VonIngo Durstewitzschließen
Halb voll oder halb leer? Das Remis gegen Bochum enttäuscht das Frankfurter Publikum und die Mannschaft. Aber Halbzeit zwei lässt einen klaren Aufwärtstrend erkennen
Frankfurt - Auch in der Retrospektive bleibt die Angelegenheit gegen den traditionsreichen Verein für Leibesübungen Bochum von 1848 eine zwiespältige. Ein schnödes Remis, 1:1, ist für einen ambitionierten Bundesligisten wie Eintracht Frankfurt eigentlich deutlich zu wenig. Da wabern ja ganz andere Ansprüche, Internationalität sollte es im Herzen von Europa schon sein, immer im besten Fall. Doch wer einen Punkt holt daheim gegen Bochum, in Köln verliert, mühsam 1:0 gegen Mainz gewinnt und sich vom Letzten aus Darmstadt noch eine 2:0-Führung nehmen lässt, wer also gegen die schwächsten Teams der Liga nur fünf von zwölf möglichen Zählern holt, der hinkt den eigenen Erwartungen so ein bisschen hinterher. Oder auch ein bisschen mehr.
| Eintracht Frankfurt | |
|---|---|
| Gründung: | 8. März 1899 |
| Mitglieder: | 139.000 (Stand 5. Februar 2024) |
| Größte Erfolge im Herren-Profifußball: | 1 x Deutsche Meisterschaft, 5 x DFB-Pokalsiege, 1 x UEFA-Pokalsieger, 1 x UEFA-Europa-League-Sieger |
Eintracht Frankfurt: Glas halb voll oder halb leer?
Die Eintracht grüßt aber noch immer von Platz sechs und hat den Vorsprung auf den SC Freiburg als ersten Verfolger sogar noch um einen Punkt auf vier Zähler ausgebaut. Dahinter lauert schon der 1.FC Heidenheim, der Neuling, fünf Zähler zurück. Doch europäische Visionen sind an der Brenz bisher nicht hinterlegt. Wäre ja auch noch schöner, irgendwie. Glas halb voll oder halb leer also in Frankfurt? Fakt ist: Die Unruhe ebbt nicht wirklich ab.
„Unterm Strich sind wir alle sehr unzufrieden“, fasste Verteidiger Philipp Max das gegen Bochum Gebotene denn auch zusammen. „Insgesamt war es deutlich zu wenig.“ Das Ganze mündete vor fast 60 000 Fans sogar in Pfiffen der Immertreuen, die gefühlt das letzte Mal den Finger in den Mund legten, als die Eintracht 2011 die Rückrunde der Schande auf den Rasen brachte oder irgendwann im Laufe der ebenfalls wenig erquicklichen Runde in der zweiten Amtszeit von Armin Veh, die 2016 nach einem 1:1 gegen Ingolstadt endete und in der Niko Kovac retten musste, was kaum mehr zu retten war. Liegt eine Weile zurück.
Wildwest in Abschnitt zwei
Über die Unmutsbekundungen, in Frankfurt fürwahr sehr ungewöhnlich, gingen die Protagonisten professionell hinweg, es blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig. „Damit müssen wir leben“, befand Sportvorstand Markus Krösche und bekannte, so ganz allgemein: „Die Ansprüche steigen.“ Auch Torhüter Jens Grahl, der für den kurzfristig mit einem Hexenschuss ausgefallenen Stammkeeper Kevin Trapp in der Kiste stand, hielt den Ball flach. Die Pfiffe habe jeder hören können und also auch registriert, „wir nehmen das an“. Die Proteste nach dem ersten Durchgang haben dazu geführt, dass die Mannschaft danach den Schalter umgelegt hat. Die Ansprache in der Kabine sei „emotional“ gewesen, wie Jens Grahl bedeutete. „Wir haben dann ein anderes Gesicht gezeigt.“
Der zweite Abschnitt war aus Frankfurter Sicht ganz klar ein Schritt nach vorne. Und da geht es weniger um das fußballerische Niveau, das nach wie vor auf einem maximal mittlerem Niveau stagniert, sondern um die Emotionalität auf dem Platz, das Leben und den Willen. „Es war eine sehr wilde zweite Halbzeit“, sagte VfL-Trainer Thomas Letsch. „Für die Zuschauer war das wahrscheinlich ein Traum.“ Das kann gut sein, denn zuletzt drohten sie in Frankfurt ob der permanenten Rück- und Querpässe auf ihren Sitzen einzuschlafen. Was Thomas Letsch, unkundig im Eintracht-Kosmos, ergo nicht wissen konnte: Ein Auftritt mit einer gewissen Wildwest-Attitüde ist für Eintracht-Verhältnisse im Winter 2024 schon mal ein Schritt nach vorne. Aber ob das wirklich so gewollt ist von Dino Toppmöller? Der Cheftrainer steht eher für gepflegten Fußball.
