Gefährdete Regionen

Zehn Reiseziele, die besonders von Overtourism betroffen sind – und wie Urlauber selbst gegensteuern können

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Die Frustration der Bewohner in überlaufenen Ferienregionen war dieses Jahr deutlich zu spüren. Ein Übertourismus-Index verdeutlicht, welche Gebiete besonders leiden.

Zahlreiche begehrte Reiseziele haben stark mit den Konsequenzen des sogenannten Overtourism zu kämpfen. Gemeint ist damit das übermäßige Wachstum der Besucherzahlen in einem bestimmten Gebiet. Ein prominentes Beispiel dafür ist Venedig: In der Lagunenstadt wurde mittlerweile ein Punkt erreicht, bei dem von den Tagestouristen eine Eintrittsgebühr verlangt wird – in der Hoffnung, dass die Besucherzahlen damit besser gelenkt werden können. Im kommenden Jahr soll diese sogar verdoppelt werden. Aber sind diese Maßnahmen wirklich hilfreich? Und was können Reisende selbst tun, um das Problem nicht noch weiter zu verschärfen?

Mit dieser Frage hat sich eine aktuelle Studie von Evaneos, einem Online-Marktplatz für Individualreisen, und der Unternehmensberatung Roland Berger beschäftigt. Daraus ist der „Übertourismus-Index” entstanden, der sich objektiv an das Thema annähert. Es geht also nicht nur darum, die subjektiven Eindrücke von außen zu sammeln, sondern Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzufügen, um die gefährdetsten Orte zu entschlüsseln. Vier Kriterien spielten dabei eine Rolle: die Touristendichte pro Einwohner, die Touristendichte pro Quadratkilometer, die Saisonalität sowie die Entwicklungsstufe des Reiseziels im Bereich der Nachhaltigkeit. 

Daraus haben sich einige Reiseziele – aus insgesamt 70 der 100 wichtigsten Destinationen weltweit – herauskristallisiert, die von dem Phänomen des Overtourism besonders betroffen sind.

Strand-Reiseziele gehören zu den am stärksten gefährdeten Urlaubsorten

Schirm an Schirm: An beliebten Strand-Reisezielen bleibt oft nicht mehr viel Platz.

Beliebte Strandreiseziele sind anhand des Übertourismus-Index die am stärksten gefährdeten Urlaubsorte. Das liegt daran, dass ein besonders hoher Anteil an Touristen in kleinen, ökologisch fragilen Orten zusammenkommt. 3,2 bis 9,9 Besucher kommen hier auf einen einzigen Einheimischen – das Problem wird dadurch verschärft, dass diese Reiseziele oft auch mit durchschnittlich 25 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts vom Tourismus abhängig sind. Besonders zutreffend ist dies laut der Studie auf folgende Orte:

  • Zypern
  • Mauritius
  • Griechenland
  • Kroatien

Wer diese gefährdeten Urlaubsorte schonen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten, wie der Reise-Experte Laurent de Chorivit, Co-CEO von Evaneos, gegenüber IPPEN.MEDIA erklärt. So muss beispielsweise nicht komplett auf das Reiseziel verzichtet werden: „Hier kann darauf geachtet werden, mehr außerhalb der jeweiligen Hauptreisesaison zu reisen.“ Zudem helfe es auch, den Blick nur ein wenig über den Tellerrand zu bewegen: Während die südliche Ägäis in Griechenland bei Touristen äußerst beliebt ist, gibt es weniger bekannte und überlaufene Regionen im Norden – darunter Meteora, Ioanninga sowie den Peloponnes.

Wie ein Report des Reiseinformationsanbieters Mabrian erst kürzlich ergeben hat, findet sogar schon ein kleiner Umschwung statt: Reisende verschlägt es immer häufiger zu den unbekannteren Inseln Griechenlands und auf das Festland. Dort schätzen sie die kühleren Temperaturen, eine überschaubare Touristenanzahl und das gute Preis-Leistungs-Verhältnis.

