VonFranziska Kaindlschließen
Die Frustration der Bewohner in überlaufenen Ferienregionen war dieses Jahr deutlich zu spüren. Ein Übertourismus-Index verdeutlicht, welche Gebiete besonders leiden.
Zahlreiche begehrte Reiseziele haben stark mit den Konsequenzen des sogenannten Overtourism zu kämpfen. Gemeint ist damit das übermäßige Wachstum der Besucherzahlen in einem bestimmten Gebiet. Ein prominentes Beispiel dafür ist Venedig: In der Lagunenstadt wurde mittlerweile ein Punkt erreicht, bei dem von den Tagestouristen eine Eintrittsgebühr verlangt wird – in der Hoffnung, dass die Besucherzahlen damit besser gelenkt werden können. Im kommenden Jahr soll diese sogar verdoppelt werden. Aber sind diese Maßnahmen wirklich hilfreich? Und was können Reisende selbst tun, um das Problem nicht noch weiter zu verschärfen?
Mit dieser Frage hat sich eine aktuelle Studie von Evaneos, einem Online-Marktplatz für Individualreisen, und der Unternehmensberatung Roland Berger beschäftigt. Daraus ist der „Übertourismus-Index” entstanden, der sich objektiv an das Thema annähert. Es geht also nicht nur darum, die subjektiven Eindrücke von außen zu sammeln, sondern Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzufügen, um die gefährdetsten Orte zu entschlüsseln. Vier Kriterien spielten dabei eine Rolle: die Touristendichte pro Einwohner, die Touristendichte pro Quadratkilometer, die Saisonalität sowie die Entwicklungsstufe des Reiseziels im Bereich der Nachhaltigkeit.
Daraus haben sich einige Reiseziele – aus insgesamt 70 der 100 wichtigsten Destinationen weltweit – herauskristallisiert, die von dem Phänomen des Overtourism besonders betroffen sind.
Strand-Reiseziele gehören zu den am stärksten gefährdeten Urlaubsorten
Beliebte Strandreiseziele sind anhand des Übertourismus-Index die am stärksten gefährdeten Urlaubsorte. Das liegt daran, dass ein besonders hoher Anteil an Touristen in kleinen, ökologisch fragilen Orten zusammenkommt. 3,2 bis 9,9 Besucher kommen hier auf einen einzigen Einheimischen – das Problem wird dadurch verschärft, dass diese Reiseziele oft auch mit durchschnittlich 25 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts vom Tourismus abhängig sind. Besonders zutreffend ist dies laut der Studie auf folgende Orte:
- Zypern
- Mauritius
- Griechenland
- Kroatien
Wer diese gefährdeten Urlaubsorte schonen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten, wie der Reise-Experte Laurent de Chorivit, Co-CEO von Evaneos, gegenüber IPPEN.MEDIA erklärt. So muss beispielsweise nicht komplett auf das Reiseziel verzichtet werden: „Hier kann darauf geachtet werden, mehr außerhalb der jeweiligen Hauptreisesaison zu reisen.“ Zudem helfe es auch, den Blick nur ein wenig über den Tellerrand zu bewegen: Während die südliche Ägäis in Griechenland bei Touristen äußerst beliebt ist, gibt es weniger bekannte und überlaufene Regionen im Norden – darunter Meteora, Ioanninga sowie den Peloponnes.
Wie ein Report des Reiseinformationsanbieters Mabrian erst kürzlich ergeben hat, findet sogar schon ein kleiner Umschwung statt: Reisende verschlägt es immer häufiger zu den unbekannteren Inseln Griechenlands und auf das Festland. Dort schätzen sie die kühleren Temperaturen, eine überschaubare Touristenanzahl und das gute Preis-Leistungs-Verhältnis.
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Europäische Urlaubsklassiker vor allem im Sommer vom Übertourismus betroffen
Abgesehen von den klassischen Strand-Reisezielen, bei denen sich die Touristenströme auf ein kleineres Gebiet beschränken, erleben auch traditionelle europäische Urlaubsländer während der Hochsaison einen wahren Besucheransturm: „Die meisten Ankünfte von Touristen und Touristinnen in beliebten Metropolen finden im Zeitraum von Juli bis Ende September statt“, sagt de Chorivit. Besonders betroffen davon sind laut dem Übertourismus-Index von Evaneos:
- Spanien
- Italien
- Portugal
- Frankreich
Diese Urlaubsländer haben den Vorteil, dass sich die Masse an Reisenden besser verteilen kann und die Wirtschaft weniger vom Tourismus abhängig ist als an den zuvor genannten Strand-Reisezielen. Die Branche macht durchschnittlich neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.
