- VonMilea Erzingerschließen
Viele Menschen fühlen sich als Teil der Mittelschicht. Doch wo verlaufen die Grenzen wirklich? Neue Daten zeigen, wie komplex die Einordnung geworden ist.
Die Mittelschicht gilt als das Rückgrat der Gesellschaft. Politiker sprechen oft von ihr, wenn es um Steuern, Wohnen oder Rente geht. Viele Menschen fühlen sich ihr zugehörig. Doch wer tatsächlich dazugehört, ist gar nicht so leicht zu sagen. Einkommen, Bildung, Beruf und Familiengröße spielen dabei eine Rolle. Außerdem verändert sich die Mittelschicht ständig durch steigende Preise, neue Jobs und gesellschaftliche Veränderungen.
Zwischen Geringverdienst und Wohlstand: So teilt sich die Gesellschaft auf
Die Gesellschaft wird oft in drei große Gruppen unterteilt: die einkommensschwachen Haushalte, die Mittelschicht und die einkommensstarken Haushalte. Diese Einteilung dient nicht nur der Statistik, sondern hilft auch, politische Entscheidungen gezielt zu steuern.
Während die Oberschicht einen kleinen, aber einflussreichen Teil der Gesellschaft stellt, bildet die Mittelschicht mit knapp der Hälfte der Bevölkerung den größten Block, so das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Die untere Einkommensgruppe – häufig als „geringverdienend“ bezeichnet – umfasst Menschen mit Einkommen unterhalb von 60 Prozent des mittleren Einkommens. Dazu zählen zum Beispiel viele Teilzeitkräfte, Alleinerziehende und Personen mit niedrigen Qualifikationen.
Mittelschicht ist nicht gleich Mittelschicht: Warum klare Grenzen fehlen
Obwohl der Begriff „Mittelschicht“ sehr häufig verwendet wird, gibt es keine feste, allgemein anerkannte Definition. Meist orientieren sich Ökonomen an dem mittleren Einkommen der Gesellschaft, dem sogenannten Median, erklärt das IW im Kurzbericht 29/2024.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) arbeitet deshalb mit einem zweistufigen Verfahren. Zuerst wird eine sogenannte soziokulturelle Mitte bestimmt. Dazu gehören Menschen mit bestimmten Bildungsabschlüssen und Erwerbstätigkeiten. Im zweiten Schritt wird geprüft, welche Einkommensbereiche in dieser Gruppe am häufigsten vorkommen.
Wer gehört zur Mittelschicht? So wird das Einkommen berechnet
Zur „engen Mittelschicht“ zählt laut IW dann, wer mit seinem Haushaltseinkommen zwischen 80 und 150 Prozent des Durchschnittseinkommens liegt. Zusätzlich unterscheidet das IW noch eine untere Mitte und eine obere Mitte. Wichtig ist dabei auch, wie das Einkommen berechnet wird.
Für die Analyse werden alle Einnahmen eines Haushalts zusammengerechnet, Steuern und Sozialabgaben abgezogen und das übrig gebliebene Nettoeinkommen auf die Haushaltsmitglieder verteilt, heißt es weiter. Dabei wird berücksichtigt, dass das Leben günstiger wird, wenn mehrere Personen zusammenwohnen und, dass Kinder in der Regel weniger Kosten verursachen als Erwachsene. Die Einteilung für das Jahr 2022 sieht laut IW so aus:
Einkommensgrenzen nach Haushaltstyp (Netto pro Monat)
Singlehaushalt
- Relativ arm: unter 1.390 €
- Untere Mitte: 1.390 € bis 1.850 €
- Mitte im engen Sinne: 1.850 € bis 3.470 €
- Obere Mitte: 3.470 € bis 5.780 €
- Relativ reich: über 5.780 €
Alleinerziehend mit einem Kind unter 14 Jahren
- Relativ arm: unter 1.800 €
- Untere Mitte: 1.800 € bis 2.400 €
- Mitte im engen Sinne: 2.400 € bis 4.510 €
- Obere Mitte: 4.510 € bis 7.510 €
- Relativ reich: über 7.510 €
Paarhaushalt ohne Kinder
- Relativ arm: unter 2.080 €
- Untere Mitte: 2.080 € bis 2.770 €
- Mitte im engen Sinne: 2.770 € bis 5.200 €
- Obere Mitte: 5.200 € bis 8.670 €
- Relativ reich: über 8.670 €
Paarhaushalt mit einem Kind unter 14 Jahren
- Relativ arm: unter 2.500 €
- Untere Mitte: 2.500 € bis 3.330 €
- Mitte im engen Sinne: 3.330 € bis 6.240 €
- Obere Mitte: 6.240 € bis 10.400 €
- Relativ reich: über 10.400 €
Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren
- Relativ arm: unter 2.910 €
- Untere Mitte: 2.910 € bis 3.880 €
- Mitte im engen Sinne: 3.880 € bis 7.280 €
- Obere Mitte: 7.280 € bis 12.140 €
- Relativ reich: über 12.140 €
Wo liege ich mit meinem Einkommen? Für wen der Sprung in die Mitte möglich wird
Auffällig bleibt, dass sich in Umfragen trotz klarer Einkommensgrenzen deutlich mehr Menschen der Mittelschicht zugehörig fühlen, als es die Statistik nahelegt. Umgekehrt werden hohe Einkommen oft erst dann als reich wahrgenommen, wenn sie das durchschnittliche Niveau deutlich übersteigen, schreibt das IW. Ein Einkommen, das in Kleinstädten ein komfortables Leben ermöglicht, reicht in Großstädten oft nur für die Grundausgaben.
Besonders im unteren Einkommensbereich zeichnen sich für 2025 allerdings spürbare Veränderungen ab. Wie die Bundesregierung berichtet, wurde der gesetzliche Mindestlohn angehoben und soll dadurch die finanzielle Lage vieler Geringverdiener verbessern. Hinzu kommen neue Tarifabschlüsse in Branchen wie dem öffentlichen Dienst und dem Nahverkehr, die ebenfalls zu höheren Löhnen führen.
Rubriklistenbild: © Westend61/IMAGO

