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Der Supervulkan bei Neapel terrorisiert die Menschen weiter mit heftigen Erdstößen. Experten halten es für die größte Krise seit dem letzten Ausbruch 1538.
Pozzuoli – Die Serie heftiger Erdstöße am Supervulkan im Süden Italiens hält an. Am frühen Dienstagnachmittag (16. April) wurden innerhalb von 24 Stunden über 50 Erdstöße in den Phlegräischen Feldern im Westen Neapels registriert. Um 3:34 Uhr wurden die Menschen mit einem Erdstoß mit einer Magnitude von 2,0 aus dem Schlaf geschreckt, um 4:11 Uhr folgte der nächste mit einer Magnitude von 2,3. Um 5:38 Uhr folgte der vorerst stärkste des Tages mit einer Magnitude von 2,5. Bis zum Nachmittag gingen die Erdstöße mit Magnituden bis zu 2,3 weiter.
Bebenserie am Supervulkan in Italien: Die Erdstöße rauben den Einheimischen den Schlaf
Schon am Sonntag (14. April) waren die rund 500.000 Bewohner der Risikozone über 100 Mal durchgeschüttelt worden – mit Stößen von einer Stärke bis zu 3,7. Die Menschen sind mit den Nerven am Ende, viele rannten wieder auf die Straße: „Mein Magen war vor Angst angesteckt und ich konnte nicht zu Hause bleiben“, schreibt ein User. „Ja immer noch ein Beben, Jesus hilf uns“, fügt eine Userin bei Facebook hinzu. Ein weiterer User schreibt: „Ich halte das nicht mehr aus!“
Tatsächlich handelt es sich bei der aktuellen Bebenserie wohl um die heftigste seismische Krise seit dem letzten Ausbruch der Phlegräischen Felder vor 485 Jahren. Damals entstand bei einer Eruption der Monte Nuovo westlich der Hafenstadt Pozzuoli. „Wenn man die Stärke und Anzahl der Erdbeben bedenkt, war es sicherlich eine der stärksten Erdbebensequenzen, vielleicht sogar überhaupt, selbst wenn man die Erdbeben von 1983 bis 84 berücksichtigt“, sagte schon am Montag der Vulkanologe Professor Giuseppe De Natale, Forschungsleiter des Nationalen Geochemischen und Vulkanologischen Instituts INGV und weltweit einer der renommiertesten Vulkanexperten, in einem Interview mit dem Corriere della Sera über die aktuelle Bebenserie.
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Renommierter Vulkanforscher warnt vor noch heftigeren Erdbeben am Supervulkan
In den 80er Jahren war Pozzuoli aus Angst vor einem bevorstehenden Vulkanausbruch evakuiert worden. 40.000 Menschen wurden außerhalb der Roten Zone in Notunterkünften untergebracht. Es war bis dato die heftigste seismische Krise seit dem Ausbruch von 1538 gewesen, bei dem 90 Prozent der Gebäude Pozzuolis durch Beben zerstört wurden und das Dorf Tripergole an der Stelle des heutigen Kraters zerstört wurde. 24 Schaulustige kamen ums Leben, als sie zwischen zwei Eruptionen den Krater bestiegen. Heute ist der Monte Nuovo ein Naturschutzgebiet.
Nach dem Ausbruch senkte sich der Küstenstreifen ab, da sich das Magma im Untergrund entleert hatte - bis in den 40er Jahren wieder eine Hebungsphase einsetzte, die in den 70er Jahren und vor allem in den 80er Jahren für heftige Schwarmbeben sorgte. De Natale warnt jetzt vor stärkeren Beben: „In diesem Bereich können die Magnituden sogar das Niveau von 5 oder etwas mehr erreichen.“ Das mag sich gering anhören, aber De Natale warnt: „Ein Erdbeben der Stärke 5,0 hat eine etwa 33-mal größere Energie als das Erdbeben der Stärke 4,0 vom 2. Oktober 2023, das erhebliche Schäden anrichtete.“
Der letzte Ausbruch verursachte vernichtende Beben und Asche-Regen – kann jederzeit wieder passieren
Beim Ausbruch des Monte Nuovo 1538 hatte es sogar Erdstöße der Stärke 8 gegeben. 25 Zentimeter Asche bedeckten die Dächer der Stadt, was viele davon zum Einsturz brachte. De Natale mahnt an, die laufende Überprüfung aller Gebäude in der Roten Zone auf ihre Erdbebensicherheit schneller voranzutreiben und Umbauten oder Evakuierungen durchzuführen. „Es muss schnell und mit größtmöglicher Geschwindigkeit geschehen, denn ein stärkeres Erdbeben, sogar viel stärker als das heutige, kann jederzeit auftreten, auch wenn man nicht genau wissen kann, wann.“
Der Geologe Alde Piombino warnt bei Facebook auch vor den Folgen eines Vulkanausbruchs, der sich jederzeit ereignen könne: „Denken Sie daran, dass das größte Problem bei einem Ausbruch neben dem Bereich, der direkt an der Öffnung eines Magmaschlotes liegt und von der Bildung eines Kraters wie Monte Nuovo betroffen ist, die Anhäufung von Asche und Stein auf den Dächern ist sowie die Brände, die bei heißem Material auftreten könnten.“ Vulkanausbrüche werden meist von pyroklastischen Wolken aus Gas, Asche und Bimssteinen begleitet, die bis zu 700 Grad heiß sein können.
Bürgermeister lässt jetzt Evakuierungsstraße für den Fall der Fälle bauen
Der Bürgermeister der Gemeinde Bacoli im Westen der Phlegräischen Felder, Josi Della Ragione, zieht jetzt Konsequenzen aus den Schwarmbeben: „Vor einigen Tagen wurde der städtische Stadtentwicklungsplan nach 48 Jahren genehmigt, der die Arbeiten für den Rückbau des Bahnhofs Torregaveta und den Bau des wichtigsten Fluchtwegs für Bacoli ermöglichen wird“, sagte Della Ragione der Zeitung Il Mattino. „Es handelt sich um eine sieben Meter breite Straße, die in den 1980er-Jahren erdacht wurde. Über 30 Millionen Euro werden investiert, sie ist ein sehr wichtiger Fluchtweg für über 40.000 Menschen.“
Bacoli und der Nachbarort Monte di Procida liegen auf einer engen Landzunge. Andere Wissenschaftler warnen auch vor einem Tsunami, der die Orte bei einer Eruption im Meer voll treffen würde. Andere denken über persönliche Konsequenzen nach, die weiter gehen: „Es hilft nichts, wir müssen in den Norden ziehen“, schreibt ein Facebook-User in der Gruppe „Die in der Roten Zone“.
Zuletzt hatten auch Bergstürze wie zuletzt an der Grenze zur Schweiz Italien erschüttert. In den Dolomiten krachte ein Felsen in der Nähe eines Bergsturzes auf einen Wanderweg.