Dennoch lässt sich auch hier etwas tun, um die Belastung etwas zu verringern. Urlauber können ihre Reise vor Juni oder nach August planen, um der Hauptreisezeit zu entgehen, wie der Evaneos-Experte rät: „Die Mittelmeerküste in Frankreich kann im Sommer ziemlich touristisch werden, aber die Bretagne ist immer noch ein kleines Juwel, das darauf wartet, entdeckt zu werden. Außerdem hat wohl jeder die Streiks und Demonstrationen auf Mallorca dieses Jahr mitbekommen, daher empfehle ich vor allem die nördlichen Pyrenäen in Spanien, die auch ein Naturparadies für Outdoor-Fans mit tollen Wanderwegen und Panoramen bieten.“
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Städtische Reiseziele – bessere Steuerungsmöglichkeiten, aber immer noch gefährdet
Sommer und Herbst sind für viele Reisende die perfekte Jahreszeit für einen Städtetrip. So hat der Übertourismus-Index von Evaneos ergeben, dass sich rund 37 Prozent der Ankünfte in städtischen Reisezielen auf das dritte Quartal konzentrieren. Im Vergleich zu den Strand-Reisezielen und den europäischen Reiseländern macht der Tourismus bei den Metropolen „nur“ durchschnittlich fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf. Somit sind sie weniger von dieser Einnahmequelle abhängig. Dennoch sollten sich Urlauber nicht täuschen lassen: Auch viele Städtereiseziele leiden unter den Besucheranstürmen. Besonders gefährdet sind laut der Studie die Hauptstädte Kopenhagen, Amsterdam und Dublin. In der niederländischen Hauptstadt hat man aus diesem Grund schon vor ein paar Jahren eine Obergrenze für Übernachtungstouristen eingeführt.
Um zur Entlastung dieser Städte beizutragen, lassen sich Politiker einiges einfallen: In den Niederlanden wird beispielsweise Rotterdam stärker in den Vordergrund gerückt, um die Besucher von Amsterdam wegzulenken. Und auch zu den anderen Metropolen gibt es Alternativen: „Kopenhagen hat ähnlich wie Oslo in den letzten zwei Jahren einen regelrechten Hype erlebt. Wer nicht mit dem Trend gehen will, könnte sich in Aarhus wohlfühlen, denn auch diese Stadt hat eine tolle Kultur- und Designszene zu bieten“, empfiehlt de Chorivit. „Auch in London ist bekanntlich viel los – weniger hektisch, aber dennoch hip und urban geht es in Dublin, Bath oder auch Bristol zu.“
Das Problem mit dem Massentourismus: Reiseveranstalter „mehr denn je in der Verantwortung“
In diesem Sommer wurden Touristen nicht nur mit Beschränkungen und zusätzlichen Gebühren an beliebten Reisezielen konfrontiert. Auch die Einheimischen vor Ort haben ihren Unmut zunehmend deutlich gemacht: Auf Mallorca und Teneriffa kam es zu Protesten der Bevölkerung, Touristen wurden teilweise mittels Graffiti aufgefordert, endlich zu verschwinden. Trotzdem zeigen Daten des Buchungsportals Booking.com, dass Spanien als Reiseziel im Sommer 2024 so beliebt wie eh und je war.
Aus Sicht von de Chorivit liegt es aber nicht nur an den Touristen, umzudenken. Auch Reiseveranstalter müssten die Initiative ergreifen, um die Situation in den gefährdeten Gebieten nicht weiter zu befeuern: „Wir glauben, dass das Angebot auch die Nachfrage ankurbelt. Die Tourismusakteure stehen heutzutage mehr denn je in der Verantwortung, alternative Reiseziele und Reisemöglichkeiten aufzuzeigen.“ Bei Evaneos habe man deshalb bereits in Absprache mit lokalen Partneragenturen das Angebot von Reisen nach Santorin und Mykonos in der Somersaison 2025 eingestellt.
Nur wenn ein Umdenken und ein allgemeines Problembewusstsein bei den Reisenden auch durch das Angebot geschaffen wird, werden sie anders reisen wollen.
Wer als Urlauber dennoch in Eigeninitiative auf die Situation in den gefährdeten Gebieten reagieren möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. „Beispielsweise kann man recherchieren, zu welchen Jahreszeiten besonders viele Menschen das Land oder die Region besuchen, um zu überlegen, ob man nicht lieber zu einer anderen Zeit verreisen könnte.“
Zudem rät de Chorivit Urlaubern, sich nicht zu sehr von sozialen Medien beeinflussen zu lassen: „Netzwerke wie Instagram oder auch TikTok erwecken schnell den Eindruck, dass es nur eine begrenzte Auswahl an sehenswerten Orten gibt und ziehen daher mehr Menschenmassen an. Mein Tipp ist daher immer, mit lokalen Reiseführer:innen oder Expert:innen zu sprechen, wenn nicht sogar mit den Einheimischen selbst, die Regionen und Aktivitäten abseits der bereits bekannten Pfade kennen und dabei helfen können, eine ganz einzigartige und authentische Reise zu planen.“
Rubriklistenbild: © Joeran Steinsiek/Imago

