VonPeter Gradschließen
Die x (meist drei) „Erkenntnisse zu einem Spiel“ sind eine standardisierte Rubrik im Fußball-Journalismus. Hier ein durchaus seriöser Gegenvorschlag zum „deutschen Klassiker“.
München - Wenn eine Fußball-Partie anschließend in die drei wichtigsten Erkenntnisse eingeteilt wird, wird meistens ein Spieler über alle Maßen gelobt und einer auf ähnliche Weise kritisiert. Es ist mittlerweile ja auch so, dass nach einem souveränen Sieg in den Spielerbewertungen trotzdem (mindestens) ein Spieler eine Fünf erhält. Hier wird mit dieser Tradition gnadenlos gebrochen, nicht nur weil sogar vier Erkenntnisse zur Bundesliga-Top-Partie zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund herausgearbeitet werden.
Nicht nur das Szenario auf dem Spielfeld soll im Fokus stehen, auch die „Fans“ bekommen ihre Aufmerksamkeit, ebenso wie die mediale Betrachtung – und zwar aus Sicht eines „eingefleischten FCB-Anhängers“, der die aktive Fanszene zwar kennt, ihr aber nicht zugehört.
FCB gegen BVB ist definitiv ein großer „Klassiker“
Ja, im europäischen Spitzen-Fußball gibt es einen „Clásico“, der sicherlich (noch einige Zeit) über dem deutschen steht: Real Madrid gegen den FC Barcelona, es ist DER europäische Fußball-Klassiker. Fast immer absoluter Top-Fußball, meist geht es um den spanischen Titel, internationale Beachtung, Tradition, politische Gegensätze, höchste Emotionen. Wer aber immer noch behauptet, das Bundesliga-Duell zwischen dem FCB und BVB stünde dann dahinter in der Rangliste noch weit hinter dem Premier League Duell der Rekordmeister FC Liverpool und Manchester United (je 20 Titel) oder gar hinter dem Derby d’Italia zwischen Inter Mailand und Juventus Turin, der hat zumindest noch nie ein Spiel der Konkurrenten live im Stadion erlebt.
Während in den letzten 32 Bundesliga-Zeiten der Deutsche Meister 27 Mal entweder FC Bayern (22) oder Borussia Dortmund (5) und dann der jeweilige Vizemeister im zweistelligen Bereich jeweils der „Clásico-Konkurrent“ war, muss man in England bis in die Saison 2008/09 zurückblicken, um einen direkten Titelkampf zwischen ManUnited und dem LFC zu finden. Beim Derby d’Italia heißt es, dass es das Aufeinandertreffen von zwei national und international erfolgreichen Klubs ist, welches zu den bedeutendsten Duellen im italienischen Fußball zählt. Es galt nie als DAS wichtigstes Vereinsduell im Land des viermaligen Weltmeisters.
Die „Verzwergung“ des deutschen Klassikers, der weltweit große Beachtung erfährt, im eigenen Land ist wenig nachvollziehbar – und das gestrige Duell in der Münchner Allianz Arena demonstrierte, warum. Es trafen die beiden einzigen Vereine der europäischen Topligen aufeinander, die in der laufenden Saison wettbewerbsübergreifend (inkl. Champions League) noch ungeschlagen waren. Nach dem 2:1-Sieg in einem höchst emotionalen Spiel sind das jetzt nur noch die Bayern.
DER „Aufreger“ der Partie Bayern gegen Dortmund
Apropos Klassiker: Egal wie klar der FC Bayern in den letzten Jahren einzelne Duelle gegen den Konkurrenten aus dem Ruhrpott für sich entschied, medial wurde anschließend stets ein „Aufreger“ aus dem Spiel ausgewählt, in dem eine angebliche Schiedsrichter-Benachteiligung die Dortmunder auf die Verliererseite gebracht haben soll.
So auch gestern: Anders als es wohl die Sky-Experten bewertet haben, war eine riesige Anzahl an FCB-Anhängern während der Partie, speziell in der dramatischen Schlussphase in der Arena der Meinung, dass Schiedsrichter Bastian Dankert die Borussen bei jeder 50:50-Entscheidung bevorteilen würde. Aber es kursierte schon früh die Meinung, dass es trotzdem nach dem Spiel wieder hauptsächlich um eine angebliche Fehlentscheidung pro Bayern gehen würde. Den Führungstreffer von Harry Kane hat niemand im Stadion, nicht einmal der Dortmunder Block, als fragwürdig gesehen.
