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Eintracht-Präsident Peter Fischer: „Wer Charakter hat, hat Feinde“

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Zu Tränen gerührt: Peter Fischer vor dem Spiel seiner Eintracht gegen Mainz.
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  • Jörg Hanau
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Peter Fischer lässt ein Vierteljahrhundert Präsidentschaft bei Eintracht Frankfurt Revue passieren: „Ich bin nur authentisch gut“.

Herr Fischer, nach fast einem Vierteljahrhundert geht Ihre Präsidentschaft zu Ende. Was wird Ihnen fehlen?

Dass Ihr mir gegenüber sitzt (lacht). Im Ernst: Mir werden hier auf der Geschäftsstelle die Kolleginnen und Kollegen fehlen. Ich kenne hier jeden, jede Schublade, ich weiß, wo ich Schokolade finde, ich weiß, wo die Kapseln für den Kaffeeautomaten sind, es ist das Gequatsche und das Flapsige, und ich weiß, wer Ahnung hat und wer nicht. Hier hat sich eine Truppe entwickelt, die ein sehr, sehr gutes Miteinander pflegt. Daran gewöhnst du dich einfach, das wärmt einem das Herz. Das ist meine Heimat. Ja, das wird mir fehlen.

Was kommt stattdessen?

Ich werde wohl der einzige Ehrenpräsident dieses Vereins werden. Ich werde Botschafter bei der AG werden mit allen Aufgaben und Pflichten. Und es wird eine Stiftung geben, in der ich mein gesellschaftspolitisches Engagement weiterführen werde. Das sind alles Herzensangelegenheiten von mir. Dazu kommt: Mich hat dieser Tage eine Schweizer Redneragentur angesprochen, die Referenten vermittelt. Das könnte ich mir vorstellen, damit mein Gehirn noch ein bisschen Dampf bekommt. Reden ist mein Standbein.

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Ist denn schon Wehmut über den Abschied von der großen Bühne aufgekommen?

Ja, das war mir gar nicht so bewusst. Im Sommer war ich noch obenauf, ich fühlte einen gewissen Stolz, den Verein sauber und in guten Händen zu wissen. Wir sind sportlich, personell und wirtschaftlich so gut aufgestellt wie nie, nie, nie zuvor. Und wir haben ab dem 5. Februar einen neuen, sehr guten Präsidenten (Mathias Beck; Anm. d. Red. ), der sich klar positioniert hat: Auf keinen Fall einen Peter Fischer 2.0 abzugeben. Er ist ein Mann, der sehr vieles gut macht und gut kann, auch auf Feldern, auf denen ich nicht gut war. Von daher bin ich sehr beruhigt. Aber natürlich habe ich nach so vielen Jahren auch Tränen in den Augen.

Erinnern Sie sich doch mal an Ihre Anfangszeit im alten Riederwald, eine Kaffeemaschine, ein Computer, kein Geld.

Stimmt, wir hatten nicht mal genug Kohle, um unsere Mitglieder per Frankiermaschine zur fälligen Hauptversammlung einzuladen. Wir hatten praktisch keine Mitarbeiter, dafür Ratten im Keller. Und die waren riesengroß. Und im Winter lief die Heizung nicht richtig. Meine Erinnerung daran hat eher mit Folklore zu tun. Das war eine ganz, ganz kleine Welt. Aber: Wir haben früh richtige Entscheidungen getroffen.

Eintracht-Präsident Fischer: „Es gab nichts in diesem Verein“

Welche waren das zum Beispiel?

Sie müssen wissen: Es gab nichts in diesem Verein, es war im Grunde gar kein richtiger Verein, es gab keine Struktur, keine vernünftige Ablage, keine Organisation, keine Idee, es gab keine Chefs. Es hat nur halbwegs funktioniert, weil zwei, drei, vier Personen in Eigeninitiative etwas angestoßen haben. Bei uns im Verein gab es die klassischen Ehrenämtler, die Kümmerer, die uns einen Großteil ihrer Lebenszeit schenkten.

Was waren Ihre ersten Amtshandlungen?

