Kovač-Debüt misslingt

Borussia Dortmund fehlt auch die nötige emotionale Reife

  • schließen

Niko Kovačs BVB-Premiere geht daneben. Er hat ein Team übernommen, dem es neben allen anderen Problemen an emotionaler Reife fehlt.

Dortmund – Borussia Dortmund verharrt nach dem Debüt von Trainer Niko Kovač auf Tabellenplatz elf der Bundesliga. Gegen den VfB Stuttgart hatte am Samstag die Chance bestanden, zu einem direkten Konkurrenten um die Champions-League-Ränge aufzuschließen. Stattdessen verdoppelte sich der Rückstand auf die Schwaben durch eine 1:2-Niederlage, die sich der BVB weitgehend selbst zuzuschreiben hatte.

Waldemar Anton, der nicht nur in dieser Szene einen indisponierten Eindruck hinterließ, brachte seinen Ex-Klub per Eigentor in Führung (50.), die bis dahin ordentliche Leistung von Dortmund war dahin. Nur elf Minuten später vertändelte Stürmer Serhou Guirassy in der eigenen Gefahrenzone den Ball und standen Sekunden später bei einer Flanke von rechts gleich mehrere Stuttgarter frei. Julian Chabot schob ein und brachte den VfB endgültig auf die Siegerstraße.

BVB-Trainer Niko Kovač hätte Julian Ryerson vor Platzverweis schützen müssen

Der ansonsten unsichtbare Julian Brandt brachte den BVB nochmal ran (81.), in der Schlussphase sorgte aber nur ein Platzverweis für Julian Ryerson nochmal für Aufregung (89.). Der Norweger hatte sich zu diesem Zeitpunkt emotional schon länger kaum noch im Griff. Kovač muss sich die Frage gefallen lassen, warum er den Rechtsverteidiger nicht vor sich selbst schützte und auswechselte.

Zur Hinausstellung von Ryerson hatte geführt, dass er von Angelo Stiller taktisch gefoult wurde, sich aber völlig unbeherrscht aus dessen Umklammerung befreite. Da war für Schiedsrichter Daniel Siebert, der sicher nicht seinen besten Tag in der Bewertung einzelner Szenen erwischt hatte, kein Spielraum übrig. Eher sogar hatte Ryerson Glück, dass sich Stiller nicht theatralisch zu Boden fallen ließ – die Bewegungen des Dortmunders hätten als Tätlichkeit gewertet werden können.

BVB kassierte schon den sechsten Platzverweis

Der aufgebrachte Außenverteidiger baute sich, nachdem er die Ampelkarte gezeigt bekommen hatte, wenige Zentimeter vor Siebert auf, teilte ihm mutmaßlich recht deutlich mit, wie wenig er von dessen Spielleitung hielt. Wohlgemerkt, zu diesem Zeitpunkt begann die Nachspielzeit und brauchte der BVB noch unbedingt ein Tor. Langes Diskutieren mit dem Schiedsrichter half nur dem Gegner.

Die Szene verdeutlichte ein Problem, eines von vielen beim BVB: Der Mannschaft fehlt es auch an der emotionalen Reife. Ryerson handelte Dortmund bereits den sechsten Platzverweis im 21. Spiel der laufenden Bundesliga-Saison ein. Zum Vergleich: Mit Ausnahme von Werder Bremen haben alle anderen Teams vor den Sonntagsspielen höchstens drei Feldverweise kassiert. Der FC Bayern hat sogar noch eine weiße Weste.

Kartenflut ist nur eines von mehreren Symptomen von Dortmund

Selbstredend waren die meisten Feldverweise beim BVB nicht einer individuellen Dummheit geschuldet wie im Falle von Ryerson, sondern Notbremsen oder harten Fouls. Jedoch ist die Flut an Karten auch nur ein Symptom der fehlenden emotionalen Reife.

Julian Ryerson kassierte den bereits sechsten Platzverweis bei Borussia Dortmund in der laufenden Saison.

Dazu gehört auch, wie oft Dortmund nach einem Gegentor in sich zusammengefallen ist und schnell ein weiteres kassierte. Ebenso der Umstand, dass der BVB erst zwei von zehn Rückständen in Siege drehen konnte, aber schon fünf von 13 Führungen aus der Hand gab. Oder die sich häufenden Szenen von Spielern, die sich auf dem Platz angiften.

In der Mannschaft des BVB stimmt es nicht

Gegen Stuttgart fuhr Kapitän Emre Can kurzzeitig aus der Haut, als Torhüter Gregor Kobel einen Ball ins Seitenaus knallte, obwohl er eine freie Passoption gehabt hätte. Zuletzt war der Spielführer schon aufgefallen, als er die Mannschaft beim Gang vor die mit nach Frankfurt gereisten Fans in die Kabine beorderte und dabei mit Nico Schlotterbeck aneinander zu geraten schien.

In einer Mannschaft mit funktionierenden Hierarchien haben solche Szenen Seltenheitswert, beim BVB häufen sie sich. Auch deshalb hat Dortmund mit Kovač einen Trainer geholt, der einen dominanten Führungsstil pflegt. Jedoch ist der Einfluss der Übungsleiter begrenzt und muss der größte Impuls von den Spielern selbst kommen, innerhalb der 90 Minuten auf dem Grün.

Experte Hamann fordert: „Die Mannschaft muss irgendwann mal erwachsen werden“

„Die Mannschaft muss irgendwann mal erwachsen werden“, sagte Sky-Experte Dietmar Hamann am Samstag. Dessen Einlassungen zum BVB sind sicher nicht immer für voll zu nehmen – erst letzte Woche disqualifizierte sich Hamann mit merkwürdigen Worten über den Jubellauf von Mike Tullberg in Heidenheim. Seine Analyse scheint diesmal durchaus treffend.

„Ich habe immer gesagt, dass die Mannschaft besser ist, als sie dasteht. Langsam fange ich an zu zweifeln, ob die Spieler so gut sind, wie sie in Dortmund gedacht haben. Sie müssen aufwachen und sehen, was sie für eine Verantwortung haben, bei Borussia Dortmund zu spielen. Das ist der zweitgrößte Verein in Deutschland, im Moment ist er es nicht mehr“, unkte Hamann.

Selbst Platz vier, der in jeder Saison das Minimalziel darstellt, scheint für den BVB in seiner aktuellen Verfassung völlig utopisch.

Rubriklistenbild: © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl

Kommentare