Wut, Tränen, Frust

„Kotzt mich ziemlich an“: Deutsche Skijäger bei Biathlon-WM am Boden zerstört

  • schließen

Deutschland geht bei der Biathlon-WM bislang leer aus. Das DSV-Team hadert mit Material und Loipe. Die Skijäger sind mit den Nerven am Ende.

Nove Mesto – Deutschland erlebte am vergangenen Wochenende bei der Biathlon-WM einen Albtraum. Bei den ersten Wettkämpfen im tschechischen Nove Mesto gab es keine einzige Medaille für den DSV. Nachdem das erfolgsverwöhnte deutsche Biathlon-Team erst zum dritten Mal in diesem Jahrtausend nach der ersten WM-Woche eine Nullrunde hingelegt hatte, herrschte bei Franziska Preuß, Philipp Horn und Co. Wut, Frust und Ratlosigkeit.

„Kotzt mich ziemlich an“: Deutsche Skijäger bei Biathlon-WM am Boden zerstört

„Die Laufzeit ist mit Abstand das Schlechteste, was ich in diesem Winter angeboten habe. Das kotzt mich ziemlich an“, haderte Philipp Horn nach dem WM-Sprint am Samstag. „Man merkt auf jedem Meter, wie man Zeit um die Ohren bekommt.“ Er habe sich auf der Strecke eigentlich „gut gefühlt“, betonte Johannes Kühn: „Aber wenn ich mir die Ergebnisliste anschaue, habe ich keinen Auftrag gehabt.“

Das deutsche Quartett hatte auf den zehn Kilometern Rückstände von 1:16 bis 1:42 Minuten auf die Laufschnellsten – fernab vom Niveau der bisherigen Saison. „Wir haben überdimensional viel Zeit verloren, von Zwischenzeit zu Zwischenzeit. Da gibt es nichts dran rumzurütteln“, monierte Sportdirektor Felix Bitterling. Nach dem Fluorverbot sei das Wachsen „jede Woche ein Tanz auf der Rasierklinge und so eine Klinge ist schmal. Man kann sehr schnell runterfallen in irgendeine Richtung“, führte Bitterling aus.

Philipp Horn ist nach seiner Laufzeit bei der Biathlon-WM frustriert.

Deutscher Biathlon-Star weint nach Trauerspiel bittere Tränen

Auch bei den Frauen lief es nicht viel besser. Nach einem historischen Fehlstart brachen bei Vanessa Voigt alle Dämme. Sie sei „auf dem Boden der Tatsachen“ gelandet, sagte die 26-Jährige fassungslos und weinte bitterlich. „Das ist nicht die Leistung, die ich bringen will. Da reißt man sich das ganze Jahr den Arsch auf, und dann so was.“ Wegen der Materialprobleme bestehe „Redebedarf“.

Vor allem läuferisch gab es für die DSV-Stars gegen die überragenden Französinnen und die dominanten Norweger um Superstar Johannes Thingnes Bö, der sein 18. (!) WM-Gold gewann, in den ersten fünf Rennen nichts zu holen – auch nicht für Franzsika Preuß in der Verfolgung am Sonntag über zehn Kilometer. Wie im Sprint musste sich die 29-Jährige beim erneuten Triumph von Julia Simon, die vor der Italienerin Lisa Vittozzi und ihrer Teamkollegin Justine Braisaz-Bouchet bereits ihr drittes Gold holte, mit Rang sechs begnügen. Auf der Strecke verlor sie zu den Besten über eine Minute, bei Voigt auf Rang 18 waren es gar knapp zwei.

Geisenberger, Frenzel & Co.: Diese deutschen Wintersport-Stars haben 2023 ihre Karriere beendet