Ich habe ein paar glückliche Personalentscheidungen getroffen, etwa Axel Hellmann ins Boot zu holen. Hellmann ist einer, der nach Plan und Struktur denken kann, klar und sauber, ein sehr kluger Kopf. Er hatte die Vision: Wenn man nicht viel falsch macht, kann man hier was bewegen. Er hatte einen ganz starken Glauben an die Marke Eintracht. Wir haben uns bestens ergänzt, Ideen entwickelt. So haben wir den Verein auf vernünftige Füße gestellt. Wir konnten denken, manchmal zu groß und manchmal zu viel. Aber wir hatten Ideen, Power, Ehrgeiz und eine große Liebe zu diesem Verein.

Wie hat sich dieser Klub im Laufe der Zeit weiterentwickelt, etwa seit 2016, seit der Relegation gegen den 1. FC Nürnberg?

Es gab einige Dinge, die wir richtig gut gemacht haben, vor allem beim Personal. Etwa Fredi Bobic zu holen, den keiner haben wollte. Der aber selbst für die zweite Liga zugesagt und mit 2,2 Millionen Euro Budget und einem phänomenalen Telefonbuch Unglaubliches geleistet hat. Das hat mir sehr imponiert. Oder auch jetzt Markus Krösche – ein absoluter Topmann. Klasse Arbeit von Philip Holzer (Aufsichtsratschef; Anm. d. Red. ), der Markus überzeugt hat. Auch unsere Trainerentscheidungen waren sehr, sehr gut. Aber vergesst mir, schon vorher, nicht Friedhelm Funkel, mein eigentlicher Held, der ohne Kohle auskommen musste und immer das Beste rausgeholt hat. Großer Respekt. Auch Heribert Bruchhagen war ein eminent wichtiger Faktor für die Konsolidierung des Vereins, mal davon abgesehen, dass er immer meine Zigaretten geraucht hat (lacht). Von Herri habe ich gelernt: „Ihr könnt in der Woche erzählen, was ihr wollt, entscheidend sind die zweimal 45 Minuten am Samstag.“ Oder Axel Hellmann, der ein absolutes Phänomen ist und dem in der Bundesliga niemand das Wasser reichen kann. Das sage nicht nur ich, das sagen alle, auch Kollegen wie Aki Watzke (Dortmund-Boss; Anm. d. Red.) oder Kalle Rummenigge (langjähriger Bayer-Chef und jetzt im Aufsichtsrat des FCB; Anm. d. Red. ). Und alle wollten, dass er bei der DFL bleibt. Aber Axel ist ein Eintrachtler durch und durch. Deshalb ist er geblieben.

Wenn Sie zurückblicken: Was waren die schönsten Momente?

Die Fahrt im offenen Wagen fünf Stunden bei strömendem Regen durch Frankfurt vor gefühlt Millionen Fans nach dem Europapokalsieg in Sevilla. Ältere Damen in schicken Kostümen, die frisch frisiert waren, Neugeborene, hübsche Mädchen leicht bekleidet, die ins Auto steigen wollten, jeder wollte eine Trophäe haben, ich hatte kaum noch was am Leib. Das ist so ein Moment: Da kannst du Milliardär sein, den kannst du dir nicht kaufen. Auch der Pokalgewinn 2018, ohne Worte.

Sie haben die Europa-League-Kampagne ja auch mit Ihren Sprüche geprägt.

Sie meinen: Ich will aus dem Pokal saufen...

...zum Beispiel.

Viele haben mir geraten, das nicht so zu tun, das nicht zu sagen, und nicht immer wieder. Aber da waren sie bei mir an der falschen Adresse. Man muss die Leute auch mal pushen. Und da gibt es noch eine Geschichte, die mir im Gedächtnis geblieben ist. Die hat nichts mit dem Profisport zu tun.

