„Da schläft jemand gewaltig“

„Erstaunliche“ Entwicklung: Viele kaufen trotz 9-Euro-Ticket teure Monatstickets

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Obwohl das 9-Euro-Ticket deutlich günstiger ist, kaufen sich immer noch viele Menschen teurere Monatstickets. (kreiszeitung.de-Montage)
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Seit Juni kann man das 9-Euro-Ticket im Nahverkehr nutzen. Doch das scheinen einige verpasst zu haben. Viele kaufen sich immer noch ein viel teureres Monatsticket.

Hannover – Das 9-Euro-Ticket erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit – und sorgt aufgrund von vollen Zügen und regelrechten Anstürmen auf die Insel Sylt für viel Aufmerksamkeit. Trotzdem scheint der Start des billigen Monatstickets im Juni an einigen Menschen vorbeigegangen zu sein. Denn sowohl in Hannover als auch in Berlin und München wurden trotz des deutlich günstigeren Angebots weiterhin teure Monatskarten gekauft. „Da schläft jemand gewaltig“, vermutet ein Sprecher des Verkehrsverbundes Großraum-Verkehr Hannover (GVH) in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

9-Euro-Ticket an vielen vorbeigegangen: Kaufen deutlich teurere Monatskarten für Bus und Bahn

Für den GVH-Sprecher Tolga Otkun sei das „erstaunlich“ – es könne sich dabei eigentlich nur um Klientel handeln, dem das 9-Euro-Ticket für Bus und Bahn entgangen ist. Warum sonst sollte man deutlich mehr Geld für ein Monatsticket ausgeben, wenn man doch auch eins für nicht einmal zehn Euro haben könnte?

Das könnte in Hannover, Berlin und München auch daran liegen, dass an Fahrkartenautomaten das normale Fahrscheinsortiment nach wie vor verfügbar ist. Es sei laut Otkun technisch zu aufwendig, die Monatskarten für drei Monate abzuschalten – der HVV in Hamburg handhabt dieses Problem derweil souveräner.

1800 teurere Monatstickets in Hannover verkauft – Kunden zahlen zehnmal so viel wie für das 9-Euro-Ticket

Im Raum Hannover wurden im Juni rund 1800 teurere Monatskarten verkauft – 1500 davon waren Jugendnetzkarten für 15 Euro. In dem Fall fiel der Preisunterschied zu neun Euro also nicht allzu groß aus. Doch etwa 300 Tickets gingen laut Otkun auch auf GVH-Monatskarten zwischen 36,30 Euro und 97,80 Euro zurück. Damit haben im Raum Hannover 300 Personen bis zu zehnmal so viel Geld für eine Monatskarte gezahlt, wie notwendig gewesen wäre.

Wie Tolga Otkun dpa erklärte, werde diesen Kunden die Differenz zum 9-Euro-Ticket erstattet, sobald sie ihren Fehler bemerken würden. Wer im Kundencenter oder am Automaten einen Fahrschein kaufe, werde auch auf das günstige Monatsticket hingewiesen. Was nach dem 9-Euro-Ticket passiert, ist derweil ungewiss – die Linke befürchtet aber einen Preissprung für Bus und Bahn.

Trotz 9-Euro-Ticket: Berlin und München verkaufen ebenfalls weiterhin teurere Monatstickets

Auch im Raum Berlin wurden im Juni 2022 Tausende wesentlich teurere Monatskarten verkauft, berichtet t-online.de. Demnach teilte ein BVG-Sprecher mit, dass seit Anfang des vergangenen Monats einzelne Monatskarten „im mittleren vierstelligen Bereich“ an den Mann gegangen seien. Ein solches Ticket kann für Vollzahler zwischen 86 und 107 Euro kosten.

„Bei den Automaten wäre eine Deaktivierung der Kaufmöglichkeiten mit einem enormen technischen Aufwand verbunden“, begründet der BVG-Sprecher die bestehende Option eines teureren Monatstickets. Das sei „in der Kürze der Zeit nicht realisierbar“ gewesen, heißt es demnach laut t-online.de. Auch der Münchner Verkehrs- und Tarifbund bietet weiterhin Monatskarten zum regulären Preis an – mit der gleichen Begründung. Pressesprecherin Franziska Hartmann aus München sagte 24hamburg.de, dass insbesondere der Aufwand am Ticketautomaten viel zu hoch wäre. Außerdem würden jetzt schon Monatskarten für die Zeit nach dem 9-Euro-Ticket gekauft werden, eine Deaktivierung der Kaufoption wäre aus dem Grund nicht sinnvoll.

HVV in Hamburg bietet nur noch das 9-Euro-Ticket an – alles andere sei „nicht nachvollziehbar“

Der HVV in Hamburg bietet derweil keine andere Monatskarte als das 9-Euro-Ticket an. „Das wäre ja gar nicht sinnvoll, wenn Kunden gleichzeitig auch das günstigere Ticket kaufen könnten“, heißt es laut 24hamburg.de vom Hamburger Verkehrs-Verbund. Das Verhalten vom BVG und MVV in München sei für den HVV „nicht nachvollziehbar“.

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9-Euro-Ticket in Deutschland im Juni 21 Millionen Mal verkauft – ähnliches ist auch für Juli zu erwarten

Der Absatz des 9-Euro-Tickets lässt sich nichtsdestotrotz sehen: Insgesamt wurden bundesweit im Juni rund 21 Millionen billige Monatskarten verkauft, so der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). „Zusammen mit den etwa zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, die das vergünstigte Ticket automatisch erhalten, ist damit die vorher von der Branche kalkulierte Zahl von 30 Millionen Tickets pro Monat nicht nur erreicht, sondern sogar leicht überschritten worden“, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann der dpa.

Anhand von Umfragen hat der Verband ermittelt, dass für den Monat Juli eine ähnlich hohe Kaufbereitschaft zu erwarten ist. Für die Zeit nach August wurden bereits mehrere Vorschläge für Anschlusslösungen von der Politik angestoßen: Die Ampel möchte das 9-Euro-Ticket mit dem Klimaticket ersetzen, Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) stimmt derweil für ein dauerhaft günstiges Deutschlandticket. Auch ein 29-Euro-Monatsticket wurde von den Verbraucherzentralen bereits in den Raum geworfen.

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