IW-Studie gibt Orientierung

Einstufung in Mittelschicht und Reichtum: Eine Auswertung gibt Aufschluss

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Wann ist jemand in Deutschland einkommensstark zu betrachten und wann gehört jemand zur Mittelschicht? Eine Erhebung des IW Köln hat sich diesen Fragen gewidmet.

Frankfurt – Betrachtet man die Entwicklung sozialer Klassen in Deutschland als langwierigen und jahrzehntelang andauernden Prozess, wird dabei eines besonders deutlich: Die Mittelschicht hierzulande schrumpft zusehends, der Zugang zu ihr erschwert sich. 1995 gehörten ihr noch 70 Prozent der Bevölkerung an, 2007 noch 65 Prozent und 2019 noch 63 Prozent, wie Studien der Bertelsmann Stiftung und des ifo Instituts zeigen. 

Die Eigenwahrnehmung vieler zeichnet jedoch ein anderes Bild: Rund 80 Prozent rechnen sich laut Bertelsmann Stiftung zur Mittelschicht und damit deutlich mehr, als ihr tatsächlich angehören. Nahe liegt da, dass politisch gerne und oft um die ach so breite Mittelschicht gebuhlt wird – wie sehr, wurde erst im jüngsten Bundestagswahlkampf deutlich. Aber ab wann lässt sich eigentlich zu Recht behaupten, der Mittelschicht anzugehören, und ab wann gilt jemand in Deutschland als reich?

So hoch sollte das Gehalt sein, um der Mittelschicht anzugehören

Jene Fragen nahm sich nun auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) in einer neuen Analyse vor. Wichtige Grundlage der Berechnung ist die sogenannte Bedarfsgewichtung, der zufolge die Lebenshaltungskosten für Angehörige eines Haushalts mit mehreren Personen günstiger sind als für Single-Haushalte, und dass ein Kind weniger finanzielle Ressourcen benötigt als ein erwachsener Mensch. Als ein Ergebnis geht aus der Erhebung hervor: Für Singles reicht schon ein Haushaltsnettoeinkommen von monatlich 1850 Euro, um zur Mittelschicht im Land zu gehören. 

Wer gehört zur Mittelschicht, wer gilt als reich?

Wie stehen Sie mit Ihrem Einkommen im Vergleich da? Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bietet auf der Internetseite einen Einkommensrechner an.

Eine vierköpfige Familie dagegen benötigt bereits 3880 Euro monatlich, um selbes von sich behaupten zu können. Als Grundlage der Definition der Mittelschicht legte das Wirtschaftsinstitut das sogenannte Median-Einkommen, also das bundesweite Nettoäquivalenzeinkommen seiner Untersuchung zugrunde. 2023 etwa lag dies laut EU-SILC (European Union Statistics on Income and Living Conditions), über das mitunter die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) berichtete, bei 26.274 Euro. 

Braucht es eine Villa mit Pool, um in Deutschland als reich zu gelten? Viele Menschen haben bei Reichtum und der Frage, wer zur Mittelschicht zählt, eine falsche Vorstellung.

Der Mittelschicht gehört eine Person nach IW-Definition also an, wenn ihr bedarfsgewichtetes Haushaltsnettoeinkommen zwischen 80 Prozent und 150 Prozent des mittleren bundesweiten Einkommens liegt. Demnach gehört eine alleinlebende Person zur Mittelschicht im engen Sinne, wenn sie über ein monatliches Netto-Einkommen zwischen 1850 und 3470 Euro verfügt. Insgesamt gehört damit, wie bereits in den Vorjahren, rund jede und jeder Zweite zu jener Einkommensgruppe.

Für die Mittelschicht gibt es keine einheitliche Definition

Trotz der allseitigen Präsenz des Begriffs „Mittelschicht“, gibt es jedoch keine einheitliche Definition für sie, schreibt das IW Köln weiter. Trotz Orientierung an der Grundlage des Median-Einkommens, bleibt es in vielen Untersuchungen zur Frage willkürlich, wo die Grenzen der Mittelschicht zu den übrigen sozialen Klassen gezogen werden.

Die Abgrenzung, so das Institut, funktioniert dabei mittels eines Zwei-Stufen-Verfahrens: Zunächst wird anhand verschiedener Kriterien von Bildung und Erwerbstätigkeit eine soziokulturelle Mitte definiert. Im zweiten Schritt lässt sich dann untersuchen, welche Einkommensbereiche diese Merkmale dominieren.

Ab diesem monatlichen Nettoeinkommen gilt jemand in Deutschland als reich

Als „reich“ gilt laut Begriffsdefinition des IW Köln, wem mehr als 250 Prozent des monatlichen Median-Einkommens zur Verfügung stehen. Zumindest gelten diejenigen dann der Gruppe der relativ Einkommensreichen zugehörig. Für Singles sind das mindestens 5780 Euro netto monatlich

Auf einen Vier-Personen-Haushalt gerechnet, in dem alle Angehörigen älter als 14 Jahre alt sind, bedeutet das: Das monatliche Haushaltsnettoeinkommen müsste bei rund 14.500 Euro liegen, damit jedes Haushaltsmitglied den Lebensstandard eines Singles mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 5780 Euro erreicht. Für einen Paarhaushalt ohne Kinder gilt dies laut dem IW Köln ab einem Nettoeinkommen oberhalb von 8670 Euro im Monat, bei einem Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Grenze bei 12.140 Euro. 

Nur knapp vier Prozent der Deutschen gilt als reich – laut IW-Analyse

Laut IW-Analyse verfügten 2022 übrigens nur etwas weniger als vier Prozent der bundesweiten Bevölkerung über mehr als das zweieinhalbfache des bedarfsgewichteten Nettoeinkommens, sodass sie laut der Abgrenzung als relativ einkommensreich gelten. Das ist immens viel weniger, als Menschen hierzulande den Anteil reicher Menschen an der Gesamtbevölkerung schätzen: Einer Erhebung von Forschenden der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2019 zufolge lag der Bevölkerungsanteil, den Befragte zu den besonders Reichen zugehörig vermuteten, bei ganzen 25 Prozent. (fh)

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