So schlimm kann es werden

„Wie ein riesiger Verkehrsunfall“: Noch stärkeres Erdbeben in den Alpen – Experte erklärt Ursachen

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Am Samstag und am Sonntag hat es nochmals zweimal in Tirol gebebt. Somit gab es jetzt 42 Erdstöße im Januar. Ein Experte erklärt, wieso es so oft in den Alpen bebt – und wie gefährlich das sein kann.

Update vom 20. Januar, 19:25 Uhr: In der Region von Waidring hat es am Wochenende zwei weitere Beben gegeben. Am Samstag zitterte die Erde um 14.35 Uhr, die Stöße erreichten die Magnitude 3,0. Am Sonntag gab es um 3.49 Uhr ein weiteres Beben mit der Stärke 1,9. Die Intensität scheint vorerst zumindest wieder nachzulassen. Alle Beben fanden in Tiefen zwischen vier und zehn Kilometern statt.

Update vom 19. Januar, 21:25 Uhr: Der Boden unter Waidring kommt nicht zur Ruhe. Um 20.28 Uhr zeigten die Messgeräte ein neues Beben an, dieses Mal mit der Stärke 3,5, der stärkste Stoß bislang in der aktuellen Bebenserie. Diese begann am 9. Januar, seitdem wurden jetzt insgesamt 40 Stöße registriert. Und sie nehmen an Stärke zu. „Es wurde von der Bevölkerung zum Teil stark wahrgenommen. In wenigen Fällen sind sehr leichte Schäden an Gebäuden im Gebiet des Epizentrums möglich“, schreibt GeoSphere Austria bei Facebook über das jüngste Beben. „Warum so viele Beben in so kurzer Zeit?“, fragt dort ein User. Eine Frau antwortet: „Und praktisch alle an derselben Stelle.“ „Ja des is sehr beunruhigend“, so der erste User.

Erstmeldung vom 19. Januar, 18.18 Uhr: Waidring – Schon wieder hat in Österreich am Dreiländereck Tirol, Salzburg und Bayern die Erde gewackelt: In der Nacht auf Freitag (19. Januar) erreichte ein Beben sogar eine Magnitude von 3,4 auf der Richterskala. Es wurde bis zum bayerischen Chiemsee gespürt. Einige Personen beschrieben laut ORF die Erdstöße wieder als „Donnern oder Grollen“ des Untergrunds. Schäden wurden nicht bekannt. Am Freitagvormittag gab es dann noch zwei Beben der Stärke 2,5 und 2,1 auf der Richterskala.

In Waidring bei Kitzbühel hat die Erde in zwei Tagen vier Mal gebebt.

Schon in der Nacht zuvor hatte es nahe Waidring (Tirol) zwei Beben der Stärke von 2,2 und 3,3 gegeben. Dr. Joachim Wassermann, Leiter der Abteilung Seismologie des Bayerischen Geophysikalischen Observatoriums in Fürstenfeldbruck, erklärt gegenüber IPPEN.MEDIA, wieso ihn die Bebenserie in den Alpen nicht überrascht: „Das ist typisch für die Region rund um Inntal und Salzach. Da gibt es Störungen in der Erdkruste, die dort schon vor Millionen von Jahren angelegt wurden.“

Erdbeben in Österreich: „Das ist wie ein riesiger Verkehrsunfall“

Hintergrund ist die Plattentektonik, die die Auffaltung der Alpen verursacht hat. Dr. Wassermann: „Man muss sich das wie einen riesigen Verkehrsunfall vorstellen: Zwischen den großen Kontinentalplatten von Europa und Afrika liegen mehrere kleinere Platten, eine davon ist die adriatische Platte, die am südlichen Alpenrand unter die europäische Platte geschoben wird.“

Weiter: „Man muss sich das so vorstellen, als würden mehrere Kleinwagen zwischen zwei Sattelschleppern eingeklemmt, die Kleinwagen stellen sich dabei kreuz und quer und werden zerquetscht.“ Die Kräfte sorgen nicht nur für die Hebung der Alpen, sondern auch der Gebirgsketten des Apennin in Italien und auf der Balkanhalbinsel.

„Die adriatische Platte schiebt sich ein paar Millimeter im Jahr nach Norden“, erklärt der Experte weiter. Das geschieht am Südrand der Alpen in etwa 15 Kilometern Tiefe. „Das sorgt dafür, dass die Alpen nach wie vor weiter zusammengeschoben werden“, so der Experte. Die Hebung wird an der Oberfläche zwar von der Erosion geschluckt, aber im Untergrund bewegen sich die Gesteinspakete weiter.

Im Süden der Alpen kommt es immer wieder zu Erdbeben

„Darum kommt es vor allem im Süden der Alpen immer wieder zu schweren Erdbeben“, so der Experte. Am 6. Mai 1976 sorgte im Friaul im Norden Italiens nahe zu Slowenien und Österreich ein Erdbeben mit der Magnitude 6,5 für eine Katastrophe: Damals starben 989 Menschen, 45000 wurden obdachlos. Es war das schwerste Erdbeben in den Alpen seit 1348. Bereits am 9. Oktober 1963 war es infolge eines Erdbebens in der gleichen

Region zu einem Bergrutsch gekommen, der in den Stausee der Vajont-Staumauer rutschte. Es gab eine gigantische Flutwelle, die mindestens 1917 Menschenleben vor allem in dem Dorf Longarone kostete. Solche Killerbebeben sind in den nördlichen Alpen laut Dr. Wassermann sehr unwahrscheinlich, da die Subduktionszone, in der sich die adriatische Platte unter die europäische Platte, zu weit weg ist.

Auch die Nachwehen der Eiszeit lassen die Erde wackeln – so schlimm kann es noch kommen

Ein zweiter Faktor sind die Nachwehen der Eiszeit. Dr. Wassermann: „Damals lagen bis zu zwei Kilometer dicke Gletscher auf den Alpen.“ Die Eismassen drückten erst den Boden regelrecht ein. „Nach dem Abschmelzen wurde die Region vom Gewicht entlastet und hoben sich wieder, das ist noch nicht abgeschlossen.“

Wie schwer die Beben in den nördlichen Alpen ausfallen können? „Man kann eine Magnitude von fünf nicht ausschließen“, so der Experte. Zur Erklärung: Ab 3,5 gibt es die ersten Schäden, Putz fällt von der Wand, ab 4,5 kann es Risse in den Wänden geben. Ab 5 sind Schäden an der Bausubstanz möglich. Dr. Wassermann: „Da können schon mal Schornsteinspitzen herunterfallen.“ Das schwerste Beben in den nördlichen Alpen wurde am 7. Oktober 1930 bei Namlos im Bezirk Reutte (Tirol) gemessen. Es hatte die Stärke 5,3 auf der Richterskala. Von den 47 Kaminen vor Ort stürzten 31 ein. Auch die Kirche und einige Häuser erlitten teilweise große Schäden.

Rubriklistenbild: © Volker Preusser via www.imago-images.de

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