Erstaunlich früh waren sich dieses Mal allerdings alle befragten Ex-Schiedsrichter und Schiedsrichterexperten einig, dass es sich um ein reguläres Bayerntor gehandelt hat.
Der „Aufreger“, der aus der Fankurve kam
Die Bayernfans im Unterbereich der legendären Südkurve, speziell die aktive Fanszene, hatten zu Beginn der zweiten Halbzeit, als sich die soeben erwähnten „normalen Fans“ zu hundert Prozent auf das spannender werdende Spiel konzentrierten, einen anderen „Aufreger“ zu bieten. FCB-Chefcoach Vincent Kompany hatte seinem alten Fußball-Kumpel, der Bayernlegende Jérôme Boateng (2011 bis 2021), auf dem Weg zum Profitrainer eine viertägige Hospitanz beim Training an der Säbener Straße versprochen. Die FCB-Ultras haben da offenbar ganz vehement etwas dagegen.
In der 47. Minute rollten sie mehrere großflächige Banner aus. Darauf zu lesen: „Wer dem Täter Raum gibt, trägt seine Schuld mit – Boateng, verpiss dich!“ wie auch „Kein Platz für Charakterschweine in unserem Verein – kein Platz mehr für Boateng!“ Das Thema ist allgemein bekannt, in einem Prozess um häusliche Gewalt erhielt der 37-Jährige Anfang des Jahres einen Freispruch, der Teile der aktiven Fanszene des FCB, selbst nicht selten auch keine „Kinder von Traurigkeit“, offenbar nicht zufrieden stellt.
Medial wird nun verallgemeinernd in diesem Kontext von „den Bayernfans“ oder „vielen Bayernfans“ gesprochen. Tatsächlich ist die FCB-Ultraszene vielleicht, wenn man alle Gruppierungen zusammen zählt, 1000 Personen stark, die „aktive Fanszene“ (im Club Nr. 12 organisiert) um die 3000. Zwar äußerst laut- und im Stadion durchaus berechtigterweise meinungsstark, aber selbst dort nur eine kleine Minderheit. Ihre Meinung spiegelt nicht ansatzweise die der Mehrheit der Bayernanhänger wieder.
Stellvertretend eine von zahlreichen ähnlichen Meinungen von weiblichen Fans des Rekordmeisters auf Social Media: „Es hat mich aufgeregt, wie die Südkurve da agiert hat. Das ist einfach nur völlig daneben, unfair und unberechtigt. Aber Fakten interessieren wohl nicht, wenn man sich wichtig machen will. Notfalls auch mal als Moralapostel. Natürlich würde ich eine Hospitanz bei uns begrüßen.“ Wie übrigens sicherlich auch eine große Mehrheit der Nicht-FCB-Ultras, bei welcher Boateng immer noch als Vereinslegende hoch geschätzt wird.
Harry KANE alles!
Okay, die vierte Erkenntnis ist dann doch wieder eher Standard. Aber muss man nicht einen Spieler, der quasi jede Rolle auf dem Feld beherrscht, besonders loben? Dass Harry Kane seit über zwei Jahren in München zahlreiche gegnerische Teams abgeschossen hat, ist Standardwissen. Dass er sich dabei teilweise auf die Zehnerposition zurückfallen lässt, ebenfalls.
Aber dass der 32-jährige Engländer jetzt in einem Spiel den wichtigen Führungstreffer erzielt, dann von der Sechserposition überragende weite Pässe schlägt, die die größten deutschen Spielmacher der Fußballgeschichte wie Günter Netzer und Wolfgang Overath, selbst einen Franz Beckenbauer stolz gemacht hätten, erstaunt dann doch. Und wenn derselbe Spieler dann in der Schlussphase wie ein Weltklasse-Innenverteidiger noch gefährliche Torschusssituationen des Gegners „abräumt“, dann MUSS das erwähnt werden.
Rubriklistenbild: © IMAGO/Michael Weber IMAGEPOWER

