VonIngo Durstewitzschließen
Eintracht Frankfurt geht mit dem besten Saisonstart seit zwölf Jahren in die Woche mit zwei Highlightspielen.
Frankfurt – Es gab nicht wenige Schwarzmaler im Dunstkreis von Eintracht Frankfurt, die vor Saisonbeginn ein düsteres Szenario an die Wand warfen. Der Start mit dem Pokalspiel beim unangenehmen Zweitligisten Eintracht Braunschweig, dann der Bundesligaauftakt in Dortmund, schließlich noch ein Auswärtsspiel in Wolfsburg, wo es für die Eintracht immer schwer war, und im Oktober der Doppelpack mit Spielen gegen den Rekordmeister Bayern München und dem amtierenden Meister Leverkusen – das könne ja heiter werden.
Und das alles mit einer Mannschaft, die die Erwartungen in der Vorsaison tabellarisch zwar erfüllte, fußballerisch und emotional aber nicht. Und mit einem Trainer, der angezählt in die neue Runde gehen würde und wenig Kredit hat. Wahrscheinlich, unkten die Unken, werde Dino Toppmöllers Stuhl bis zur zweiten Bundesligapause im Oktober schon gehörig wackeln. Nun ja. Es kam dann anders. Ein kleines bisschen anders.
Eintracht nach Sieg gegen Kiel auf Platz zwei
Nach fünf Bundesligaspielen steht die Eintracht prächtig da, vier Siege nacheinander hat sie geholt, am Sonntag sehr souverän mit 4:2 bei Neuling Holstein Kiel gewonnen. Sie hat sich direkt hinter Bayern München auf Platz zwei geschoben. Beste Voraussetzungen also für das absolute Spitzenspiel des kommenden Wochenendes, im Frankfurter Waldstadion trifft dann der Zweite auf den Ersten. Vorher geht es für die Eintracht in der Europa League am Donnerstag zu Besiktas Istanbul. „Wir freuen uns extrem darauf, das sind geile Spiele“, sagte Abwehrchef Robin Koch.
Es ist der zweitbeste Eintracht-Start in die Liga seit Einführung der Drei-Punkte-Regel, nur einmal, vor zwölf Jahren, hatten die Hessen mehr Punkte geklaubt: Damals fegten sie als Aufsteiger durch das Fußball-Oberhaus, holten 13 Zähler aus fünf Partien – orchestriert und moderiert wurde der Höhenflug von Erfolgstrainer Armin Veh.
Marmoush aktuell bester Torschütze in der Bundesliga
Der Chefcoach heute heißt Dino Toppmöller, und er hat eine Mannschaft erschaffen, die in der Bundesliga heraussticht. Die Eintracht stellt den besten Torschützen mit Omar Marmoush, den feurigen Ägypter, der nicht nur in „herausragender Form ist“ (Toppmöller), sondern laut „Kicker“ auch der notenbeste Spieler der gesamten Liga. Schon dreimal in fünf Spielen schaffte es der Stürmer in die „Elf des Tages“ des Fachmagazins. Und: Sechs Tore nach fünf Partien schaffte vor ihm kein anderer Frankfurter Akteur.
Am Sonntag in Kiel hatte er Aktien in allen vier Treffern, zwei machte er selbst, zwei legte er auf. Und damit war er noch gnädig, es hätten noch mehr Torbeteiligungen sein können. Und das alles ohne seinen kongenialen Sturmpartner Hugo Ekitiké, der geschont wurde für das brisante Duell am Bosporus am Donnerstagabend (21 Uhr/RTL). Das Traumduo zeichnet für 17 von 18 Pflichtspieltreffern verantwortlich. Wo soll das noch hinführen? „Wir haben vorne eine enorme individuelle Qualität“, sagt Mittelstürmer Igor Matanovic, der sein erstes Bundesligator erzielte. „Wir sind im Flow.“ Mit einem Team, das doch ziemlich grün hinter den Ohren ist. Die erste Elf war am Sonntag im Schnitt 23 Jahre und 257 Tage alt, das ist die jüngste Frankfurter Startformation in einem Bundesligaspiel seit April 1986.
