VonDaniel Michelschließen
Uli Hoeneß umwirbt Florian Wirtz in öffentlichen Statements. Ist diese Taktik des Bayern-Patrons (moralisch) unzulässig?
München – „Wenn ich einen Traum haben darf, dann würde ich sagen, dass Florian Wirtz zum FC Bayern muss“, sagte Uli Hoeneß zuletzt bei t-online, um dann anzufügen, es sei nur seine private Meinung. Das war allerdings auch nicht die erste private Meinungsäußerung von Hoeneß in der Öffentlichkeit zum Thema Wirtz. Schon seit Monaten spricht er regelmäßig ganz offen darüber, den Superstar von Bayer 04 Leverkusen nach München holen zu wollen. „Wenn ich einen (Wunsch) freihätte, ohne Limit, dann würde ich mir Florian Wirtz zum FC Bayern wünschen“, sagte der 73-Jährige in der Woche zuvor dem kicker.
Buhlen um Wirtz: Welche Strategie verfolgt Hoeneß?
Nun ist es erstmal natürlich sehr authentisch, wenn ein großer Fußballfunktionär seine Gedanken freimütig äußert. Aber Uli Hoeneß weiß natürlich, dass man bei ihm genau zuhört und seine Äußerungen eine große öffentliche Resonanz erzielen. So sind erstmal strategische Fragen zu stellen: Warum wirbt Hoeneß so offensiv in der Öffentlichkeit um den 21-jährigen Spielmacher? Will er Double-Sieger und Titelkonkurrent Bayer 04 Leverkusen damit verunsichern? Oder möchte Hoeneß subtil eine Botschaft an die Manager des FC Bayern – Max Eberl, Christoph Freund – senden, mehr dafür zu tun, den Nationalspieler zu verpflichten?
Und dann kommt die Frage nach der Moral hinzu. Nahezu jeder Fußballmanager antwortet bei Transferfragen diplomatisch, über Spieler von anderen Vereinen wolle man öffentlich nichts sagen, das gebiete der Respekt vor dem anderen Verein. In dieser Hinsicht ein besonders peinliches Schauspiel führte vor rund sechs Jahren der FC Bayern auf. Die Münchner standen kurz vor einer Einigung mit Leroy Sané, der damalige FC-Bayern-Trainer Niko Kovač sagte, er sei zuversichtlich, dass der Deal klappen könnte, Sané sei ein sehr guter Spieler.
Hoeneß bricht Bayern-Tabu: Kovac musste einst mächtig einstecken
Diese Aussage jedoch machte die Bayern-Bosse enorm wütend. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, forderte Kovač auf, sich öffentlich bei Manchester City zu entschuldigen. Rummenigge betonte: „Die Spieler, die bei anderen Vereinen unter Vertrag sind, müssen wir respektieren. Das ist im Übrigen auch eine FIFA-Vorgabe.“ Ebenso erklärte Sportdirektor Hasan Salihamidžić seinem Freund Niko Kovač öffentlich die diplomatischen Spielregeln des FC Bayern: „Es ist wichtig, dass über die Spieler nicht gesprochen wird, die bei einem anderen Verein unter Vertrag stehen. Man muss sich bei ManCity entschuldigen, dass die ganze Zeit über den Spieler gesprochen wurde.“
Kovač entschuldigte sich dann öffentlich bei Manchester City. Der Kroate, über 40 Jahre alt, wirkte dabei wie ein kleines Kind, der gerade ordentlich von seinen Eltern die Leviten gelesen bekommen hatte. Kurios: Sané verletzte sich kurze Zeit später und kam erst die Saison 2020/21 zum FC Bayern, als Kovac schon in München entlassen war.
Zeigt Hoeneß gegenüber Leverkusen zu wenig Respekt?
Zurück zu Hoeneß: Neben den strategischen Fragen im Fall Wirtz bleibt also auch die moralische Frage offen: Warum musste sich Kovač für eine Lappalie entschuldigen, während Uli Hoeneß nun ungeschoren Transferliebespfeile in Richtung Florian Wirtz schießen darf? Wirtz ist schließlich noch bis 2027 an Bayer Leverkusen gebunden. Eigentlich lautet die eigens verhängte Maßgabe des FC Bayern, das zu respektieren …
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