VonLars Pollmannschließen
Beim BVB steht der nächste große Umbruch bevor. Dabei könnte einer der wenigen Gewinner dieser Saison eine wichtige Rolle spielen.
Dortmund – Für Borussia Dortmund könnte die laufende Saison in 900 Minuten beendet sein. Acht Spieltage stehen in der Fußball-Bundesliga noch aus, im Viertelfinale der Champions League ist der BVB gegen den FC Barcelona klarer Außenseiter.
Zwar wirft die erstmals ab Mitte Juni in einer großen Turnierform ausgetragene FIFA Klub-WM in den USA bereits Schatten voraus, der auch für den BVB ungemein lukrative Wettbewerb steht gewissermaßen aber für sich – wie etwa der Umstand zeigt, dass für die teilnehmenden Klubs eigens ein kurzes Transferfenster vorgeschaltet wird.
Sollte es nach der katastrophalen Bundesliga-Saison zu gravierenden Veränderungen beim BVB kommen, könnten diese auch schon vor der Klub-WM in die Tat umgesetzt werden. Derzeit wird immer heißer spekuliert, dass es für Trainer Niko Kovač in Dortmund bei einem Kurzzeitengagement bleiben wird.
Sportdirektor Kehl und Trainer Kovač wohl vor dem BVB-Aus
Auch die Tage von Sebastian Kehl im Amt des Sportdirektors dürften gezählt sein, wenn der BVB nicht – durch welches Fußballwunder auch immer – noch ein Happyend in dieser Krisensaison findet.
Dass es mit dem x-ten Umbruch auf Kaderebene und in den Trainerbüros nicht getan ist, sondern sich auch auf den Chefetagen der BVB-Geschäftsstelle am Rheinlanddamm etwas verändern muss, steht für viele Beobachter schon weit im Vorfeld der alljährlichen Saisonanalyse in Dortmund fest.
Nach derzeitigem Stand wird Sportchef Lars Ricken trotz einer bisher ziemlich desaströsen BVB-Bilanz im Amt bleiben.
Klubchef Lars Ricken lag beim BVB bei einer Personalie richtig
Der seit Mai letzten Jahres in Verantwortung stehende Ex-Profi hat mit Nuri Şahin als Trainer daneben gelegen und zu lange an ihm festgehalten, die Entscheidung für eine Vertragsverlängerung mit Kehl erweist sich geradezu täglich als größerer Fehler. Und auch die Wahl von Kovač als Retter in der Not scheint nicht den gewünschten Effekt nach sich zu ziehen.
Durchaus kurios: Die eine Personalentscheidung von Ricken, die sich ohne Zweifel als positiv erwiesen hat, ist diejenige, die am wenigsten Beachtung fand. Mike Tullberg war als Interimscoach nach dem Aus von Şahin im Januar ein voller Erfolg.
Der Däne blieb in seinen drei Spielen mit den Profis von Dortmund ungeschlagen. Auf ein 2:2 gegen Werder Bremen, bei dem der BVB über 70 Minuten in Unterzahl spielte, folgten Siege gegen Schachtar Donezk in der Champions League (3:1) und beim 1. FC Heidenheim in der Liga (2:1).
Mike Tullberg funktionierte als Interimscoach von Dortmund
In diesen Partien spielte die Mannschaft keine Sterne vom Himmel, zeigte aber durchaus leidenschaftliche Auftritte und verfiel nicht in den seit Monaten typischen Modus, in dem selbst binnen 90 Minuten völlig unterschiedliche Gesichter erkennbar werden.
Tullberg war es gelungen, die Profis für den BVB zu emotionalisieren, sie zumindest kurzzeitig anzuzünden. Als der Däne nach dem Sieg in Heidenheim wie von der Tarantel gestochen vor den Gästeblock rannte, sich dabei seiner Jacke entledigte und wild jubelte, sorgte das für Außenstehende, die Tullberg nicht kennen, für Irritationen.