Eintracht muss sich auf hitzige Partie gegen Besiktas einstellen – danach wartet der FC Bayern
Die nächsten beiden Kontrahenten haben es freilich in sich. In der Türkei erwartet die Eintracht in dem wahrscheinlich lautesten Stadion der Welt ein heißer Tanz. Da geht es für die Frankfurter darum, sich der eigenen Haut zu erwehren und sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Denn auch tabellarisch ist die Partie bei Besiktas schon von einiger Bedeutung, nachdem die Eintracht letzte Woche zwei Punkte gegen Viktoria Pilsen achtlos weggeschenkt hat. Und am Sonntag kommt dann das derzeitige Maß aller Dinge nach Frankurt, der Branchenprimus Bayern München.
Toppmöller wird alles dafür tun, dass die Mannschaft sich zunächst nur aufs Spiel in Istanbul konzentrieren wird. „Das ist unsere Aufgabe.“ Er hat aber die Bayern zumindest im Hinterkopf: „Wir haben es uns verdient, dass wir ein absolutes Topspiel vor der Brust haben.“
In Kiel darf sich der Cheftrainer sehr wohl ans Revers heften, den richtigen Matchplan ausgetüftelt zu haben. Ein Matchplan, in dem auch die bitter Pille beim 3:3 gegen Pilsen mit den beiden späten Gegentore eine Rolle spielte. „Das war mental ein kleiner Rückschlag, den wir erst mal aus den Kleidern schütteln mussten“, sagte Toppmöller und wählte daher an der Förde „sehr bewusst eine robuste Startelf“. Mit dem hervorragend auftretenden Tuta im defensiven Mittelfeld. Und mit Arthur Theate als linker Verteidiger. Beide bringen eine körperliche Note ins Spiel, Stabilität. Niels Nkounkou, gegen Pilsen noch auf der Theate-Position, schaffte es gar nicht in den Kader. Die defensive Sorglosigkeit des Franzosen ist dem Trainer ein Dorn im Auge. Daher greift er eisern durch.
Die Breite des Kaders macht sich bemerkbar
Und auch die Idee, im Laufe des Spiels den Klassenneuling mit fußballerischer Dominanz zu erdrücken, ging vollends auf. „Wir haben dann die Spieler auf den Platz geschickt, die sehr, sehr gut Fußball spielen können“, sagte Toppmöller und meinte Mo Dahoud, Mario Götze und Can Uzun. „Der Plan ist ganz gut aufgegangen.“ Das ist korrekt, es gab Phasen, in denen die überforderten Kieler gar nicht mehr an den Ball kamen. Die Breite des Kaders macht sich bemerkbar, ein Qualitätsabfall ist nach Einwechslungen nicht zu erkennen. Im Gegenteil, findet Toppmöller: „Die, die neu in die Mannschaft gekommen sind, haben sich gut eingebracht. Es ist ein Schlüssel, dass du auf der Bank Spieler hast, die die Qualität vielleicht noch mal anheben. Die Jungs von der Bank geben Impact. Das ist wichtig.“
Und trotzdem hat die Eintracht wieder zwei Gegentore kassiert, fünf in den letzten beiden Partien. „Das ist zu viel, das ärgert mich“, sagt der Coach. Aber die Tore fallen nicht nach bestimmten Mustern, sind eher auf Unachtsamkeiten zurückzuführen.
Zwei fielen nach Einwürfen, ein Treffer nach einer Ecke, ein anderer per Strafstoß. Deshalb sagt Toppmöller: „Eigentlich haben wir sehr gut verteidigt, von der Verteidigungsmentalität hätten wir mehr als nur ein Zu-Null-Spiel verdient.“ Stimmt schon. Oder man vertraut halt einfach auf Omar Marmoush.
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