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Lars Ricken strebt beim BVB eine Transfer-Wende an. Die Analyse belegt: Dortmund erreichte Höchstleistungen als Talentschmiede.
Dortmund – Nach Jahren der Abkehr von der eigenen DNA auf dem Transfermarkt will Borussia Dortmund unter Sport-Geschäftsführer Lars Ricken zu den Wurzeln zurückkehren.
„Wir wollen den Fokus wieder auf jüngere Spieler legen“, erklärte Ricken in der Talksendung ‚Brinkhoff's Ballgeflüster‘.
Eine umfassende Datenanalyse der BVB-Transfers der letzten zehn Jahre verdeutlicht, warum ein solcher Kurswechsel Sinn ergeben würde. Die Zahlen jedenfalls sprechen eine klare Sprache: Während das Durchschnittsalter der Neuzugänge in der Saison 2021/22 noch bei jugendlichen 21,25 Jahren lag, stieg es in den Folgejahren drastisch an – auf 24,70 Jahre (2022/23) und schließlich auf den Höchstwert von 25,50 Jahren in der Saison 2023/24.
BVB ist nicht mehr das größte Sprungbrett Europas
Erst in der aktuellen Spielzeit 2024/25 ist mit 24,38 Jahren wieder ein leichter Rückgang zu verzeichnen.
Diese Entwicklung markiert eine deutliche Abkehr von der Philosophie, die den BVB in den 2010er Jahren erfolgreich machte. Damals setzte der Verein konsequent auf Talente wie Ousmane Dembélé (19), Jadon Sancho (17) oder später Erling Haaland (19) und Jude Bellingham (17).
Dortmund wurde so zum idealen Sprungbrett für die ganz großen Talente Europas. Das Durchschnittsalter der Neuzugänge lag in den Saisons 2016/17 und 2017/18 bei nur 21,67 bzw. 21,80 Jahren. Inzwischen ist der Markt in diesem Segment deutlich umkämpfter, sei es durch Konkurrenz in Europa oder aus der Bundesliga, etwa durch Eintracht Frankfurt. Auch deshalb hat sich der BVB phasenweise umorientiert.
Die Transferoffensiven der jüngeren Vergangenheit mit erfahrenen Spielern wie Marcel Sabitzer (29), Niclas Füllkrug (30), Ramy Bensebaini (28) und Pascal Groß (33) sollten dem BVB kurzfristigen Erfolg bringen, trugen jedoch eher zu einer sportlichen Schieflage bei.
Mit Svensson zeigte der BVB, dass er es noch kann
Die Mannschaft wirkte in der aktuellen Saison oft schwerfällig und ideenlos, hatte auch viel mit körperlichen Problemen zu kämpfen – bis Trainer Niko Kovač nach der Entlassung von Nuri Şahin das Ruder übernahm und mit Fokus auf Intensität und Disziplin die Wende schaffte.
Nun soll die Rückbesinnung auf Talente den BVB wieder zu alter Stärke führen. Erste Anzeichen für den Strategiewechsel gab es bereits im Winter mit der Verpflichtung des 22-jährigen Daniel Svensson vom FC Nordsjaelland, der sich auf Anhieb in der Champions League behaupten konnte. Auch die Leihe von Carney Chukwuemeka vom FC Chelsea passt in das einstige Erfolgsmuster, hat aber wegen vieler Verletzungsprobleme nicht unumwunden zum gewünschten Erfolg geführt.
Für den Sommer stehen laut Medienberichten der 19-jährige Jobe Bellingham (Sunderland) und der 21-jährige Rayan Cherki (Lyon) auf der Wunschliste ganz oben. Bei solchen Spielern geht es nicht alleine um die sportliche Qualität und große Entwicklungschancen, sondern auch um einen potenziell signifikanten Marktwertanstieg und Identifikation der vielen jungen Fans.
Ricken will mit jungen Spielern das richtige „Storytelling“ beim BVB
„Entscheidend für den Klub ist das Storytelling, mit dem man die Leute ins Stadion holen will“, erklärte Ricken in der Talkrunde, die in der Kulisse des klubeigenen Museums aufgezeichnet wird. Die Dortmunder Fans honorieren den Mut, auf junge Spieler zu setzen und diese zu entwickeln – mehr als den Kauf etablierter Stars, die ihre besten Jahre möglicherweise schon hinter sich haben.
Die Datenanalyse zeigt auch: In den erfolgreichsten BVB-Phasen der letzten Dekade war das Durchschnittsalter der Neuzugänge stets unter 23 Jahren. Die starken Bundesliga-Spielzeiten 2019 und 2023 sowie das Champions-League-Finale 2024 wurden mit Teams erreicht, die einen Kern aus jungen und beim BVB gereiften Spielern aufwiesen.
Kursumkehr ist für den BVB auch eine strategische Notwendigkeit
Wirtschaftlich war diese Strategie ebenfalls ein Erfolgsmodell: Allein die Verkäufe von Dembélé (135 Millionen Euro), Sancho (85 Mio. Euro) und Bellingham (113 Mio. Euro) spülten über 330 Millionen Euro in die Vereinskasse. Gleichzeitig begeisterten diese Spieler die Fans mit spektakulärem Fußball und sorgten für Schlagzeilen.
Der angekündigte Kurswechsel unter Ricken ist daher mehr als nur eine Rückbesinnung auf alte Tugenden – er ist eine strategische Notwendigkeit. Die Daten der vergangenen Transferperioden zeigen eindeutig: Der BVB funktioniert am besten, wenn er seinem eigenen Weg treu bleibt und auf die Entwicklung junger Talente setzt, statt mit teuren Routiniers den Erfolg erzwingen zu wollen.
Dortmund soll „den Schwung mitnehmen“
Mit der Qualifikation für die Champions League am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison hat der BVB die finanzielle Grundlage für diesen Neuanfang abgesichert, dazu trägt auch die FIFA Klub-WM im Sommer bei. „Wir müssen den Schwung jetzt mitnehmen“, betonte Ricken in der Talkrunde und nannte „Einstellung und Widerstandskraft“ als wesentliche Faktoren für zukünftige Erfolge.
Nun liegt es an ihm und seinem Team, die richtigen Talente zu identifizieren, die Dortmund zurück an die Spitze führen können.
Die Fans dürfen sich jedenfalls auf eine spannende Transferperiode freuen – und auf eine Mannschaft, die künftig wieder mehr der BVB-DNA entsprechen soll: jung, hungrig und spektakulär.
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