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Europäische Urlaubsklassiker vor allem im Sommer vom Übertourismus betroffen

Abgesehen von den klassischen Strand-Reisezielen, bei denen sich die Touristenströme auf ein kleineres Gebiet beschränken, erleben auch traditionelle europäische Urlaubsländer während der Hochsaison einen wahren Besucheransturm: „Die meisten Ankünfte von Touristen und Touristinnen in beliebten Metropolen finden im Zeitraum von Juli bis Ende September statt“, sagt de Chorivit. Besonders betroffen davon sind laut dem Übertourismus-Index von Evaneos:

  • Spanien
  • Italien
  • Portugal
  • Frankreich

Diese Urlaubsländer haben den Vorteil, dass sich die Masse an Reisenden besser verteilen kann und die Wirtschaft weniger vom Tourismus abhängig ist als an den zuvor genannten Strand-Reisezielen. Die Branche macht durchschnittlich neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.

Dennoch lässt sich auch hier etwas tun, um die Belastung etwas zu verringern. Urlauber können ihre Reise vor Juni oder nach August planen, um der Hauptreisezeit zu entgehen, wie der Evaneos-Experte rät: „Die Mittelmeerküste in Frankreich kann im Sommer ziemlich touristisch werden, aber die Bretagne ist immer noch ein kleines Juwel, das darauf wartet, entdeckt zu werden. Außerdem hat wohl jeder die Streiks und Demonstrationen auf Mallorca dieses Jahr mitbekommen, daher empfehle ich vor allem die nördlichen Pyrenäen in Spanien, die auch ein Naturparadies für Outdoor-Fans mit tollen Wanderwegen und Panoramen bieten.“

Unbekannte Städte, Dörfer und Landschaften: Zehn Geheimtipps für den Italien-Urlaub

