VonFrank Hellmannschließen
Erst nach einem öffentlichen Auftritt beim Bayerischen Zahnärztetag kommt heraus: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat Erholungsurlaub. Der DFB bestätigt mit Verspätung.
Frankfurt – Eines hat Martina Voss-Tecklenburg auch nach einer krankheitsbedingten Auszeit offenbar nicht verlernt: eine große Zuhörerschaft zu überzeugen. Ihre Rede beim Bayerischen Zahnärztetag (BLZK) erfreute den Veranstalter dermaßen, dass es danach hieß: „Beim Festvortrag begeisterte die 125-fache Fußball-Nationalspielerin und Trainerin die Zahnärztinnen und Zahnärzte.“ Ihr Thema am Donnerstag bei dem dreitägigen Convent in München: „Formen, um zu performen – Mein Change Management im Frauenfußball.“
Was keiner wusste, machte am Sonntag zuerst die Bundestrainerin öffentlich: „Ich befinde mich seit 14 Tagen in meinem vom DFB genehmigten Erholungsurlaub.“ Wenig später zog auch ihr Arbeitgeber mit einer Erklärung nach, dass die Trainerin nicht mehr krankgeschrieben sei: „Über mögliche Veranstaltungsbesuche wurde der Verband seitens Martina Voss-Tecklenburg informiert. Der DFB hat den Auftritt von Voss-Tecklenburg beim Bayerischen Zahnärztetag zur Kenntnis genommen. Ein gemeinsames Gespräch soll unmittelbar nach Urlaubsende stattfinden.“ Klar herauszulesen, dass das Tischtuch völlig zerschnitten ist. Die Kommunikation mit „MVT“ soll ohnehin nur noch über ihren Anwalt Christoph Schickhardt ablaufen.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf wird überrumpelt
Der vollkommen überrumpelte Verband steht nach dieser Volte vom Wochenende ziemlich dumm dar: Noch am Freitag hatte DFB-Präsident Bernd Neuendorf bei der Vorstellung des Interimstrainers Horst Hrubesch, der bis auf Weiteres ihren Job übernimmt, fast fürsorglich gesagt, es werde auf die erkrankte Bundestrainerin in „keinster Weise Druck ausgeübt: Wir müssen und wollen, dass sie sich gut erholt.“ In der Causa sei „alles on hold“, mit keiner Silbe deutete der Verbandschef die Genesung von Voss-Tecklenburg an – weil er davon nicht wusste.
Die 55-Jährige scheint aber wieder voller Tatendrang, denn auch beim Forum des Bundesverbands Deutscher Fertigbau hielt sie am Wochenende einen Vortrag, den ihr Ehemann, der Bauunternehmer Hermann Tecklenburg, eingefädelt haben dürfte. Der 75-Jährige bestätigte: „Meine Frau ist nicht mehr krankgeschrieben, sonst wäre sie nicht aufgetreten.“ Dem Vernehmen nach will sie auch als ZDF-Expertin weiterarbeiten.
Hubert Aiwanger ist Redner beim Kongress in München
Wochenlang galt ihr Gesundheitszustand als Mysterium. Nun wirkte sie auf Fotos mit der Bayerischen Staatsministerin Ulrike Scharf oder BLZK–Vizepräsidentin Barbara Mattner wieder recht frisch. Auch Hubert Aiwanger (Freie Wähler) hatte auf dem Kongress gesprochen und die Gesundheitspolitik der Ampel-Regierung scharf kritisiert. Der Auftritt von Voss-Tecklenburg soll weit vor der WM in Australien und Neuseeland vereinbart worden sein. Dort trug die Trainerin am historischen Vorrundenaus erhebliche Mitschuld, weil sie bei Personal und Taktik völlig den Faden verlor.
Als ihr im Zuge der vom Sportlichen Leiter Joti Chatzialexiou durchgeführten WM-Analyse zugetragen wurde, dass selbst Führungskräfte ihr mangelhafte Kommunikation vorwarfen, soll die Krankmeldung erfolgt sein, die der DFB am 8. September öffentlich machte. Das Vertrauensverhältnis zu den Spielerinnen gilt inzwischen als zerrüttet. Aus der Mannschaft heraus entstand der Wunsch, den Harmoniemensch Hrubesch zurückzuholen, der sich nicht zweimal bitten ließ.
DFB-Interimscoach: Horst Hrubesch braucht die Unruhe nicht
Bei seiner Präsentation hatte der 72-Jährige einige Versäumnisse unter Voss-Tecklenburg wie fehlendes Tempo und den zu langsamen Spielaufbau angesprochen. Am Montag trifft sich sein Team in Frankfurt für die Vorbereitung auf das Nations-League-Spiel gegen Wales in Sinsheim (Freitag, 17.45 Uhr/ARD), auf das vier Tage später noch die Auswärtspartie auf Island (20 Uhr) folgt. Derlei Unruhe braucht Hrubesch eigentlich nicht.
Die in Straelen am Niederrhein lebende Voss-Tecklenburg hat sich am Samstagabend auch das Zweitliga-Spitzenspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und 1. FC Kaiserslautern (4:3) angeschaut – sie gehört seit vielen Jahren dem Fortuna-Aufsichtsrat an. Doch wenn Reden, Vorträge und Stadionbesuche allesamt wieder möglich sind, warum hat es keine Aussprache mit den DFB-Verantwortlichen gegeben? Wer täuscht hier wen und warum?
Mittlerweile kommen alle Beteiligten aus der vertrackten Causa nicht mehr ohne Gesichtsverlust heraus. Die Hängepartie nervt dem Vernehmen nach längst die Verantwortlichen im Verband, weil die Thematik auf die DFB-Frauen abstrahlt. Eine schnelle Auflösung des vor der WM zu deutlich besseren Bezügen bis 2025 verlängerten Vertrags wäre wohl das Beste. (Frank Hellmann)
