U21 im Abstiegskampf

Eintracht-„Juwel“ enthüllt faszinierende Herkunfts-Story

  • schließen

Kaan Inanoglu ist der strahlende Stern in der zweiten Mannschaft von Eintracht Frankfurt. Der Angreifer hat einen bemerkenswerten Lebenslauf.

Frankfurt – Die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt steht vor dem Abstieg aus der Regionalliga in die Hessenliga. Trotz schwieriger Saison in der vierten Spielklasse sticht ein Akteur hervor: Kaan Inanoglu. Der türkisch-US-amerikanische Angreifer hat eine spannende Story zu bieten.

Geboren in Dallas, zog es ihn im Alter von 15 Jahren ins oberbayerische Bad Aiblingen. Nach wenigen Monaten im Internat kehrte er in die USA zurück und von dort aus nach Duisburg. Anschließend ging es weiter nach Frankfurt, wo er zuletzt seinen Vertrag bis 30. Juni 2027 verlängerte.

Im exklusiven Gespräch mit Absolut Fußball, dem Fußballportal von Home of Sports, spricht der 19 Jahre alte Inanoglu über seinen Werdegang, seine Stärken, die persönlichen Ziele und welche Verbindung er zuvor schon zur Eintracht hatte. Der aufgeweckte Angreifer nahm sich vor dem Duell am Samstag (14 Uhr) in Freiberg ausreichend Zeit.

Kaan Inanoglu, Sie sind in Dallas geboren und haben dort auch bis 2021 im Jugendbereich der Texans gespielt. Nach einer Stippvisite in Bad Aibling, spielten Sie ein Jahr bei den Bosten Bolts und gingen dann nach Duisburg. Das ist ein außergewöhnlicher Werdegang. Können Sie uns mitnehmen?
Ich hatte schon früh den Traum, nach Europa zu kommen und die Länder zu erkunden, in denen die Qualität des Fußballs nochmal eine ganz andere ist als in den USA. In Bad Aibling gibt es das DFI, das Deutsche Fußball-Internat. Wir waren eine Gruppe amerikanischer Jugendlicher und bekamen dort einige Monate die Möglichkeit, die Kultur, deutsche Trainer, das Essen und Leben kennenzulernen. Ich habe einen Vorgeschmack bekommen, was mich in Deutschland erwartet. Das waren sehr wertvolle Erfahrungen für mich.
Hier jubelt Kaan Inanoglu über einen seiner 14 Treffer
Diese Zeit war mit Sicherheit eine Herausforderung?
Es war definitiv eine schwierige Entscheidung. Ich war damals erst 15 Jahre alt und habe meine Freunde, meine Schule und meine Familie verlassen. Aber wenn ich zurückblicke und darüber nachdenke, dann war es der absolut richtige Schritt. Ich spiele jetzt bei der Eintracht und mache genau das, was ich vor drei Jahren geplant hatte. Daher blicke ich zufrieden auf meine damalige Entscheidung zurück.
Sie kehrten anschließend ein Jahr zurück in die USA und wechselten daraufhin nach Duisburg. Wie kam es dazu?
Ein entfernter Verwandter, Sercan Güvenisik, der heute auch Mentor und Vertrauensperson für mich ist, spielte einst beim MSV Duisburg. Wir stehen uns sehr nahe und ich wollte unbedingt den Schritt in den europäischen Fußball wagen. Da ich keinen europäischen Pass hatte, musste ich warten, bis ich 18 Jahre alt war. Ich fühlte mich aber bereit dazu, nach Deutschland zu wechseln. Mein ‚Onkel‘, wie ich Sercan nenne, kannte die Verantwortlichen in Duisburg, was mir sehr geholfen hat.
Ich habe beim MSV zunächst für die U19 gespielt. Perspektivisch war es zu der Zeit natürlich auch mein Ziel, irgendwann in der ersten Mannschaft des MSV Duisburg zu spielen.