Zur Person

Peter Fischer , der lange Lulatsch aus Lich, ist ganz bestimmt kein Typ, der sich den Mund verbieten oder sich verbiegen lässt. Nein, der am kommenden Montag abdankende Vereinspräsident von Eintracht Frankfurt ist das genaue Gegenteil. Laut, schrill, provokant, meinungsstark, polarisierend und aneckend, ruhig auch mal ein bisschen großmäulig. „Dann schlagen halt wir den Scheiß-BVB“, brüllte er einst, 2011, kurz vor dem Abstieg, ins Megaphon. „Für Aki Watzke war ich danach der Hooligan-Präsident“, erzählt er lachend. Längst sind beide Freunde. Der 67-Jährige , früher in der Werbebranche und mal Barbesitzer auf Ibiza, hat das Herz am rechten Fleck, nimmt sich für jedes Foto Zeit, jedes Anliegen der Turner, Tischtennisspieler oder Leichtathleten ist ihm genauso wichtig wie ein Götze oder Trapp. Die Fans in Frankfurt haben „ihren Präsi“ ins Herz geschlossen („Peter, gibt einen aus“), das wurde auch während des letzten Heimspiels gegen Mainz klar, als sie ihn nach allen Regeln der Kunst abfeierten.

Bundesweit bekannt wurde er durch seinen Kampf gegen die AfD, Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Und in Verruf brachte ihn die Drogenermittlungen der Staatsanwaltschaft, überstanden hat er die Geschichte dennoch; das Verfahren wurde eingestellt. Nun ist Schluss, nach fast einem halben Jahrhundert im Zeichen des Adlers, 15 Trainern, bitteren Abstiegen und großen Triumphen. Eine Ära geht zu Ende.

Zum Abschied gab er der FR ein letztes Interview, zwei Stunden nahm er sich Zeit – und zog mit seinen Anekdoten auch FR-Praktikant Luis Klappich in seinen Bann. FR

Erzählen Sie...

Ich war am Riederwald, da kam mir ein Jugendspieler entgegen, ein Steppke, rotes Haar, Sommersprossen, das Trikot drei Nummern zu groß, sein Spiel war gerade beendet. Wie lief es, habe ich gefragt. Er hat gesagt, er sei sauer, man habe zwar gewonnen, er habe drei Tore geschossen, aber hätte fünf machen können. Das sagte er mit einer Begeisterung, einer Freude, eine Leidenschaft, die mir das Herz aufgehen ließ.

Dieses Motivieren, von dem Sie gerade sprachen, steckt das Ihnen im Blut oder haben Sie das lernen müssen?

Ich komme ja aus der PR-Branche, ich bin eine Werbeschlampe, sage ich immer dazu. Ich kann eigentlich nicht besonders viel, eigentlich nichts, nicht mal einen Nagel in die Wand hämmern. Was ich aber kann, ist: reden. Alte Freunde sagen heute noch: Dich kann man auf den Römer stellen und dann kannst du über irgendein Thema, die Aufzucht von deutscher Rauhaardackel zum Beispiel, zehn Minuten reden und jeder denkt, du wüsstest bis ins kleinste Detail Bescheid.

Kommen wir zu einem Punkt, mit dem Sie viel Profil gewonnen haben, Ihre öffentliche Feststellung, wer AfD wähle, könne nicht Mitglied bei Eintracht Frankfurt sein .

Ich bin so sozialisiert worden von Gewerkschaftsjugend über SDAJ und den 68er Unruhen, ich habe mit TaT-Regisseur Rainer Werner Fassbinder Kaffee getrunken, ich war früh politisiert. Es war bei einem Interview in der „FAZ“, erst ganz zum Schluss kamen wir auf dieses Thema, und da habe ich ordentlich abgeledert über die braune Nazibrut. Und das hat dann für ziemliches Aufsehen gesorgt, nicht nur in Deutschland. Aber dieses Thema berührt mich stark. Da will ich Spuren hinterlassen. Dieser Kampf gegen rechts ist und bleibt meine Lebensaufgabe, selbst wenn ich über 1000 Anzeigen gegen mich aushalten musste und Anfeindungen, sogar Personenschutz ist mir geraten worden.