Beim BVB schmunzelte man über die teils völlig überzogen formulierte Kritik am Coach, der kein Selbstdarsteller ist, sondern auch bei einem 1:0-Heimsieg in der U19-Bundesliga vor 100 Zuschauern aus sich herausgeht, als hätte er WM-Titel und Nobelpreis auf einmal gewonnen. Tullberg verstellt sich nicht, sondern ist ein im besten Sinne Fußballverrückter.
BVB ist für Topkandidaten vermutlich nicht sonderlich attraktiv
Damit kam der Erfolgstrainer der A-Junioren des BVB auch bei der Profiabteilung an. Wie Absolut Fußball, das Fußballportal von Home of Sports, aus Vereinskreisen erfahren hat, gibt es durchaus Strömungen in Dortmund, die den Neuaufbau in der kommenden Saison mit Tullberg angehen würden.
Die Präferenz der Verantwortlichen – wer auch immer dann überhaupt die Entscheidungen treffen darf – dürfte es sein, nach den unerfahrenen Trainern Edin Terzić und Şahin sowie der Notlösung Kovač eine überzeugende Wahl zu finden, die nicht von vornherein mit so großen Zweifeln versehen wäre wie die genannten Vorgänger.
Sollte der BVB aber international nicht vertreten sein, gäbe es wenig Argumente, um Kandidaten wie Sebastian Hoeneß vom VfB Stuttgart (bei dem es in der Branche ohnehin heißt, dass er wahrscheinlich zu RB Leipzig wechseln wird) oder den vereinslosen Roger Schmidt vom Wechsel nach Dortmund zu überzeugen.
Geht der BVB das nächste Trainer-Wagnis ein?
Nicht auszuschließen, dass der Klub in einem solchen Fall das Wagnis mit Tullberg eingehen würde. Der hat zwar nur drei Spiele auf Topniveau verantwortet, ist aber schon über ein Jahrzehnt im Trainergeschäft aktiv, hat sich hochgearbeitet. Auch Schicksalsschläge wie den Tod seines Vaters nach langem Krebsleiden erlebt – der dem Sohn geradezu verboten hatte, sich vom Traumjob in Dortmund zurückzuziehen, um näher an der Familie zu sein.
Mehrfach schon stand Tullberg im Fokus anderer Profiklubs, dem Vernehmen nach fehlte nicht erst beim Interesse des SK Brann aus Norwegen in diesem Winter nicht viel, und der 39-Jährige hätte die Chance ergriffen.
Ob er sie bei den Dortmund-Profis bekommt, ist schwerlich vorherzusagen. Keine Zweifel gäbe es daran, dass Tullberg für die Aufgabe brennt und den Spielern sein Verlangen eintrichtern würde. Fraglich jedoch, ob Tullberg der Trainer ist, der einer Mannschaft eine nachhaltige Spielidee vermitteln kann, die den über viele Jahre gewachsenen Ansprüchen beim BVB standhalten würde.
Adeyemi-Maßnahme verschaffte Tullberg viel Respekt in Dortmund
Interessant: In der Mannschaft sollen sich, wie dieser Redaktion versichert wurde, einige Spieler mit dem Gedanken einer längeren Zusammenarbeit mit Tullberg anfreunden können. Gut angekommen sei etwa, dass der Däne trotz seiner Rolle als bloßer Interimstrainer bei Karim Adeyemi in Heidenheim nicht vor der viel zitierten Höchststrafe der Aus- nach vorheriger Einwechslung zurückschreckte, weil beim Außenstürmer das Engagement fehlte.
Adeyemi hat es offenkundig nicht geschadet: Der Flügelflitzer ist der nahezu einzige große Gewinner unter Kovač und schaffte sogar erstmals seit der WM 2022 den Sprung in den Kader der deutschen A-Nationalmannschaft.
Dies auf die Maßnahme von Tullberg zurückzuführen, ginge sicher zu weit. Dennoch verschaffte der sich damit Eindruck auch bei den BVB-Profis.
Ob er ihnen schon bald dauerhaft Beine macht?
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