Tierärztin gibt Tipps zur artgerechten Katzenhaltung – „Patienten, die nicht sprechen“
VonSophie Kluß
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Dr. Bettina Christian ist Tierärztin und Katzen-Expertin. In einem Interview hat sie Katzenbesitzern Tipps für die artgerechte Haltung der Stubentiger verraten.
Viele Menschen, darunter auch erfahrene Katzenbesitzer, unterliegen der Annahme, dass man bei der Haltung von Katzen nicht viel falsch machen kann. Dass sie damit jedoch auf dem Holzweg sind, weiß die Tierärztin und Katzen-Expertin Dr. Bettina Christian. Sie hat sich auf Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltenstherapie bei Katzen spezialisiert und nennt sie liebevoll „Patienten, die nicht sprechen.“
Mache man bei der Haltung Fehler, könnten Katzen verschiedene Verhaltensstörungen entwickeln, darunter Angststörungen, depressive Störungen oder Hyperagression. Auch posttraumatische Stresssyndrome könne man bei den Samtpfoten durchaus beobachten. Es gebe zudem menschenbezogene Störungen oder solche, die sich auf Artgenossen beziehen, aber auch auf Geräusche oder die Umgebung. Genauso könnten Stress, Langeweile, Schmerzen, Hormon- oder Zwangsstörungen, Vernachlässigung sowie Überbehüten oder Vergiftungen laut Tiermedizinportal Auslöser für Verhaltensstörungen sein.
Im Interview mit dem Stern hat Dr. Bettina Christian nicht nur verraten, dass man Katzen ähnlich wie Hunde erziehen kann. Sondern sie gibt auch hilfreiche Tipps, was Katzeneltern zugunsten der artgerechten Haltung ihrer Lieblinge beachten sollten.
Auch gegen Langeweile – 6 Tipps für eine artgerechte Haltung
Langeweile, die Überhand nimmt, könne sogar zu Depressionen führen. Manche Katzen seien dann träge, würden sich zurückziehen oder seien extrem müde. Oft könne man das sogar am Fell sehen. „Manche kriegen eine Fresssucht, andere hören auf zu fressen. Sie sind unlustig und wenig motivierbar.“ Übermäßig wildes Verhalten oder Aggressivität, aber auch die sogenannten „Manegebewegungen“ (Wiederholen der gleichen Touren), seien ein Anzeichen für zu große Langeweile. Um dieser vorzubeugen, hat Dr. Christian hilfreiche Anregungen für Katzenbesitzer parat.
Kratzmöglichkeiten: wie ein Kratzbaum sollten sich gegenüber der Haustür befinden. Auch, welches Material Ihre Katze gerne bekratzt oder in welcher Ausrichtung sie das tut, sollte berücksichtigt werden.
Futter und Wasser niemals nebeneinanderstellen: Futternäpfchen sollten darüber hinaus nie aus Edelstahl, sondern immer aus Steingut sein. Optimal sei ein Trinkbrunnen, „weil viele Katzen es lieben, mit Wasser zu spielen.“
Füttern Sie Ihrer Katze viele kleine Portionen: über den Tag verteilt. Das hochwertige Trockenfutter erlange sie beispielsweise via Ad-Libitum Fütterung: Dabei komme die Katze zu jeder Zeit an ihr Futter, müsse es sich aber zuerst erarbeiten. Möglichkeiten dafür sei ein sogenanntes Katzenfummelbrett oder eine Pipolino-Rolle. Denn, so Dr. Christian: „Eine Katze, die nach Essen sucht, ist nicht gelangweilt.“
Decken Sie das Katzenklo niemals ab: Allein der strenge Geruch darin sei für Ihr Haustier schlichtweg Tierquälerei, so Christian.
Schaffen Sie einen Katzen-Spielplatz: Müssen Sie Ihre Katze häufig alleine lassen, denken Sie daran, Ihrer Samtpfote ausreichend Spielmöglichkeiten zu schaffen. Ein Zeitaufwand von etwa einer halben Stunde würde laut Dr. Christian bereits ausreichen: „Ein bisschen Feuchtfutter füttern, eine kleine Spieleinheit bieten. Den Pipolino füllen, zwei Kratzfummelbretter und ein paar Snacks in der Wohnung verteilen.“
Schaffen Sie für die Samtpfote einen Platz, an dem sie beobachten kann: „Das machen die gerne. Man sollte ein Plätzchen schaffen, von dem aus sie rausgucken kann, und wo sie viel sehen kann.“
Eine zweite Katze gegen die Langeweile? „Überhaupt keine gute Idee“
Viele Leute kämen auf die Idee, der ersten Katze einen Artgenossen gegen die Langeweile zur Seite zu stellen. Das sei allerdings nicht immer eine gute Idee, findet zumindest die Tierärztin. „Das kann ein Supergau werden. Man kann zwei Katzen zusammen halten. Das kann gutgehen, muss aber nicht.“
Anders sieht das die Tierärztliche Gemeinschaftspraxis Artland. Hier gibt man Katzenhaltern einen wertvollen Tipp: „Ausprobieren und genau beobachten! Ein geselliger Typ sollte nicht zu einem Einzelgänger ziehen. Katze und Katze versteht sich oft besser als Kater und Katze, oder Kater und Kater. Ebenso sind Katzen, die als Kitten lange bei der Mutter und ihren Geschwistern waren oft sozialer als solche, die früh (und das heißt auch schon mit einem Alter von 8 Wochen) getrennt wurden.“ Im Normalfall würden Katzen deutliche Anzeichen geben, sollte ihnen etwas nicht passen – der Mensch müsse diese nur erkennen.
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Selbst verwandtschaftliche Beziehungen würden keine Rolle spielen. Viel eher spielt es „eine Rolle, wie sie daran gewöhnt sind, wie ihre genetische Ausstattung und das Sozialverhalten sind – und wie viel Futter da ist“, so die Katzen-Expertin gegenüber dem Stern. „Wenn Sie zwei Katzen haben, die sich lieb haben, die aneinander gewöhnt sind, die sich schätzen – dann ist es natürlich toll.“ Nehme man hingegen zwei Katzen in dem Glauben, dass sie einander die Einsamkeit oder Langeweile erträglicher machen, sei eine solche Entscheidung „Unsinn“.