Rekordserien des FC Bayern gerissen: Warum das Remis bei Union völlig normal war
VonPeter Grad
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Nach 16 Pflichtspiel-Siegen gewann der FC Bayern erstmals in dieser Saison nicht. Reflexartig wird nach Erfolgsrezepten des Gegners gesucht. Die Erklärung ist jedoch simpel. Ein Kommentar.
Berlin / München - Der FC Bayern hat den Saisonstart-Europarekord (Top-Fünf-Ligen als Maßstab) des AC Milan aus der Saison 1992/93 mit zwölf Pflichtspielsiegen um sage und schreibe vier Erfolge überboten, auf den Podestplätzen befinden sich noch Borussia Dortmund (2015/16) und Real Madrid (1968/69) mit je elf Siegen. Der Vereinsrekord des Rekordmeisters stammte bis zu dieser Spielzeit aus 1984/85 und 2012/13 mit „nur“ neun Siegen. Allein schon die genannten Vereine und die Dimension der Rekordverbesserung zeigt das Außergewöhnliche der Siegesserie der Kompany-Bayern.
Mit dem letztendlich leistungsgerechten 2:2 bei Union Berlin endete die Serie, der Bundesliga-Startrekord von Pep Guardiolas Bayern aus der Saison 2015/16 wurde um einen Sieg verpasst. Eigentlich könnte man es sich nun ganz einfach machen und behaupten, dass jede außergewöhnliche Serie früher oder später reißen wird bzw. muss. Geht aber nicht, denn zahlreiche Experten haben schon Gründe für die „gefühlte Bayern-Pleite“ (Maßstab Erfolgserwartung) geliefert.
Liga-Auswärtsspiel nach Champions-League-Woche immer schwierig
Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der als Trainer nicht in Ansätzen so erfolgreich wie als Spieler gewesen war, warf Vincent Kompany gar ein „Vercoachen“ vor, weil dieser nach der kräftezehrenden Partie bei Paris Saint-Germain (2:1) nicht mehr rotiert hatte. Andere sehen die gute taktische Einstellung von Union-Trainer Steffen Baumgart und die perfekte Umsetzung seiner leidenschaftlich kämpfenden Truppe auf dem Spielfeld als Hauptgrund. Harry Kane dagegen gefielen viele kleine Entscheidungen des Schiedsrichter-Gespanns und vor allem der sehr schlechte Zustand des Köpenicker Rasens überhaupt nicht. Tatsächlich ist die „Krautacker-Taktik“ gegen technisch überlegene Gastmannschaften immer schon ein gerne genutzter Heimvorteil gewesen.
Versuchen wir es aber doch einmal mit einem anderen Ansatz, der in früheren Fußballzeiten sehr häufig als Erklärung diente: Ligaspiele, vor allem auswärts, sind (speziell) nach (erfolgreichen) Europapokalschlachten meist besonders schwierig. Konzentrieren wir uns dabei diesmal auf die ersten 24 Mannschaften der aktuellen Champions-League-Tabelle.
Neuer-Bock, Pfiffe – und zwei Geniestreiche: Bayern gegen Union in der Einzelkritik
14 dieser 24 Teams, die mit ihrer aktuellen Platzierung direkt für das Achtelfinale (Top-8) oder die Zwischenrunde (9 bis 24) qualifiziert wären, mussten am Wochenende in der Fremde antreten. Lediglich vier von ihnen konnten gewinnen, fünf spielten unentschieden, fünf verloren sogar. Auch beim FC Arsenal, dem FCB-Gegner beim nächsten CL-Topspiel Erster gegen Zweiter in zwei Wochen, rissen beim 2:2 bei Aufsteiger Sunderland zwei überragende Serien: Zuvor zehn Pflichtspielsiege in Serie, davon die letzten acht (seit Ende September) sogar ohne Gegentor.
Zuhause taten sich die Top-24 der CL-Tabelle hingegen wesentlich leichter: 7 Siege – 1 Unentschieden – 2 Niederlagen. Diese fielen allerdings recht deutlich aus: Der Europa-League-Gewinner 2023/24 Atalanta Bergamo kam gegen Sassuolo mit 0:3 unter die Räder, AC Monaco (ohne Eric Dier) mit 1:4 gegen Lens.
Union-Coach Steffen Baumgart hat sich nach der Partie gegen Bayern fürchterlich über die VAR-Millimeter-Entscheidung beim vermeintlichen Führungstreffer durch Ilyas Ansah aufgeregt. Joshua Kimmich konterte den Vorwurf mit der richtigen Erkenntnis, dass Abseits unter Einsatz des VAR eben eine Schwarz-Weiß-Entscheidung sei. Dabei möchte man den emotionalen Berliner Trainer auch gerne erinnern, dass er sich bei den Spielansetzungen auch einmal bei der DFL bedanken könnte. Zum zweiten Mal in Folge bekamen die Köpenicker den FCB nach einer harten CL-Auswärtspartie (im März 2:0 in Leverkusen) serviert.
Warum es dem FC Bayern nicht gelungen ist, den Rekord auf 17 Siege auszubauen, dafür gibt es sehr viele Gründe. Wie sein damaliger Vertreter Jonas Urbig im März patzte nun auch Manuel Neuer in der Alten Försterei entscheidend, beide hatten zuvor überragend in der Champions-League gehalten. In der Fußball-Historie war das 2:2 zwischen Union Berlin und dem FC Bayern jedenfalls ein insgesamt „völlig normales Unentschieden“. Denn sehr selten gewinnt man nach einem Auswärts-Topspiel in der CL auch ein schwieriges Auswärtsspiel in der Bundesliga, das gilt auch für die Premier League, LaLiga, die Serie A und die Ligue 1.