Rennrodlerin Natalie Geisenberger hat ihre Laufbahn nach sechs Goldmedaillen bei Olympia, neun WM-Titeln und acht Gesamtweltcup-Siegen für beendet erklärt.
Rennrodlerin Natalie Geisenberger hat ihre Laufbahn nach sechs Goldmedaillen bei Olympia, neun WM-Titeln und acht Gesamtweltcup-Siegen für beendet erklärt.  © IMAGO/Andrew P. Scott
Biathletin Denise Herrmann-Wick jubelt vor dem Holmenkollen.
Es war der Paukenschlag in der Wintersport-Saison 2022/23: Ex-Langläuferin und Biathletin Denise Herrmann-Wick beendete als amtierende Olympiasiegerin ihre Karriere. © IMAGO/VEGARD GRØTT
Eric Frenzel wird von Sportler der Nordischen Kombination verabschiedet.
Ein ganz großer deutscher Sportler verlässt die Nordische Kombination: Eric Frenzel. 2014 und 2018 wurde er Olympiasieger. © IMAGO/GEPA pictures/ Patrick Steiner
Nico Ihle beim Eisschnelllauf.
Der Eisschnellläufer Nico Ihle beendete seine lange Karriere mit 37 Jahren. Sein größter Erfolg: Die WM-Silbermedaille 2017 in Gangneung. ©  via www.imago-images.de
Die deutsche Biathletin Luise Müller beim IBU Cup in Pokljuka.
Die deutsche Nachwuchs-Hoffnung im Biathlon, Luise Müller (22), verkündete völlig überraschend ihr Karriereende. © IMAGO/Harald Deubert
Der deutsche Skifahrer Julian Rauchfuss bei der Abfahrt.
Eine Silbermedaille nahm Technik-Spezialist Julian Rauchfuss bei den Olympischen Spielen 2022 in Peking mit nach Hause. © IMAGO/GEPA pictures/ Mathias Mandl
Die Biathletin Vanessa Hinz am Schießstand bei ihrem letzten Rennen in Obertilliach
Von Verletzungen und Rückschlägen in der Saison 2022/23 verfolgt: Vanessa Hinz. Die 31-jährige Biathletin hörte 2023 nach ihrem letzten Rennen beim IBU Cup in Obertilliach auf. WM-Silber 2020 im Einzel ist einer ihrer größten Triumpfe. © Harald Deubert/imago
Der deutsche Sportler Jonas Dobler beim Skilanglauf.
Jonas Dobler (Skilanglauf) beendete nach zehn Jahren im Weltcup seine Karriere. © IMAGO/Eibner/Memmler
Nolan Seegert tanzt mit seiner Lauf-Partnerin Minerva Hase auf dem Eis.
Der 30-jährige Nolan Seegert beendete seine Karriere als Paarläufer aufgrund der Trennung von seiner Lauf-Partnerin Minerva Hase (l.). © IMAGO/Stephanie Gouiran
Skirennläuferin Marlene Schmotz umfährt Slalom-Stange beim Weltcup.
DSV-Slalom-Spezialistin Marlene Schmotz (29) verabschiedete sich nach zehn Jahren im Ski-Weltcup aus dem Alpinsport.  © Wolfgang Grebien/GEPA pictures/imago
Der 30-jährige Paul Fentz beim Eiskunstlauf.
Paul Fentz: Der Eiskunstläufer und viermaliger deutsche Meister zog einen Schlussstrich unter seiner Laufbahn auf dem Eis. © Laci Perenyi via www.imago-images.de
Der deutsche Skirennfahrer David Ketterer beendete den Weltcup in Chamonix auf dem 22. Platz.
Mit David Ketterer haben gleich drei deutsche DSV-Asse ihre Ski nach dieser Saison abgeschnallt. Der 29-jährige gebürtige Donaueschinger kämpfte in den letzten Jahren immer wieder mit Verletzungen - 2022 wurde „Kette“ zudem Vater.  © Mario Buehner/GEPA pictures/imago

DSV-Team muss bei Biathlon-WM Technik-Problem lösen – und hofft auf „Geheimrezept“

Das Skimaterial im schmutzigen und weichen tschechischen Schnee bleibt das große deutsche Problem. „Wir müssen extrem arbeiten, während die anderen fast fliegen“, monierte Bitterling am Sonntag. Auch die Männer waren im Verfolger über 12,75 km – die Strecke war wegen Wind und Regen angepasst worden – nach dem Sprint-Debakel chancenlos. Johannes Kühn landete beim historischen norwegischen Fünffach-Triumph nach vier Schießfehlern mit über drei Minuten Rückstand als bester Deutscher nur auf dem ernüchternden 15. Rang.

Nun gilt es aus 200 Wachsen, 70 Handstrukturen („vermutlich die Problemquelle“, Bitterling) und zahlreichen Skischliffen den besten Mix für die weichen und schmutzigen Bedingungen in Tschechien zu finden. „Vielleicht“, so Preuß, finde das Technikerteam bis zum Einzel der Frauen am Dienstag (17.10 Uhr/ARD und Eurosport) ähnlich wie die Franzosen noch „ein Geheimrezept“ – die sind mit den Norwegern in Sachen Material bislang in einer eigenen Liga. (ck/sid)

Rubriklistenbild: © Nils Koepke/Imago

Kommentare