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Tirol atmet auf: Die Blockabfertigung für LKWs in Kufstein hat 2023 für bessere Luft gesorgt. Bayerns Plan, die Grenzstaus per Slot-System abzuschaffen, stößt dort auf Widerstand.
Innsbruck – Der Transitverkehr durch Tirol auf der Achse Skandinavien-Palermo ist seit Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Österreich und seinen Nachbarn Deutschland und Italien. In den engen Tälern Tirols stöhnen die Anwohner wegen des Lärms und der Abgase, die der Transitverkehr zum Brenner und umgekehrt verursacht.
Montags heißt es oft Lkw-Stau von Kufstein bis Holzkirchen
Seit 2017 bremst Tirol die Lkw-Kolonnen vor allem an Montagen mit Blockabfertigung in Kufstein und an der Brennergrenze aus. Es wird immer nur eine kleine Anzahl an Lastwagen durchgelassen, damit die Verkehrsbelastung in Tirol nicht zu hoch wird. Das bedeutet aber lange Staus vor der Grenze, manchmal reicht die Lkw-Schlange bis Holzkirchen zurück. In Italien gab es schon mal 100 Kilometer Stau.
Aus Tiroler Sicht ist diese Maßnahme ein großer Erfolg: Auf der Tiroler Brennerautobahn wurden im vergangenen Jahr 78 500 Lkw weniger gezählt als im Jahr 2022, an der Mautstelle Schönberg summierte man 2,4 Millionen Lkw. Das ist ein Minus von 3,2 Prozent, berichtet Österreichs Autobahngesellschaft Asfinag. Jahrelang war bis zur Coronakrise der Lastwagenverkehr stetig angewachsen - und danach wieder. Jetzt gab es erstmal ein Minus ohne Corona.
Tirols Landeshauptmann Anton Mattle von der konservativen ÖVP wertet das als großen Erfolg: „Der hartnäckige Tiroler Weg wirkt. Die Anti-Transitmaßnahmen haben in den vergangenen Jahren die Zunahme des Lkw-Verkehrs eingebremst.“ . Auch das Transitforum Austria-Tirol, das die Lkw-Sperren durchgesetzt hatte, resümiert: „Was die hohen Abgas- und Lärmbelastungen betrifft, sind wir sehr erfolgreich“, so der Vorsitzende Fritz Gurgiser. Die Tiroler Landesregierung war mit der Blockabfertigung den Forderungen des Transitforums gefolgt.
Tiroler Luft wird besser - Aktivisten fürchten Rückschlag mit Bayerns Slotsystem
Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) wiederum will ein Slot-System für den Lkw-Verkehr über den Brenner einführen. Die Idee hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im April 2023 bei einem Termin in Kufstein mit seinen Amtskollegen Arno Kompatscher (Südtirol) und Anton Mattle (Tirol) vorgestellt. Lkw-Fahrer sollen digital ein Zeitfenster buchen, um freie Fahrt zum Brenner zu haben. Die Idee taucht auch im neuen Güterverkehrskonzept für Bayern auf. Im kommenden Frühjahr soll ein detailliertes Konzept vorgelegt werden, ab 2025 soll es „eventuell“ umgesetzt werden.
Ein Problem ist allerdings, dass Bayern, Tirol und Südtirol das Slot-System nicht alleine einführen können - es ist eine nationale Frage. Italiens Verkehrsminister Matteo Salvini von der rechten Partei Lega hatte bereits angekündigt, dass Voraussetzung für weitere Verhandlungen die Einstellung der Blockabfertigung sei. Die Regierung in Rom hatte bereits eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Blockabfertigung beschlossen. Außerdem regiert die Lega auch in der beteiligten Provinz Trentino.
Auch das Transitforum, dessen Wort in Tirol großes Gewicht hat, lehnt das Slot-System als „brandgefährlichen Anschlag“ ab. Es würde eine „zusätzliche Verschlechterung der Luftqualität und eine höhere Lärmbelastung durch entzerrten Mehrverkehr“ bedeuten, so der Vorsitzende Gurgiser gegenüber IPPEN.MEDIA.
Bürgerinitiative feiert auch Abfahrtsperren für Urlauber als Erfolg für die Tiroler Luft
Gurgiser wertet allerdings den Anstieg des Pkw-Verkehrs am Brenner im vergangenen Jahr als einen Erfolg. Der stieg im Vergleich zu 2022 um fast eine halbe Million Fahrzeuge an. 11,68 Millionen Autos wurden an der Mautstelle Schönberg gezählt – das ist ein Plus von 4,4 Prozent.
Laut Gurgiser ist der Anstieg des Pkw-Verkehrs auf der Brennerautobahn auf die Abfahrtsperren zurückzuführen, die es Auswärtigen – vor allem Urlaubern – in den Sommermonaten verbietet, über Schleichwege die Staus auf den Autobahnen zu umfahren und die Autobahnmaut zu vermeiden. Gurgiser: „Was die hohen Abgas- und Lärmbelastungen sowie Ausweichverkehre von der Autobahn in das niederrangige Netz betrifft, sind wir sehr erfolgreich.“ Die Stickstoffbelastung an der Messstelle Vomp bei Innsbruck sei von 2006 bis 2021 halbiert worden.
Wegen des baulichen Zustands der Luegbrücke der Brennerautobahn ist ab kommenden Jahr mit Behinderungen und noch mehr Blockabfertigungen zu rechnen. Außerdem will Tirol ab Beginn der Faschingsferien am Achensee einen Schleichweg für Urlauber unattraktiv machen. Und am Fernpass soll eine Mautregelung eingeführt werden.


