VonLars Pollmannschließen
Niko Kovač hat den BVB wieder auf den richtigen Weg geführt und Kritiker zum Verstummen gebracht. Eine unerwartete Diskussion könnte aufkommen.
Dortmund – Die Skepsis war groß im Umfeld von Borussia Dortmund. Niko Kovač als neuer Trainer? Ende Januar kam bei wenigen Fans Begeisterung auf.
Immerhin hatte der Ex-Profi beim FC Bayern klassisch „die Kabine verloren“, wie es in der Fußballersprache heißt, seinen Ruf anschließend beim VfL Wolfsburg nicht zwingend aufpolieren können. Dass der Kroate zum Nachfolger von Nuri Şahin (und Interimscoach Mike Tullberg) auserkoren wurde, interpretierten die meisten Beobachter auch im Sinne eines Mangels an Alternativen.
Die Kritiker sahen sich in den ersten Wochen des Engagements von Kovač durchaus bestätigt. Es ist nicht lange her, dass darüber spekuliert wurde, ob der BVB vielleicht schon zur FIFA Klub-WM in den USA einen anderen Übungsleiter an der Seitenlinie haben würde. Dann aber kam die Länderspielpause im März, in deren Folge es in Dortmund „Klick gemacht“ hat.
Der Wind hat sich beim BVB gedreht
Aus den darauffolgenden sechs Bundesliga-Spielen holte der BVB 16 von 18 möglichen Punkten, hat sich wieder ernsthaft ins Spiel gebracht, wenn es um die Qualifikation für die Champions League geht. Im laufenden Wettbewerb verabschiedete sich Dortmund letztlich mit erhobenem Haupt und einem Heimsieg gegen den FC Barcelona im Viertelfinale.
Kovač hat in diesen Wochen beim BVB mächtig Eigenwerbung betrieben. Als „harter Hund“ verschrien, zeigte der gebürtige Berliner vielmehr ein gutes Gespür für seine neue Mannschaft, die er zunächst stark redete. Vormalige Sorgenkinder wie Waldemar Anton, Julian Brandt oder Niklas Süle erleben einen Aufwärtstrend, der stark auf die Arbeit von Kovač zurückzuführen ist.
Der Wind hat sich deshalb klar gedreht. Anstatt über eine Demission des Trainers zu spekulieren, könnt es schon bald ein ganz anderes Thema geben: Eine mögliche Vertragsverlängerung zwischen Borussia Dortmund und Niko Kovač!
Geht der BVB mit Kovač ins letzte Vertragsjahr?
Um nicht als reiner Feuerwehrmann zu gelten, hatte Kovač bei der Unterschrift in Dortmund auf einen Vertrag bis Sommer 2026 bestanden. Sportchef Lars Ricken erklärte später zwar, die Laufzeit sei in den Gesprächen im Prinzip gar kein großes Thema gewesen, es gibt jedoch genügend Stimmen im Umfeld des Klubs, die nahelegen, der BVB hätte sich lieber noch mehr Handlungsspielraum gelassen.
Diesen Spielraum wünschen sich schließlich alle Klubs, wenn es um den für den sportlichen Erfolg wohl wichtigsten Angestellten geht. Aus diesem Grund vermeiden Vereine für gewöhnlich auch das Szenario, das beim BVB und Kovač bevorsteht: den Gang ins letzte Vertragsjahr.
Dabei geht es zuvorderst um zwei Themen: Einerseits soll Unruhe verhindert werden, die durch Spekulationen um den amtierenden Trainer und etwaige Nachfolger unweigerlich aufkommt. Andererseits geht es um Planungssicherheit und Stabilität.
„Hire and Fire“-Mentalität nicht nur beim BVB
Diese Planungssicherheit ist dem BVB seit dem Ende der Ära von Jürgen Klopp im Jahr 2015 entglitten. Nur Lucien Favre hat in den letzten zehn Jahren mehr als zwei Spielzeiten auf dem Trainerstuhl ausharren können. Dortmund stellt damit keinen Einzelfall dar, die „Hire and Fire“-Mentalität hat in der Bundesliga längst Einzug gehalten.
Trotzdem sollte das Ziel sein, Übungsleiter anzustellen, mit denen man sich eine Zusammenarbeit vorstellen kann, deren Dauer über die inzwischen übliche Halbwertszeit deutlich hinausgeht.
Bei Kovač hätten sich das zu Amtsantritt in Dortmund wohl nur wenige Beobachter vorstellen können. Doch der Kroate hat enorm abgeliefert. „Er muss einfach nur ein Fußballlehrer sein, und genau das hat sich als Segen für den BVB erwiesen“, analysierte zuletzt das Fachmagazin kicker.
Kovač ist beim BVB auch einer der starken Männer
Tatsächlich aber ist Kovač binnen kurzer Zeit auch zu einem starken Mann in Dortmund geworden. Der Trainer ist konkret in Transferpläne involviert, führt Gespräche mit möglichen Neuzugängen wie Rayan Cherki von Olympique Lyon.
Unter der Woche gehörte er der prominenten BVB-Delegation an, die in den Nordosten Englands gereist ist, um das Toptalent Jobe Bellingham und den AFC Sunderland vom Wechsel an den alten Arbeitsplatz seines Bruders Jude zu überzeugen.
Obendrein durfte Kovač offenbar eigene Transferwünsche beim BVB stellen. Der Trainer ist mittendrin statt nur dabei, fungiert schon qua seines Amtes als eines der wichtigsten Gesichter des Vereins.
BVB ist vom SC Freiburg abhängig
Da wäre es nur folgerichtig, wenn sich die Parteien in den kommenden Wochen, etwa nach der Klub-WM, in Vertragsgespräche begeben würden. Einen Ausschlag dürfte natürlich auch das Saisonende in der Bundesliga geben.
Wie groß der allerdings ausfällt, bliebe abzuwarten. Selbst mit sechs Punkten gegen Bayer Leverkusen und Holstein Kiel wäre dem BVB die Champions League nicht sicher. Dafür müsste der SC Freiburg in jedem Fall mindestens einmal Punkte lassen.
Auf dem Papier hätte Dortmund damit das Saisonziel verpasst. Kovač würde allerdings der geringste Vorwurf treffen.
Zu Dienstbeginn wehte ihm Skepsis entgegen, womöglich käme nun Wehmut auf – bei der Frage, was gewesen wäre, wenn der BVB schon früher die Reißleine bei Şahin gezogen und das Schicksal in die Hände von Kovač gelegt hätte.
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