Rangnick im Nacken? Umstrittener BVB-Boss verteidigt Transferbilanz
VonLars Pollmann
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Sportdirektor Sebastian Kehl ist beim BVB umstritten. Seine Transferbilanz verteidigt er mit Blick auf die gestiegene Konkurrenz.
Dortmund – Borussia Dortmund hat sich anderthalb Jahrzehnte als zweiter Leuchtturm des deutschen Fußballs definiert. Vor allem Klubchef Hans-Joachim Watzke prägte dieses Bild. Dem BVB-Boss kann es nicht leicht gefallen sein, sich zuletzt von dieser Idee verabschieden zu müssen.
Die Fakten sind jedoch eindeutig: Nicht Dortmund, sondern Bayer Leverkusen beendete das Meister-Abonnement des FC Bayern, auch RB Leipzig, Eintracht Frankfurt und der VfB Stuttgart sind dem BVB in mancher Hinsicht wenigstens ebenbürtig geworden.
Bisher hat Dortmund nicht die passende Antwort darauf gefunden. Ein Problem für den BVB: Was einst der Markenkern auf dem Transfermarkt war, ist inzwischen auch anderswo gelebte Praxis.
„Wettbewerbsumfeld für Borussia Dortmund deutlich herausfordernder“
„Auch Bayern München oder internationale Top-Vereine wie PSG oder Chelsea zum Beispiel verfolgen inzwischen die Idee, junge Spieler früh zu verpflichten und zu entwickeln“, erläutert Sebastian Kehl im Interview mit den Ruhr Nachrichten. „Das macht das Wettbewerbsumfeld für Borussia Dortmund mit den hohen Erwartungen, mit dem vorhandenen Budget und mit den Zielen deutlich herausfordernder und risikobehafteter.“
Viele Talente machen heute keine Zwischenschritte mehr, sondern wechseln sofort zu Topklubs, lassen sich allenfalls nochmal ausleihen, um auf Spielanteile zu kommen. Und um die Talente, die doch einen Zwischenschritt einlegen wollen, buhlen immer mehr Klubs.
Kehl: Dortmund muss bei Transfers größere Risiken eingehen
Wenn DAZN-Experte Sebastian Kneißl im Interview mit Absolut Fußball, dem Fußballportal von Home of Sports, die Eintracht als „das beste Sprungbrett in Europa“ bezeichnet, muss das in Dortmund zu denken geben. Schließlich war diese Rolle lange dem BVB vorbehalten.
Dortmund ist von der Talente-Strategie eher abgerückt, hat zuletzt oftmals in höhere Regale gegriffen und Spieler geholt, die in ihrer Entwicklung vermeintlich schon einen Schritt weiter sind. Dass die Transferbilanzen des BVB in dieser Zeit eher durchwachsen sind, spricht für sich.
„Wir als Borussia Dortmund müssen in Potenziale investieren und Fantasie haben, um mit Klubs mithalten zu können, die mehr Ablöse und Gehalt bezahlen können“, erklärt Kehl. Vor allem die finanzielle Macht englischer Vereine sei auf dem Transfermarkt ein Problem für Klubs wie den BVB.
„Die Konsequenz ist am Ende: Wir müssen entweder noch früher dran sein oder wir gehen ein noch höheres Risiko ein“, so der Sportdirektor.
BVB-Sportdirektor Kehl verteidigt seine Transferbilanz
Vor der laufenden Saison hielten sich die Risiken vermeintlich in Grenzen, die Transferpolitik des BVB wurde allenthalben gelobt. „Sie haben für mich von allen Teams am besten umgebaut“, lobte etwa TV-Experte Dietmar Hamann die Verpflichtungen von Dortmund unmittelbar vor Saisonbeginn.
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Letztlich erfüllt bislang aber mit Serhou Guirassy nur ein Sommer-Einkauf die Erwartungen, während Waldemar Anton, Maximilian Beier, Yan Couto und auch Pascal Groß eklatanten Schwankungen unterliegen. „Es gibt bei keinem für uns machbaren Transfer eine 100-prozentige Garantie, dass ein neuer Spieler sofort voll einschlägt. Manchmal braucht es etwas Zeit, denn dieses Trikot kann richtig schwer sein“, verteidigt Kehl seine schwache Bilanz.
Der Ex-Kapitän des BVB ist darüber mächtig in die Kritik geraten, trotz einer Vertragsverlängerung im Januar wird im Umfeld des Klubs lautstark über die Zukunft von Kehl diskutiert. Mit dem österreichischen Nationaltrainer Ralf Rangnick soll eine prominente Alternative in den Dortmunder Fokus gerückt sein.
„Am Ende sind wir womöglich nicht so gut, wie wir alle und viele Experten gedacht haben, aber auch nicht so schlecht, wie es die Tabelle aktuell darstellt“, sagt Kehl. Tabellenplatz elf in der Bundesliga ist nicht wegzudiskutieren. Der Sportdirektor packte die BVB-Stars deshalb nun mit einer Zukunftswarnung bei der Ehre.