Das ist der Werdegang von Kaan Inanoglu

- Geboren am 16. August 2005 in Dallas

- Spielte in der Jugend bei den Dallas Texans und ging im März 2021 ins Fußball-Internat nach Bad Aiblingen

- Kehrte im Juli 2022 in die Staaten zurück und spielte zwölf Monate für die Boston Bolts

- Es folgte der Wechsel zum MSV Duisburg, wo er am 27. Januar 2024 sein Profi-Debüt feierte und insgesamt sechs Drittliga-Einsätze absolvierte

- Eintracht Frankfurt verpflichtet Inanoglu im Juli 2024. Im Januar 2025 verlängerte er seinen Vertrag bis 2027. Inanoglu besitzt eine Option für ein weiteres Jahr

War das Leben ohne die Familie aus den USA nicht schwierig?
Natürlich gab es Herausforderungen, die ich bewältigen musste. Ich war in meiner eigenen Wohnung auf mich alleine gestellt. Dabei habe ich gelernt, wie ich mein Leben Schritt für Schritt in geordnete Bahnen lenke. Ich musste kochen, mich um den Haushalt kümmern und für mich selbst sorgen. Zu Beginn musste ich noch auf mein Visum warten. Als ich es endlich hatte, konnte ich mich auf dem Feld zeigen. Ich habe mich im Training angestrengt und viele Sachen gelernt. Die Trainer haben genau hingeschaut und gesehen, dass ich Tore schießen kann. Alle im Verein haben mir sehr geholfen. Und dann kam das große Spiel gegen die U19 von Borussia Dortmund...
Was ist dort passiert?
Die U19 des BVB hatte in der Liga lange Zeit nicht mehr verloren. Ich habe bei unserem Sieg einen Hattrick erzielt. Es war sehr wichtig, dass ich meine Qualität zeige. Aber ich wusste nicht, wie schnell ich mich entwickeln werde. Glücklicherweise war ich immer fit und gesund. Dadurch bekam ich Einsätze bei den Profis in der 3. Liga. Es war das erste Mal, dass ich im Männerfußball gespielt habe.
Das war ein harter Wettbewerb. Aber es war genau das, was ich wollte. Für diese Erfahrung werde ich dem Klub immer dankbar sein. Ich durfte mit 18 Jahren vor 20.000 Fans spielen und genau das tun, was ich liebe. Das war ein unglaubliches Gefühl.
Sie haben das Sportler-Leben in den USA miterlebt. Welche Unterschiede machen Sie im Vergleich zu Deutschland fest?
Der Fußball in den USA wird jährlich besser. Aber ein wesentlicher Aspekt, den ich in Deutschland gelernt habe, ist die Disziplin. Auch die Stürmer müssen gegen den Ball arbeiten und zehnmal in den freien Raum sprinten, auch wenn nur einer der Pässe ankommt. Dazu ist das Spiel sehr gut organisiert.
Wir kennen unseren Plan und jeder Spieler weiß ganz genau, was er zu tun hat. In den USA hatte ich häufig das Gefühl, dass jeder Spieler versucht hat, sein eigenes Ding durchzuziehen. In Deutschland wird hingegen sehr diszipliniert und teamorientiert gearbeitet.
Sie laufen für die U-Mannschaften der Türkei auf. Warum haben Sie sich nicht für die USA entschieden?
Es war keine Entscheidung gegen die USA. Die Türkei hat in meiner Zeit in Duisburg zuerst Kontakt aufgenommen und mit mir telefoniert. Der türkische Verband hatte mich eingeladen. Meine ganze Familie stammt aus der Türkei. Daher ist es eine Ehre für mich, für dieses Land zu spielen. Jedoch bin ich in den USA geboren und aufgewachsen, weshalb es mir auch eine Ehre wäre, für die USA aufzulaufen. Mein Herz schlägt für beide Länder.
Nach einem Jahr in Duisburg zogen Sie weiter nach Frankfurt. Was waren Ihre Beweggründe für den Wechsel zur Eintracht?
Den ersten Kontakt gab es im März. Ich habe in Duisburg gute Leistungen gezeigt. Der MSV stand zwar auf einem Abstiegsplatz, dennoch war für mich auch der Verbleib in Duisburg eine Option. Trotzdem überlegt man natürlich, wie die nächsten Schritte aussehen. Als Sercan mich über den Anruf der Eintracht informierte, hat mich das positiv überrascht.
Die Eintracht ist ein großer Verein. Und ich kannte den Klub. Frankfurt war einige Jahre davor mit seinem U14-Team beim Dallas Cup. Meine Familie fungierte damals als Gastfamilie für einige Spieler. Unter anderem Elias Baum war zu dieser Zeit bei uns untergebracht. Dadurch hatte ich einen Bezug zum Klub.