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Eintracht mit Leidenschaft in Halbzeit zwei, aber auch mit Chancenwucher
Aber nach Wochen der Gleichförmigkeit, einem Fußball nach Schema F, war da mal wieder Leidenschaft und Herzblut zu erkennen, eine gewisse Haltung zum Spiel. Das ist ein eklatanter Unterschied zum letzten Heimspiel gegen Mainz 05, ein ergurktes 1:0, oder den Blutleer-Auftritt von Köln beim 0:2 vor zehn Tagen. „Nach dem Spiel habe ich zur Mannschaft gesagt, dass die zweite Hälfte von der Energie und Power unser Anspruch sein muss“, sagte Coach Toppmöller. Genau so sieht es aus. Die Frage ist nur: Weshalb sind diese Grundeigenschaften nicht immer abrufbar – und da ist explizit nicht von fußballerischen Themen die Rede.
Die Eintracht hat sich erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit wieder einige Torchancen erarbeitet, „fünf hochkarätige“ sogar, wie Toppmöller zu Recht anmerkt. Um ein Spiel zu gewinnen, müsste aber eine verwertet werden. Und zur Wahrheit gehört genauso: Auch der VfL Bochum hatte Chancen, die Partie zu ziehen. So aber blieb es beim 1:1 durch Tore von Omar Marmoush (14.) und Moritz Broschinski (17.).
Eintracht-Sportchef Kröche: „Jungs sind nervös“
Für die Eintracht ist dieses Remis gewiss zu wenig, aber erklärbar. Denn hinter den Spielern liegen keine einfachen Wochen, sie sind von ihrem Trainer überfrachtet und dann von außen mit Kritik bedacht worden. „Die Jungs sind nervös“, sagte daher Sportchef Krösche. „Es ist normal, dass die Verunsicherung wächst.“
Vielleicht sollten sie es weiter einfach halten in Frankfurt, den Ball nicht so oft zurück, sondern häufiger nach vorne spielen. Wie zu Beginn des Spiels gegen Bochum und über weite Teile des zweiten Abschnitts. „Wir haben versucht, deutlich schneller in die Tiefe zu kommen“, analysierte Krösche. Ist offenbar gar nicht so schwer. Hoffnung machen zwei Offensivkräfte: Marmoush zeigte nach seiner Rückkehr vom Afrika-Cup sofort, weshalb er in der Hinrunde zum Shootingstar avancierte. Und Einwechselspieler Hugo Ekitiké brachte trotz körperlicher Defizite eine Topleistung, schnell, pfiffig, technisch stark. „Ich freue mich, wenn alle Spieler bereit sind, über 90 Minuten zu gehen“, sagte Trainer Toppmöller.
Sportboss Krösche verwies einmal mehr auf den großen Umbruch, erst im Sommer, jetzt im Winter. „Gebt uns ein bisschen Zeit“, sagte er. „Wir müssen uns selbst Geduld geben.“ Doch die Zeit drängt, am Donnerstag schon steht das erste Conference- League-Playoffspiel in Belgien bei Royale Union Saint-Gilloise an. Da steht ein bisschen was auf dem Spiel – gerade in punkto Stimmung. Die kann sogar in Frankfurt auch mal kippen.
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