VonLars Pollmannschließen
Borussia Dortmund erwägt Ralf Rangnick als möglichen Sportdirektor. Eine solche Zusammenarbeit hätte eine pikante Vorgeschichte.
Dortmund – Noch acht Spieltage, dann ist die Horror-Saison in der Bundesliga für Borussia Dortmund Geschichte. An ein großes Happyend und die Aufholjagd zu den Champions-League-Rängen glaubt niemand mehr, selbst Europa League und Conference League sind für den BVB derzeit nicht eben in sofortiger Reichweite.
Längst ist völlig klar, dass es einen neuerlichen großen Umbruch in Dortmund geben wird. Die Frage lautet, ob er sich auf den Kader beschränkt, oder es auch dem einen oder anderen Entscheidungsträger an den Kragen geht.
Trotz seiner Vertragsverlängerung im Januar muss sich am ehesten wohl Sebastian Kehl umschauen. Der Sportdirektor gilt als Architekt der nicht funktionierenden BVB-Mannschaft, war inzwischen auch schon an mehreren Fehlschüssen auf der Trainerbank beteiligt. Ein Aus von Kehl nach der Saison wäre keine große Überraschung mehr. Dortmund soll sogar schon eine prominente Alternative prüfen: Ralf Rangnick.
BVB-Bosse reisten mit Privatjet zu Rangnick
Ende Januar hatten sich Sportchef Lars Ricken und Klubboss Hans-Joachim Watzke bei der Rückkehr von einem Trip nach Österreich erwischen lassen. Die offizielle Version lautet, dass sich Dortmund beim österreichischen Nationaltrainer Rangnick eine Einschätzung über zwei potenzielle Transferziele abgeholt und mit ihm über die Lage von Marcel Sabitzer gesprochen hat.
Dass diese Idee einer genaueren Untersuchung kaum standhält, liegt auf der Hand. Watzke hat mit derartigen Details in der Vorbereitung von Transfers nichts zu tun, schon gar nicht, nachdem er die Verantwortung im sportlichen Tagesgeschäft an Ricken abgetreten hat. Grundsätzlich darf bezweifelt werden, dass zwei BVB-Granden mit dem Privatjet nach Salzburg düsen, um sich einen Ratschlag zu potenziellen Transfers abzuholen. Das ließe sich umweltfreundlicher und zeitgemäßer lösen.
Im Vorjahr scheiterte der FC Bayern mit einem Rangnick-Vorstoß
Man muss schon sehr naiv sein, um zu glauben, dass es beim Gespräch im Januar nicht um ein mögliches Engagement von Rangnick beim BVB ging. Sei es als Trainer, der auf Nuri Şahin hätte folgen können, oder eben perspektivisch als Sportdirektor, der den Klub als Kaderarchitekt wieder flott macht.
Rangnicks Vertrag beim ÖFB läuft noch bis Ende des Jahres, würde sich bei erfolgreicher Qualifikation bis zur WM 2026 in Nordamerika verlängern. Weil es in der Alpenrepublik jedoch eine klare Tendenz gegen ein neues Arbeitspapier für den Teamchef geben soll, scheint Rangnick – der im Vorjahr überraschend den Avancen des FC Bayern standhielt – ernsthaft über eine Rückkehr in den Bundesliga-Fußball nachzudenken.
Österreichische Medien berichten schon länger von einem Machtkampf, den Rangnick mit dem ÖFB-Präsidium ausfechte, bei dem es um Kompetenzen, Personalentscheidungen und seitens des Nationaltrainers geforderte Investitionen in die Professionalisierung des Verbands gehen soll. Das Ende vom Lied könnte offenbar ein Abschied von Rangnick sein.
Dortmund-Fans zeigten geschmackloses Plakat gegen Rangnick
Dass Rangnick ein Alphatier ist, das seine Vorstellungen umzusetzen weiß, ist kein Geheimnis. Auch der BVB müsste sich dessen bewusst sein, wenn er Rangnick als Sportdirektor engagieren will: Reibungen wären garantiert, gerade das Verhältnis zum vergleichsweise unerfahrenen Sportchef Ricken würde immerzu unter dem Brennglas stehen.
Nicht zuletzt würde das für Rangnick aber auch aus einem anderen Gesichtspunkt gelten: Unter den BVB-Fans bestehen erhebliche Ressentiments gegenüber dem früheren Trainer des FC Schalke 04 und Machers von RB Leipzig.
„Burnout-Ralle, häng Dich auf!“, prangte es 2017 auf einem besonders geschmacklosen Plakat, das von BVB-Fans bei einem Heimspiel gegen Leipzig auf die Tribüne geschmuggelt worden war. Rangnick war im Jahr 2011 als Trainer auf Schalke wegen psychischer Probleme zurückgetreten.
Rangnick hat den ‚Klassenfeind‘ der BVB-Fans groß gemacht
Über die schon länger zurückliegende Vergangenheit auf Schalke würden BVB-Fans bei Rangnick wohl hinwegsehen können, dass er RB Leipzig, den verhassten ‚Klassenfeind‘, groß gemacht hat, steht auf einem ganz anderen Papier.
Diese Trainer wurden mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht – aber hatten keine Lust




Rangnick selbst wird genau überlegen, ob er sich einen möglichen Spießrutenlauf in Dortmund antun will. Und auch der BVB muss genau überlegen, ob die Expertise von Rangnick den Rattenschwanz rechtfertigen würde, den seine Verpflichtung mutmaßlich nach sich zöge.
Ein Faktor ist dabei auch: Rangnick wird im Sommer 67 Jahre alt. Ihn als neuen starken Mann zu installieren, würde nicht für langfristige Stabilität sprechen. Es wäre eine inhaltlich zwar überzeugende, dennoch aber eher kurzfristige Lösung. Dass es bei Dortmund an den großen Leitlinien fehlt, hatte Rangnick kürzlich aber selbst noch kritisiert.
Rangnick kritisierte den BVB im Februar deutlich
„Man hat nicht stringent nach einer bestimmten Vorstellung, wie man Fußball spielen will, den Kader zusammengestellt“, sagte Rangnick im Februar gegenüber der Bild-Zeitung und stellte fest, dass Spieler beim BVB „gefühlt immer schlechter“ würden: „Da kann man den Spielern keinen Vorwurf machen, es liegt daran, dass schon seit Jahren der Fixpunkt fehlt. Dass seit Jahren nicht mehr anhand der Spielidee eines Trainers die Frage verfolgt wird: Wie wollen wir spielen?“
Rangnick selbst steht durchaus für eine klare fußballerische Idee, die sich im Prinzip mit dem deckt, wofür Dortmund gerne stehen würde: aktiven, aggressiven, dominanten und letztlich erfolgreichen Fußball. Ob Rangnick jedoch derjenige ist, der diese Prinzipien beim BVB wieder mit Leben füllt, bleibt abzuwarten.
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