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Der FC Bayern geht mit einem 37-jährigen, der seit eineinhalb Jahren kein Pflichtspiel bestritten hat, und einem 16-jährigen Torwart in die nächsten Partien. Ein Kommentar.
Nachdem Jonas Urbig bei der letzten Aktion des Champions-League-Achtelfinal-Hinspiels bei Atalanta Bergamo eine Gehirnerschütterung erlitten hat, muss der FC Bayern zumindest im Bundesliga-Topspiel bei Bayer Leverkusen und im Rückspiel gegen die Norditaliener mit Sven Ulreich und dem Nachwuchs-Keeper Leonard Prescott antreten. Der 37-jährige Ulreich ist auf der Torwart-Position die Nummer drei des FC Bayern, hat in seinen zehn Spielzeiten beim Rekordmeister ganze 66 BL-Partien bestritten, seit September 2024 stand er bei keinem Pflichtspiel mehr im Tor.
Während der bei vielen Fans äußerst beliebte „Ulle“ im FCB-Tor stets solide, aber selten überragende Leistungen zeigte, ist U17-Nationaltorhüter Prescott ein unbeschriebenes Blatt. Ob er – im Gegensatz zu Ulreich – das für das FCB-Spiel so eminent wichtige technisch hochklassige Aufbauspiel beherrscht, darf bei seinem Alter bezweifelt werden. Urbig hat in dieser Disziplin zuletzt Lehrmeister Manuel Neuer schon übertroffen.
„Günstige Konstellation“ rettet die Ruhe beim FC Bayern
Der in New York geborene und in Berlin aufgewachsene athletisch erstaunlich ausgereifte 16-Jährige ist beim Rekordmeister in der Torwart-Hierarchie eigentlich die Nummer fünf. Stammkeeper Neuer fällt zum wiederholten Mal mit Wadenproblemen aus, Urbig nun wegen der Gehirnerschütterung, und auch die Nummer vier, der 19-jährige Leon Klanac, steht auf unbestimmte Zeit wegen einer Oberschenkelverletzung nicht zur Verfügung.
Wenn der Rekordmeister vor dem Bayer-Spiel nicht in der Bundesliga elf Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund hätte und das Königsklassen-Hinspiel in Bergamo mit 6:1 gewonnen hätte, hätten die Verantwortlichen an der Säbener Straße nun wegen der Torwartsituation gewiss Schweißperlen auf der Stirn. Durch die komfortable sportliche Situation wird der Verletzungsmisere etwas die Brisanz genommen.
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Chefcoach Vincent Kompany wird die missliche Lage ohnehin auf seine unaufgeregte Weise moderieren und wie immer all seinen Spielern höchstes Vertrauen schenken. Vor den saisonentscheidenden Spielen im April würde der stets besonnene Belgier aber in einer derartigen Konstellation vielleicht doch auch etwas unruhiger schlafen.
Die Ausgangsperson für die seit drei Jahren chaotische Torwart-Situation beim Rekordmeister ist der fünfmalige Welttorhüter Manuel Neuer, für viele der beste Keeper der Fußballgeschichte, der Torhüter-GOAT: Hatte seine Verletzungsanfälligkeit bereits vor der Winter-WM 2022 in Katar sukzessive zugenommen, gab es nach seinem kurze Zeit später bei einer Skitour erlittenen komplizierten Unterschenkelbruch keine einzige längere Phase mehr, in welcher er verletzungsfrei geblieben ist.
Völlig veränderte Torwartanforderungen mit zunehmenden Risiken
Anders als zu Sepp Maiers Zeiten in den 1960er und 1970er Jahren gehört die Torwartposition mittlerweile durch viele Regeländerungen, die zunehmende Dynamik, aber auch die Weiterentwicklung des Spielgeräts, des früheren Lederballs zur „unkontrollierbaren Rakete“ mit deutlich weniger Panels (seit dem Teamgeist bei der WM 2006), zu den Risiko-Positionen im Fußball. Kaum ein Keeper kommt verletzungsfrei durch eine Saison.
Torwartlegende Maier hatte einst geprahlt, dass Ersatz-Keeper Walter Junghans beim FCB zum „Althans“ (ohne Einsatzzeiten) werden würde. Wäre er vielleicht auch, wenn die Karriere des Weltmeisters von 1974 nicht als 35-Jähriger durch einen fatalen Autounfall beendet worden wäre. Möglicherweise hätte aber auch der „Sepp“ früher oder später seinem Alter und den damit verbundenen Wehwehchen Tribut zahlen müssen. Wie jetzt Manuel Neuer, der in zwei Wochen 40 Jahre alt wird.
Durch die beschriebenen Risiken des modernen Torwartspiels müssen Topvereine eigentlich mindestens drei erstklassige Keeper unter Vertrag stehen haben. Aufgrund der speziellen Neuer-Situation (mittlerweile sogar langfristige Verletzungen beim Torjubel) müsste der FC Bayern dementsprechend vier beschäftigen. Eine teure Angelegenheit, vor allem wenn die häufig ausfallende Nummer 1 zu den absoluten Topverdienern gehört.
Neuers Karriereende – die logische Konsequenz
Die Torwartposition gehört sicherlich zu den wichtigsten in einer Fußballmannschaft. Aber auch für sie ist das Vereinsbudget begrenzt. Im Fall des FC Bayern kann das nur bedeuten: Man stellt sich in der kommenden Saison mit der Nummer 1 Urbig vollkommen neu auf – mit einem erfahrenen und einem Nachwuchskeeper hinter ihm. Beide sollten nicht als verletzungsanfällig gelten. Alternative: man arrangiert sich – zusätzlich – mit Neuer, der dann mit einem deutlich reduzierten Gehalt auch nicht mehr als Stammtorhüter in die Spielzeit gehen würde.
Die elegantere langfristige Lösung wäre sicherlich der Abschied des wohl besten FCB-Torwarts aller Zeiten (vor Sepp Maier und Oliver Kahn). Nachdem dieser aus mehreren Gründen einen Wechsel zum Ausklingen seiner Karriere offensichtlich ausschließt, wäre das gleichbedeutend mit seinem Karriereende. Mit 40 Lenzen auch nicht zu früh. Und vielleicht taucht er dann bald zusammen mit seinem Kumpel Thomas Müller wieder in der Vereinsführung des FC Bayern auf.
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