Bayern-Eigengewächs: Vom Ergänzungs- zum Führungsspieler
VonPeter Grad
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Josip Stanišić nimmt in dieser Saison eine erstaunliche Entwicklung beim FC Bayern. Lange als ruhiger, solider Defensivspieler wahrgenommen, zeigt er nun einen beachtlichen Wandel.
Der gebürtige Münchner Stanišić ist ein Fußball-Spätstarter. Seine ersten Schritte machte er beim Stadtteil-Verein FC Perlach. Bei einem Probetraining bei der U8 konnte er damals die Verantwortlichen des FC Bayern nicht von sich überzeugen. So schloss er sich als Neunjähriger für sechs Jahre der Jugend des Lokalrivalen TSV 1860 an, wo er sich auch nicht dauerhaft durchsetzen konnte. 2015 wechselte er deshalb zum Nachwuchs des Landesligisten SC Fürstenfeldbruck. Durch seine starken Leistungen im Kleinstadtklub wurde der FC Bayern auf ihn aufmerksam. Dessen U17 schloss er sich schließlich im Januar 2017 als 16-Jähriger an.
Die Deutsche B-Jugend-Meisterschaft zum Saisonende verpasste er jedoch gleich aus zwei Gründen: Zum einen fiel er schon in der Vorbereitung auf die Rückrunde wegen einer Fraktur des Sprunggelenks für mehrere Monate aus, zum anderen gab es Streit zwischen den Vereinen, sodass ihn die Brucker für die gesamte Rückrunde sperren ließen.
Beachtliche Entwicklung, dennoch Stotterstart bei den FCB-Profis
Obwohl er im November 2018 zwei Länderspiele für die U19 des DFB bestritt, schien nachfolgend seine (Profi-)Karriere nicht so richtig in Fahrt zu kommen: In der Jugend des Rekordmeisters eher Mitläufer als Führungsspieler, lief es zu Beginn auch im Herrenfußball nicht rund. Die Bayern-Amateure (U23) waren mittlerweile in die Dritte Liga aufgestiegen, „Stani“ konnte zu Beginn der Spielzeit 2019/20 dort weder körperlich noch mit dem Tempo mithalten. In Fankreisen der Amateure kursierten Gerüchte, dass er seine Einsatzzeiten nur seinem prominenten Berater Dieter Hoeneß (sein Sohn Sebastian war gleichzeitig Coach der U23) verdanke.
Vielleicht war aber in jener ersten „Corona-Saison“ gerade Stanišić sinnbildlich für die sensationelle Entwicklung der Zweiten des FC Bayern: Zu Saisonbeginn sich teilweise in Abstiegsregionen befindend, wurden die „Amas“ am Ende sogar vollkommen überraschend Drittliga-Meister – ein Leistungsträger war dabei der Deutsch-Kroate, obwohl er wiederholt vom Verletzungspech geplagt wurde.
FC Bayern jagt historischen Rekord: Die torgefährlichsten Top-Teams aller Zeiten
Bis zu seinem ersten Bundesligaspiel dauerte es dann bis zum April 2021: Aufgrund zahlreicher Ausfälle bei den Profis setzte Hansi Flick den bereits 21-Jährigen im Heimspiel gegen Union Berlin als Linksverteidiger ein. Mit diesem einzigen Spiel für die erste Mannschaft des FCB in der Saison 2020/21 wurde Stanišić zum ersten Mal Deutscher Meister.
Zwei weitere Titel mit dem Rekordmeister folgten, mit 13 (2021/22) und 14 Bundesligaeinsätzen (2022/23) blieb der Anteil des ehemaligen Campusspielers aber nach wie vor bescheiden. Und das, obwohl er mittlerweile kroatischer A-Nationalspieler geworden war, mit seinem Land bei der WM 2022 in Katar WM-Dritter wurde und Weltstar Kylian Mbappé sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft zum Statisten degradierte.
Die Leih-Saison 2023/24 bei Bayer Leverkusen beendete Stanišić triumphal als Doublesieger, bei seiner Rückkehr in München wurde er folglich mehr beachtet und so erhielt er an der Säbener Straße einen Vertrag bis 2029. Leider blieb ihm aber auch das Verletzungspech weiterhin treu. Dennoch ist er nun auf dem besten Weg, seine Rekord-Bundesligasaison zu spielen: Beim FCB kam er bislang nie über 14 Einsätze hinaus, in Leverkusen waren es am Ende 20. Nach 24 Spieltagen der laufenden Spielzeit sind es immerhin schon 16.
Neue Rolle unter Kompany
Steht Stanišić auf dem Platz, steht er mittlerweile auch wesentlich mehr im Fokus. Im Pokal-Viertelfinale gegen RB Leipzig holte er den vorentscheidenden Elfmeter, den Harry Kane zum 1:0 verwandelte, heraus. Beim Klassiker in Dortmund sorgten seine Vorstöße auf der rechten Seite für permanente Unruhe beim Gegner.
Zweimal wurde er dabei von Nico Schlotterbeck nur regelwidrig gestoppt. Einmal stand ein möglicher Platzverweis im Raum, später holte der 25-Jährige den Elfmeter heraus, den Harry Kane zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung verwandelte. Immer wieder marschierte Stanišić die Linie entlang, presste sogar BVB-Keeper Gregor Kobel im eigenen Strafraum. Ein Auftritt, der seine Entwicklung in dieser Saison eindrucksvoll dokumentiert.
Lange Zeit galt Stanišić als defensiv solider Außenverteidiger, der flexibel in der Abwehr eingesetzt werden kann. Unter FCB-Chefcoach Vincent Kompany erlebt er nun eine bemerkenswerte Neuerfindung. Neun Scorerpunkte stehen in dieser Spielzeit bereits insgesamt auf seinem Konto, davon sechs in der Liga (zwei Tore, vier Assists): Das sind doppelt so viele wie in seinen vier vorherigen Spielzeiten beim Rekordmeister zusammen.
Auf dem besten Weg zum Führungsspieler
Sportdirektor Christoph Freund zeigt sich begeistert von ihm: „Er wird fußballerisch immer besser, traut sich auch nach vorne immer mehr zu, ist sehr aktiv.“ Tatsächlich wirkt der 27-fache kroatische Nationalspieler in Ballbesitz mittlerweile wesentlich selbstbewusster, sucht Eins-gegen-eins-Situationen und schaltet sich permanent in die bayerische Offensive ein.
Dabei geht sein Offensivdrang keineswegs zulasten der Defensive, wie die Statistiken verdeutlichen: Im Klassiker verzeichnete Stanišić sieben Ballgewinne, gewann all seine fünf Tacklings und kam auf eine hervorragende Zweikampfquote von 73 Prozent.
Obwohl der bald 26-Jährige (2. April 2000) ein extremer Spätstarter ist, scheint der gebürtige Münchner als Eigengewächs nun auch eine große Sehnsucht der Klubführung zu erfüllen: „Er hat den Führungsspieler in sich“, so Christoph Freund. Stanišić wirkt gereift und absolut bereit für mehr Verantwortung. Setzt er diesen Weg erfolgreich fort, wird er nicht nur sportlich unverzichtbar, sondern möglicherweise auch zu einem der Gesichter der aktuellen Bayern-Generation.