Stadt Urbino in der italienischen Region Marken
Im Italien-Urlaub verschlägt es viele Reisende zu den Touristenmagneten Rom, Venedig oder Florenz. Aber wie wäre es mit der Stadt Urbino in der italienischen Region Marken? Sie gilt als die “Wiege der Renaissance” und ist der Ort, an dem der berühmte Künstler Raffael das Licht der Welt erblickte. Sein Geburtshaus kann heute noch besichtigt werden. Aufgrund der imposanten Architektur zählt Urbino zudem zum Unesco-Weltkulturerbe. Das wohl beeindruckendste Bauwerk ist der Palazzo Ducale aus dem 15. Jahrhundert.  © Pond5 Images/Imago
Kanal Vena in der italienischen Stadt Chioggia
Wer keine Lust auf lange Schlangen und Gedränge in der Lagunenstadt Venedig hat, findet nur etwa eine Autostunde entfernt die “kleine Schwester” Chioggia – auch bekannt als “kleines Venedig”. Das malerische Fischerdorf mit seinen engen Gassen und bunten Häuschen zeigt das authentische Italien und lädt zu einem Spaziergang durch die Altstadt ein. Besonders an den insgesamt neun Brücken, die über den Canal Vena führen, fühlt man sich an die große Schwester nur 50 Kilometer entfernt erinnert.  © Pond5 Images/Imago
Civita di Bagnoregio in der italienischen Region Latium
Besonders ursprünglich ist das Dorf Civita di Bagnoregio in der Region Latium geblieben. Es wurde vor rund 2.500 Jahren von den Etruskern gegründet und drohte seither aufgrund von Erdrutschen schon mehrere Male auszusterben. Seine einzigartige Lage an der Spitze eines Gesteins macht den Ort jedoch zu einem perfekten Ausflugsziel: Er ist nur über eine 250 Meter lange Fußgängerbrücke zu erreichen, sodass Touristen und Einheimische schon immer vor Autolärm verschont geblieben sind. Eine wunderbare Gelegenheit für Besucher, entspannt durch die Gassen zu spazieren und sich in vergangene Zeiten entführen zu lassen. © Liubomir Paut/Imago
Panorama der zentralen Apenninen im Nationalpark Gran Sasso und Monti della Laga in den Abruzzen
Die Abruzzen zählen ebenfalls zu den eher weniger besuchten Regionen Italiens. Jedoch finden Aktivurlauber genug zu tun, denn mit dem Gebirgsmassiv Gran Sasso befindet sich hier einer der eindrucksvollsten Höhenzüge Italiens. Der Nationalpark verfügt über eine Vielzahl von gut ausgewiesenen Wanderwegen, die tolle Ausblicke auf die imposante Berglandschaft bieten. Da sich das Gebirge nur unweit der Adria-Küste befindet, lässt sich ein Wanderurlaub auch wunderbar mit einer Auszeit am Strand verbinden. © Pond5 Images/Imago
Hafen in Portovenere
Die Cinque Terre mit ihren fünf malerischen Küstendörfern gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen von Italien-Reisenden – daher wird es hier immer Sommer auch mal ganz schön voll. Wer es etwas ruhiger mag, findet nur unweit davon das vergleichsweise unbekannte Portovenere. Auch hier reihen sich bunte Fischerhäuschen aneinander, vor denen sich im Hafen kleine Boote tummeln. Einen Besuch ist außerdem die alte Ortskirche San Pietro wert, die sich vorgelagert auf einem steilen Felsen befindet, sowie die Burg Doria, welche auf einem hohen Felsmassiv thront.  © Pond5 Images/Imago
Sommerabend auf Panarea
Zu den eher unbekannteren Inseln Italiens zählt Panarea im Thyrrenischen Meer vor Sizilien. Beliebt ist sie vor allem bei Prominenten und Wohlhabenden, was sich auch an den Luxusyachten bemerkbar macht, die sich im Hafen befinden. Wer nicht auf dem Eiland übernachten möchte, kann einen Tagesausflug mit der Fähre von Milazzo aus unternehmen. Die Ostküste der Insel ist dicht besiedelt und kann somit wunderbar zu Fuß erkundet werden. Ein Highlight sind die Häuser im Ort San Pietro, die mit ihren weißen Fassaden und blauen Türen an griechische Dörfer erinnern. Wer etwas entspannen möchte, findet sich am Sandstrand Caletta di Zimmari ein.  © Alexander Rochau/Imago
Piazza del Comune Duomo di Santa Maria Assunta mit Torrazzo Baptisterium in Cremona
80 Kilometer südöstlich von Mailand liegt die Stadt Cremona, die für ihre Jahrhunderte alte Tradition des Geigenbaus bekannt ist – bekannte Meister wie Stradivari, Guaneri und Amati waren hier tätig. Einige der schönsten Instrumente werden im Rathaus, dem Palazzo del Comune, ausgestellt. Sehenswert sind zudem der eindrucksvolle Dom von Cremona sowie der benachbarte Glockenturm und das Baptisterium (siehe Bild). © Martin Jung/Imago
Hochebene von Castelluccio im Nationalpark Monti Sibillini
Die Region Marken gehört zu den am wenigsten besuchten Gebieten Italiens – dabei befindet sich hier mit dem Nationalpark Monti Sibillini ein wahres Paradies für Wanderer. Der höchste Gipfel des Gebirgsmassivs ist der Monte Vettore mit 2.476 Metern, an dessen Fuß sich der malerische Lago di Pilato befindet. Zu den beliebtesten Fotomotiven zählt jedoch die Hochebene von Castelluccio, die sich im Mai und Juni in ein buntes Blumenmeer mit Farben von ockergelb bis lila verwandelt.  © Maurizio Sartoretto/Imago
Matera in der italienischen Region Basilikata
Der Ort Matera in der italienischen Region Basilikata wurde 2019 mit dem Titel Kulturhauptstadt ausgezeichnet und im James-Bond-Film “Keine Zeit zu sterben” zur Kulisse einer rasanten Verfolgungsjagd. Dennoch halten sich die Touristenmassen in den verschlungenen Gassen, die sich an den kargen Hügeln entlang schlängeln, noch in Grenzen. Besonders beeindruckend an Matera sind die in den Fels geschlagenen Höhlenwohnungen, auch genannt Sassi, in denen bis in die 60 Jahre hinein noch Menschen lebten.  © Pond5 Images/Imago
Rocce Rosse in Arbatax auf Sardinien
Auf Sardinien konzentrieren sich viele Touristen auf die Regionen rund um Cagliari und Olbia. Dabei hat auch der Osten der Insel einiges zu bieten. Zu den atemberaubendsten Ausblicken zählt die Bucht Rocce Rosse bei Arbatax, einem Ortsteil der Stadt Tortoli. Die hohen roten Granitfelsen vor dem türkisfarbenen Meer sorgen für ein einzigartiges Schauspiel. Am Strand von Cea, wenige Kilometer entfernt, befinden sich mit “Is Scoglius Arrubius” zwei weitere beeindruckende rote Felsen.  © Vadym Lavra/Imago

Städtische Reiseziele – bessere Steuerungsmöglichkeiten, aber immer noch gefährdet

