In Frankfurt verkannt: Carlotta Wamser überzeugt im Nationalteam auf Anhieb
Frankfurt/St. Gallen – Noch beim Medientag in Herzogenaurach haben sich viele gefragt, an welchem Tisch eigentlich Carlotta Wamser gesessen hatte. Die Interviewanfragen hielten sich in einem sehr überschaubaren Rahmen, obwohl Christian Wück oft genug betont hatte, er werde alle 23 Spielerinnen bei der EM in der Schweiz brauchen. Nun hat der Bundestrainer beim Auftakt gegen Polen (2:0) eine Newcomerin für die verletzte Giulia Gwinn gebracht, die er bei der Nominierung gar nicht selbst erreicht hatte. Zuerst habe er tatsächlich die Mutter am Telefon gehabt.
Bundestrainer Wück nominiert Kader für EM 2025: Diese 23 Spielerinnen sind dabei
Alle, die sich über die Berufung gewundert hätten, „werden gesehen haben, dass ihre Auswahl definitiv richtig war. Ich bin zu 100 Prozent zufrieden mit ihr“, urteilte Wück. Der Bundestrainer pries Dynamik und Zweikampfführung. Gelehrt hat das der gebürtigen Herforderin der Vater, ein sehr sportlicher Lehrer, der auf Fitness größten Wert legt. Athletik wird sie in den Gruppenspielen gegen Dänemark in Basel (Dienstag 18 Uhr/ARD) und Schweden in Zürich (Samstag 21 Uhr/ZDF) brauchen.
Ganz viel Lob
Am Freitagabend avancierte die 21-Jährige zur heimlichen Gewinnerin, was sie sich unter den Umständen natürlich nicht gewünscht hatte. „Man kommt nicht gerne rein, wenn sich eine Mitspielerin verletzt.“ Doch wie schnell die Instinktfußballerin Bindung fand, wie oft sie Tiefe suchte, wie forsch sie ins Dribbling ging, war durchaus beeindruckend. Und ihre langjährige Mitspielerin Laura Freigang von Eintracht Frankfurt meinte: „Carlotta ist einfach ein unfassbares Energiebündel auf dem Platz.“ Wobei erst DFB-Trainerin Kathrin Peter bei der U23-Nationalelf auf die Idee kam, Wamser mal von der offensiven auf die defensive Außenbahn zu stellen.
Auch Gwinn hat einst als Flügelstürmerin angefangen. Ihrer schnellen Vertreterin gehört die Zukunft. Frech, forsch, fit. „Wir sind sehr begeistert von ihrer Entwicklung“, machte Sportdirektorin Nia Künzer deutlich. „Sie ist ein spontaner, witziger Typ, den wir gerne im Team haben.“ Bundestrainer Wück hätte ja auch Kathrin Hendrich oder Sophia Kleinherne einwechseln können, die nach hinten solide Lösungen geben, aber kaum kreative Momente nach vorne erzeugen.
Die unbekümmerte Draufgängerin mit den tief heruntergezogenen Stutzen war an der Entstehung beider Tore beteiligt. „Ich habe versucht, das Beste draus zu machen. Nach der Halbzeit fand ich es ganz gut, das war ein Neustart für uns alle“, sagte sie nach ihrem dritten Länderspiel. Deutschlands Nummer fünf bekam viele Komplimente. „Carlotta hat einen richtig guten Wind reingebracht“, befand Torhüterin Ann-Katrin Berger. „Manchmal ist es sogar besser, ins eiskalte Wasser geworfen. Da kann man nicht viel drüber nachdenken.“ Am Bodensee hat sie sich freigeschwommen.
Vielleicht haben auch die Verantwortlichen bei Eintracht Frankfurt gestaunt. Wamsers Abgang gehört zur fragwürdigen Kaderpolitik des Champions-League-Teilnehmers, der zahlreiche Leistungsträgerinnen ziehen lässt. Ihr Wechsel zu Bayer Leverkusen illustriert die Widersprüche der neuen Ausrichtung. Einerseits will der Bundesliga-Dritte junge Spielerinnen fördern (und in Zukunft vermehrt Transfererlöse erzielen), andererseits wurde ein mit der Fritz-Walter-Medaille in Bronze und Silber ausgezeichnetes Talent nicht gehalten.
Trainer Niko Arnautis wechselte sie meist nur spät oder gar nicht ein. Es hieß, Wamser wolle anfangs mit dem Kopf durch die Wand, missachte Anweisungen und halte Laufwege nicht ein. Frustriert ließ sie sich zwischendrin für ein halbes Jahr an den 1. FC Köln ausleihen. Ein dem Vernehmen nach eher mittelprächtiges Angebot zur Vertragsverlängerung bei der Eintracht schlug sie aus. Ligarivale Leverkusen, der am 6. September das Bundesliga-Eröffnungsspiel beim FC Bayern bestreitet, kann sich über einen Neuzugang freuen, der vielleicht als die EM-Entdeckung aus der Schweiz zurückkehrt.