VonThomas Kilchensteinschließen
Wie sich der Trainer Alexander Blessin im Schatten der großen Klubs bei Saint-Gilloise einen Namen macht.
Natürlich ist bei Royale Union Saint-Gilloise schnell der Alltag eingekehrt, die Feierlichkeiten nach dem mutig errungenen 2:2 im Playoff-Hinspiel der Conference League gegen Eintracht Frankfurt uferten keinesfalls aus, selbst wenn die Freude über dieses respektable Ergebnis doch größer war als allenthalben erwartet.
Am Sonntag kam der von Alexander Blessin angeleitete belgische Tabellenführer zu einem schmucklosen, locker herausgespielten 3:1-Sieg bei Schlusslicht KV Kortrijk, der Klub, bei dem einst der Frankfurter Tuta seine ersten Meriten in Europa verdiente. Trainer Blessin konnte sich angesichts eines weiterhin komfortablen Vorsprungs von acht Zählern (vor dem RSC Anderlecht) in der Liga erlauben, die Hälfte der Mannschaft zu schonen.
Das Remis vom letzten Donnerstag hat den gebürtigen Stuttgarter in seinem Glauben bestärkt, beinahe auf Augenhöhe mit den Hessen zu stehen. Der Mann, der bislang eher unter dem Radar geflogen war, weiß schon, zu was seine Mannschaft, obzwar nach mathematischen Algorithmen und einem ausgeklügelten Scoutingsystem bis auf drei Stammspieler vor der Saison komplett neu zusammen gestellt, imstande ist. Man habe eine „gute Combo entwickelt“, sagt er leidenschaftlich.
Ralf Rangnick holte Blessin zu Leipzig
Ein Selbstgänger wird das Rückspiel nicht für die Eintracht, verspricht der 50 Jahre alte Coach, der von 2020 bis 2022 den KV Oostende trainierte und in dieser Zeit zum Trainer des Jahres in Belgien gewählt wurde. Er weiß aber auch: Auftritte in der Fremde auf internationalem Parkett fällt Saint-Gilloise zuweilen schwer: In den drei Auswärtsspielen in der Europa League in dieser Saison in Liverpool (0:2), Linz (0:3) und Toulouse (0:0) war den Belgiern, in der heimischen Jupiler Pro League in 26 Spielen nur zweimal bezwungen, ein eigener Torerfolg versagt geblieben.
Alexander Blessin hätte auch eine komplett andere Karriere einschlagen können, die eines Versicherungskaufmanns bei der Allianz etwa. Das zumindest hat der Vater dreier Töchter gelernt nach seiner Profikarriere, die ihn sieben Bundesligaspiele für den VfB Stuttgart hat bestreiten lassen, den Großteil aber bei unterklassigen Teams, zuletzt bei Jahn Regensburg, SSV Reutlingen, SV Bonlanden. „Bist du dir sicher, dass du das in den nächsten 20 Jahren machen willst“, hat ihn seine Frau Charlotte seinerzeit gefragt, 2012 war das. Natürlich wusste sie, dass seine Passion woanders lag, die Trainerscheine hatte er längst in der Tasche. „Ich bin einfach unheimlich gern Trainer“, hat er mal gesagt. Und der Zufall wollte es, dass just in dieser Zeit Ralf Rangnick anrief und ihn zu RB Leipzig holte. Und eine Karriere, die einen ungewöhnlichen Verlauf nehmen sollte, nahm Fahrt auf, 39 Jahre war er da schon alt. Die „SZ“ nannte ihn einst „die Inkarnation des Tellerwäschers“.
Acht Jahre bei RB
Acht Jahre blieb er im Red-Bull-Universum, trainierte Jugendmannschaften ab U17 aufwärts, verinnerlichte so den RB-Fußball, inklusive obligatorischem Käppi auf dem Kopf und ewig eingeschaltetem Laptop, den er jetzt auch bei Union Saint-Gilloise spielen lässt. Nach acht Jahren Nachwuchsarbeit am Cottaweg wagte er den Sprung in den Erwachsenenfußball, zu Oostende, einem Seebad in Westflandern, zwar erste Liga, aber in akuter Abstiegsgefahr. Nicht die allererste Adresse im europäischen Fußball, aber eine, die dem Trainer-Novize eine Chance gab. Blessin, der als emotionaler. empathischer, dennoch akribischer Taktiker gilt coachte das Team an der Nordsee auf Rang fünf, eine Platzierung, die KV Oostende seit Jahrzehnten nicht erreicht hatte.
Nach zwei Jahren sollte er den kriselnden und in der Serie A klar abgeschlagenen FC Genua vor dem Abstieg retten, um ein Haar hätte es geklappt. In der Branche war man aufmerksam geworden auf den Mann, der seit Sommer 2023 nahezu perfekt zum bunten No-Name-Team aus dem Brüsseler Stadtteil passt. Unterm Radar fliegt Alexander Blessin nicht mehr, der Spätzünder hat sich in der Provinz längst einen Namen gemacht. Und Lust auf mehr.