Nino Berndroth, Leiter Kaderplanung U17-U21, hatte Kontakt zu Ihnen aufgenommen und mit Ihnen gesprochen. Wie hat er Sie überzeugt?
Nino Berndroth war sehr offen in den Gesprächen. Er hat mir erklärt, welche Qualitäten er in mir sieht und in welchen Bereichen ich mich verbessern muss. Er hat mir dadurch ein gutes Gefühl vermittelt, so etwas hatte ich davor noch nie gespürt. Wir haben daher einem Wechsel zugestimmt. Ich bin sehr froh, dass ich zur Eintracht gegangen bin. Trainer, Mitspieler, das gesamte Umfeld - ich bin sehr dankbar und habe das Gefühl, dass Frankfurt mehr und mehr zu meinem zweiten Zuhause wird.
Bei der zweiten Mannschaft der Eintracht läuft es jedoch insgesamt nicht gut, Sie persönlich erleben allerdings ein starkes Jahr mit 14 Toren und drei Vorlagen. Was überwiegt: Die Freude über die eigene Performance oder der Ärger über das Abschneiden in der Liga?
Ich bin der Meinung, dass unser aktueller Tabellenstand nicht mit unserem hohen Aufwand, den wir betreiben, übereinstimmt. Unsere Mannschaft hat so viel Qualität und wir investieren sehr viel. Ich versuche, mein Bestes zu geben und mit meinen Toren zu helfen. Ich bin natürlich froh darüber, dass ich Tore schießen und meine Entwicklung vorantreiben kann. Aber am Ende steht der Erfolg der Mannschaft an erster Stelle. Ich glaube nach wie vor an unsere Stärken und bin der Überzeugung, dass wir bis zum Ende gemeinsam alles geben werden.
Zuletzt sind Ihnen sogar drei Tore in einer Partie gelungen, e swar ein ganz wichtiger Sieg gegen Göppingen. War das Ihr schönster Tag im bisherigen Fußballer-Leben?
Es war ein guter Tag für mich und für uns als Mannschaft. Mein Vater hat mich nach langer Zeit besucht und beim Spiel in Göppingen zugeschaut. Auch der U20-Nationaltrainer der USA war bei der Partie anwesend. Das Timing für einen Hattrick war also perfekt, es war ein besonderer Tag. Der Sieg war für die Mannschaft sehr wichtig und es freut mich, dass ich meinen Teil dazu beitragen konnte.
Was würden Sie als Ihre großen Stärken bezeichnen?
Ich sehe mich als klassischen Neuner und möchte ein „Killer“ vor dem Tor sein. Ich bin zielstrebig und habe einen guten Abschluss. Im vergangenen Jahr habe ich mich in der Arbeit gegen den Ball verbessert. Ich habe viel darüber gelernt, wie man gegnerische Verteidiger unter Druck setzt und sie damit zum Befreiungsschlag zwingt. In diesen Bereichen habe ich mich deutlich verbessert. Dafür bin ich dem Trainerstab und den Analysten sehr dankbar. Aber es gibt, wie bei jedem jungen Spieler, noch einige Bereiche, in denen ich noch Luft nach oben habe.
Mit Ihren 19 Jahren konnten Sie sportlich auf sich aufmerksam machen. Im vergangenen Jahr kam Noel Futkeu aus der fünften Liga zur Eintracht und wechselte nach einer starken Saison nach Fürth. Verfolgen Sie einen ähnlichen Karriereplan?
Noel Futkeu macht es natürlich sehr gut bei Greuther Fürth, er hat dort zehn Tore erzielt. Ich versuche immer, mich auf den Moment zu konzentrieren und mich nicht ablenken zu lassen. Natürlich verfolge ich das Ziel, den nächsten Schritt zu gehen. Ob es in der U21 der Eintracht oder woanders sein wird? Darüber denke ich nicht viel nach, denn im Vordergrund steht der wichtige Saisonendspurt.
Haben Sie den Traum für die erste Mannschaft der Eintracht spielen zu dürfen?
Ich träume jeden Tag davon, irgendwann für Eintracht Frankfurt in diesem großartigen Stadion spielen zu dürfen. Jede Trainingseinheit, die ich mit der ersten Mannschaft absolvierten durfte, war sehr besonders und lehrreich für mich. Mein Ziel ist es, auch in Zukunft weiter meine Leistung zu bringen, hart zu arbeiten und so auf mich aufmerksam zu machen. Alles Weitere liegt dann nicht in meiner Hand.

Rubriklistenbild: © Eintracht Frankfurt

Kommentare