track, auf dem Enzo Ferrari und Stirling Moss ihre Runden drehten, allerdings nichts mehr zu tun. Die alte Strecke wurde abgerissen, der neue Kurs an anderer Stelle wieder aufgebaut.
Doch zurück zum Maserati GT2 Stradale. Warum 914 Exemplare, warum die Plakette „1 of 914“ in der Mittelkonsole? Die Auflösung: Wenn man die Zahlen in einem Rutsch liest, ergibt sich 1914. Und das war das Geburtsjahr der italienischen Sportwagenmarke. Über 112 Jahre später kämpft sie ums Überleben. Mittlerweile Teil der Stellantis-Familie haben die Sportwagenbauer aus Modena vor ein paar Jahren so etwas wie die letzte (Finanz-)Spritze bekommen, um endlich wieder in die Erfolgsspur zu kommen. Mit dem Geld haben sie in Modena einen neuen V6-Benziner mit dem Namen Nettuno entwickelt. Neptun, der Gott der Meere und sein Dreizack – sie stehen für ein Mittelmotor-Konzept mit mittlerweile 640 PS und 720 Newtonmeter (Nm) Drehmoment. Signifikant ist die aus der Formel 1 entlehnte Vorkammer-Zündung, die für eine explosionsartige Entfaltung des Drehmoments sorgt.
Kult-Auto mit Katapult-Effekt: In 2,8 Sekunden von 0 auf 100
Die selbst entwickelte V6-Maschine hat lange Jahre der Schmach getilgt, als Maserati-Modelle nur Kostgänger bei Ferrari waren, wenn es um den Antrieb ging. Der Biturbo-Nettuno war so etwas wie die Befreiung von der Fron. Im GT 2 Stradale werkelt er fast unangetastet (zehn PS mehr als die Serienversion) und katapultiert den MC20 in 2,8 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Was für eine Maschine! Bella Macchina sagen die Italiener dazu – und wie im herkömmlichen MC20 auch kann man sie durch eine Glasscheibe im Heck bewundern. Der GT2 Stradale ist wie der Name schon sagt, die Straßen-Version des Rennwagens. Mit ihm kehrte Maserati erfolgreich in den Motorsport zurück.
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Aus dem Rennsport stammt auch die Aerodynamik des GT2 Stradale. Sie wurde kompromisslos auf Fahrstabilität getrimmt. Den Stradale erkennt man sofort an den mächtigen Entlüftungskiemen auf der Motorhaube und an den ebenfalls auf mehr Durchzug getrimmten Lufteinlässen in der Frontpartie. Dadurch wirkt der Maserati aggressiver, verliert aber trotzdem nicht seinen lässig-eleganten Auftritt. Das Heck wird dominiert von einem massiven und dreiteilig verstellbaren Flügel. Aerodynamik und Spoiler vereint eine gemeinsame Mission: Sie sollen den Abtrieb steigern. Und wie! Bis zu 500 Kilogramm „Downforce“ bringt der Stradale jetzt auf die Reifen und damit mehr als das Dreifache als die herkömmliche Version.
Maserati GT2 Stradale: Ist er nur schön, oder auch ein Track-Tool?
Damit pappt die Flunder wie Uhu auf der Straße. Natürlich erst bei hohen Geschwindigkeiten. Das Top-Tempo des Stradale liegt bei 324 km/h. Ein Wert, den man nur auf der Rennstrecke erreichen sollte. Hier im Autodromo di Modena ist diese Endgeschwindigkeit sowieso nicht drin. Den derzeitigen Rekord hält ein Lamborghini Huracán STO mit 228 km/h. Aber auch so merkt man, wie sich der GT2 Stradale auf die Straße duckt. Und eigentlich geht es ja darum, wie agil und sauber der GT2 Stradale durch die elf Kurven des Tracks saust. Und das ist in der Tat beeindruckend. Runde um Runde schnüren wir durch den zwei Kilometer langen Rundkurs und gewinnen immer mehr an fahrerischer Sicherheit. Das hat Suchtfaktor und fühlt sich gut an. Was auch am Fahrwerk liegt, das im Vergleich zur Straßenversion ebenfalls aufgerüstet wurde. Zunächst einmal bei der Hardware. Im Einsatz sind straffere Federn und Dämpfer, größeren Bremsen und ein elektronisches Sperrdifferenzial zur präziseren Verteilung des Drehmoments an der Hinterachse. Getunt wurde auch die Software von der Fahrdynamik bis hin zur Traktionskontrolle. Ist alles ein bisschen schärfer und dynamischer als beim „einfachen“ MC20.
Unser Fazit zu Neptuns Rennwagen Maserati GT2 Stradale
Auch auf der Straße liefert der Supersportwagen ab. Heißt ja nicht von ungefähr Stradale. Das Fahrwerk verfügt über einstellbare Dämpfer und Stabilisatoren. Damit ist Racer für alle Anforderungen gerüstet. Hart und kompromisslos für den Track, aber auch komfortabel genug für den Alltag, sofern es so etwas gibt für MC20-Besitzer. Schwer vorstellbar, dass man damit täglich zur Arbeit pendelt. Im GT-Modus jedenfalls wird aus der Bestie eine handzahme Hauskatze. Gechillt cruisen wir über die überfüllte Autostrada del Sole. Das Brüllen des Motors wird zu einem leisen Säuseln begleitet vom sanften Pfeifen der beiden Turbos. Wir fühlen uns so, als ob wir in einer Limousine sitzen würden, vielleicht nicht ganz so kultiviert und bequem wie in einem waschechten Alpina aber trotzdem ziemlich komfortabel. Wir würden sagen: Mission erfüllt. Der GT2 Stradale ist ein beeindruckend schöner Wagen für alle Gelegenheiten. Wer eines der 914 Exemplare ergattern will, muss aber über ein ausreichend gedecktes Bankkonto verfügen. Los geht es erst ab 310.000 Euro. Die Konkurrenz jedenfalls kann sich warm anziehen. Der Stradale ist eine echte Alternative im Segment der Supersportwagen. Nicht so knallhart wie der Porsche 911 GT3 RS, aber eleganter als ein McLaren, ob 750 S oder der Artura. Und wer einen kernigen Italiener haben will, der muss nicht erst bis zu Ferrari nach Maranello fahren, der kann schon in Modena abbiegen bei Maserati. (Rudolf Bögel)