Diese klare Kante hat auch dem gesamten Klub ein Profil gegeben. Kein anderer Verein hat sich so klar gegen rechts positioniert.

Es gab viele hunderte Menschen, die Mitglieder bei anderen Bundesligavereinen sind und die deswegen bei uns eintraten, weil sie das gut und richtig fanden. Auch Unternehmen und Wirtschaftsführer sind plötzlich eingetreten und wollten uns unterstützen. Was wir hier an Werten, Haltung und gesellschaftspolitisches Engagement gezeigt haben, hat in Europa Maßstäbe gesetzt. Dazu habe ich, das darf ich so sagen, meinen Teil beigetragen.

Haben Sie das Gefühl, dass sich momentan angesichts der vielen Demonstrationen der Anständigen politisch etwas dreht?

Es wird kurzfristig an Wahlergebnissen nichts ändern. Aber: Die Stillen haben sich Gehör verschafft, jetzt werden sie laut. Allerdings: Zuversichtlich bin ich noch nicht. Es ist eher so, dass man sagt: „Hallo, wir sind auch noch da.“ Aber die Nazis werden nicht locker lassen, sie werden sich auf die nächste Bauerndemo hängen, auf die nächsten Windparkdemo. Das wird nicht aufhören. Aber man muss dagegenhalten, und das ist ganz klar ein Anfang, den ich sehr begrüße und unterstütze. Mit allem, was ich habe.

Was war denn der Tiefpunkt Ihres Schaffens?

Ganz klar: Die jüngsten, haltlosen Drogenanschuldigungen gegen mich und meine Familie, und dass damit minderjährige Kinder mit hineingezogen wurden. Da bin ich gelinkt worden, das war eine reine Luftnummer. Das hat sich ja dann schnell herausgestellt. Es hatte dennoch schlimme Folgen für mich und meine Familie. Da sind Dinge passiert und abgelaufen, die möchte ich hier öffentlich gar nicht sagen. Für mich war es der letzte Anstoß, weswegen ich vorzeitig von meinem Amt zurücktreten werde. Da sind Grenzen überschritten worden. Und das soll es bitte an dieser Stelle gewesen sein.

Somit sind Sie froh, etwas aus der Öffentlichkeit treten zu können.

Na ja. Das hat damit nichts zu tun. Irgendwann habe ich verstanden, dass es die Privatperson Peter Fischer nicht gibt, dass ich eine öffentliche Person bin. Ich habe das unter Schmerzen akzeptiert und versuche, selbst bei der 1000. Frage nach einem Selfie noch der freundliche Peter zu sein, weil es meine Aufgabe ist, diesen Verein zu repräsentieren. Bei öffentlichen Veranstaltungen treffe ich manchmal nicht den richtigen Ton, manchmal verrutscht mir etwas, das weiß ich. Ist mir inzwischen aber piepegal. Ich bin immer authentisch. Ich bin auch nur authentisch gut. Mein Lebensmotto ist: Wer Charakter hat, hat Feinde, wer keinen Charakter hat, hat keine Feinde. Damit kann ich leben.

Gibt es etwas, was Sie bereuen?

Viele kleinere Dinge, in so vielen Jahren ist das wohl normal. Aber es gibt eine große Entscheidung, die habe ich zu spät getroffen: Profi-Frauenfußball. Da war ich schlecht beraten, das habe ich dann verpennt. Die hätten wir viel früher unters Dach der Eintracht holen müssen, vor fünf Jahren schon. Das ärgert mich jetzt schon sehr.

Was wäre eigentlich aus Peter Fischer geworden, wenn er vor 25 Jahren kein Präsident bei Eintracht Frankfurt geworden wäre?

Kein Politiker, obwohl mir viele da Chancen eingeräumt hätten. Am Ende wäre ich wohl in der Werbung geblieben. Ich kann ja sonst nichts Großartiges. Mein kleiner Sohn lobt mich schon, wenn ich das Licht vernünftig ausgemacht habe: „Papa, das hast du gut gemacht.“ Manchmal kriege ich Applaus für Dinge, für die man sich schämen müsste.

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