Sommer und Herbst sind für viele Reisende die perfekte Jahreszeit für einen Städtetrip. So hat der Übertourismus-Index von Evaneos ergeben, dass sich rund 37 Prozent der Ankünfte in städtischen Reisezielen auf das dritte Quartal konzentrieren. Im Vergleich zu den Strand-Reisezielen und den europäischen Reiseländern macht der Tourismus bei den Metropolen „nur“ durchschnittlich fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf. Somit sind sie weniger von dieser Einnahmequelle abhängig. Dennoch sollten sich Urlauber nicht täuschen lassen: Auch viele Städtereiseziele leiden unter den Besucheranstürmen. Besonders gefährdet sind laut der Studie die Hauptstädte Kopenhagen, Amsterdam und Dublin. In der niederländischen Hauptstadt hat man aus diesem Grund schon vor ein paar Jahren eine Obergrenze für Übernachtungstouristen eingeführt.

Um zur Entlastung dieser Städte beizutragen, lassen sich Politiker einiges einfallen: In den Niederlanden wird beispielsweise Rotterdam stärker in den Vordergrund gerückt, um die Besucher von Amsterdam wegzulenken. Und auch zu den anderen Metropolen gibt es Alternativen: „Kopenhagen hat ähnlich wie Oslo in den letzten zwei Jahren einen regelrechten Hype erlebt. Wer nicht mit dem Trend gehen will, könnte sich in Aarhus wohlfühlen, denn auch diese Stadt hat eine tolle Kultur- und Designszene zu bieten“, empfiehlt de Chorivit. „Auch in London ist bekanntlich viel los – weniger hektisch, aber dennoch hip und urban geht es in Dublin, Bath oder auch Bristol zu.“

Das Problem mit dem Massentourismus: Reiseveranstalter „mehr denn je in der Verantwortung“

In diesem Sommer wurden Touristen nicht nur mit Beschränkungen und zusätzlichen Gebühren an beliebten Reisezielen konfrontiert. Auch die Einheimischen vor Ort haben ihren Unmut zunehmend deutlich gemacht: Auf Mallorca und Teneriffa kam es zu Protesten der Bevölkerung, Touristen wurden teilweise mittels Graffiti aufgefordert, endlich zu verschwinden. Trotzdem zeigen Daten des Buchungsportals Booking.com, dass Spanien als Reiseziel im Sommer 2024 so beliebt wie eh und je war.

Aus Sicht von de Chorivit liegt es aber nicht nur an den Touristen, umzudenken. Auch Reiseveranstalter müssten die Initiative ergreifen, um die Situation in den gefährdeten Gebieten nicht weiter zu befeuern: „Wir glauben, dass das Angebot auch die Nachfrage ankurbelt. Die Tourismusakteure stehen heutzutage mehr denn je in der Verantwortung, alternative Reiseziele und Reisemöglichkeiten aufzuzeigen.“ Bei Evaneos habe man deshalb bereits in Absprache mit lokalen Partneragenturen das Angebot von Reisen nach Santorin und Mykonos in der Somersaison 2025 eingestellt.

Nur wenn ein Umdenken und ein allgemeines Problembewusstsein bei den Reisenden auch durch das Angebot geschaffen wird, werden sie anders reisen wollen.

Laurent de Chorivit, Co-CEO von Evaneos

Wer als Urlauber dennoch in Eigeninitiative auf die Situation in den gefährdeten Gebieten reagieren möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. „Beispielsweise kann man recherchieren, zu welchen Jahreszeiten besonders viele Menschen das Land oder die Region besuchen, um zu überlegen, ob man nicht lieber zu einer anderen Zeit verreisen könnte.“

Zudem rät de Chorivit Urlaubern, sich nicht zu sehr von sozialen Medien beeinflussen zu lassen: „Netzwerke wie Instagram oder auch TikTok erwecken schnell den Eindruck, dass es nur eine begrenzte Auswahl an sehenswerten Orten gibt und ziehen daher mehr Menschenmassen an. Mein Tipp ist daher immer, mit lokalen Reiseführer:innen oder Expert:innen zu sprechen, wenn nicht sogar mit den Einheimischen selbst, die Regionen und Aktivitäten abseits der bereits bekannten Pfade kennen und dabei helfen können, eine ganz einzigartige und authentische Reise zu planen.“

Rubriklistenbild: © Joeran Steinsiek/Imago

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