Nach der Teil-Legalisierung

Verband alarmiert: „Pseudo-Patienten“ besorgen sich Cannabis über Telemedizin-Plattformen

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Gras ist legal, aber nirgendwo erhältlich – außer in der Apotheke. Die Firma Algea Care wirbt derweil mit Cannabis-Rezepten für 1 Euro.

„Triff mich 4:20 beim Arzt, ich hol‘ mir Rezept für Gras/ Dicke Gorilla-Glue-Batz aus Apotheken im Glas“, rappt Antifuchs. Die Rapperin beschreibt einen Trend, der durch die Teil-Legalisierung rasant zunimmt. Seit dem 1. April ist Kiffen unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

Cannabis-Clubs können erst in mehreren Monaten mit der Abgabe starten. Wer gerade dabei ist, Gras anzubauen, kann frühestens im Juni ernten. Patient-sein ist momentan die einzige Möglichkeit, um außerhalb des Schwarzmarkts an Cannabis zu kommen.

Telemediziner verschreiben Cannabis mit geringem Aufwand

Cannabis zählt seit dem 1. April nicht mehr als Betäubungsmittel, sondern als verschreibungspflichtiges Medikament. Ärzte können Cannabis seitdem einfacher verschreiben. Es reicht ein Erstgespräch per Videocall und ein E-Rezept. Mehrere Telemedizin-Plattformen scheinen gut auf diese Änderung vorbereitet zu sein. Führend ist nach eigenen Angaben mit über 20.000 Patienten Algea Care, aber auch andere Unternehmen werben offen mit dem Ausstellen von Cannabis-Rezepten.

„Was hast du als Diagnose angegeben?“ – „Schlafstörungen.“

In dem Reddit-Forum „German Trees“ tauschen sich mehrere User über ihre Erfahrungen bei Telemedizinern von verschiedenen Plattformen aus. Sie geben einander Tipps, um den Arzt zu überzeugen, ein Cannabis-Patient zu sein. „Was hast du als Diagnose angegeben?“, fragt ein User am 6. April etwa. Die Antwort: „Schlafstörungen.“

Diesen Grund scheinen viele von ihnen zu benutzen. Die Störung ist zwar einfacher zu fälschen, als etwa eine ADHS-Diagnose, könnte aber auch der Wahrheit entsprechen. Die meisten scheinen mit dieser Angabe bei den Telemedizinern erfolgreich, wie aus den Kommentaren hervorgeht.

Ein Reddit-User zeigt sein medizinisches Cannabis in dem Forum „German Trees“.

Als wir für unsere Recherche bei der Telemedizin-Plattform Algea Care angeben, weniger als drei Monate geringe Schlafstörungen zu haben, wird uns ein Termin angeboten. Allerdings müssten wir bis Mitte April auf ein Erstgespräch mit einem Arzt warten, früher sind keine Sprechstundentermine verfügbar. Ohne dieses individuelle Erstgespräch kann kein Patient über Algea Care ein Rezept für medizinisches Cannabis erhalten, teilt uns das Unternehmen mit.

Auf Nachfrage von BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA entscheide jeder Arzt oder Ärztin darin „völlig eigenständig, ob und welches Arzneimittel sie verordnen, um dem Wohl der Patientinnen und Patienten bestmöglich zu dienen“. Laut dem CEO Julian Wichmann ist Algea Care ein „reines Servicedienstleistungsunternehmen“, das Patienten an Ärzte vermittelt. Ob wir am Ende für geringe Schlafstörungen ein Cannabis-Rezept erhalten hätten, wissen wir deshalb nicht.

„Patienten mit Schlafstörungen ein täuschendes Verhalten zu unterstellen, zeigt die Stigmatisierung“

Aber wäre das überhaupt so verwerflich? Medizinisches Cannabis sei „bei der Behandlung von Schlafstörungen als sinnvoll zu erachten“, heißt es von Algea Care. „Patientinnen und Patienten mit Schlafstörungen vorweg ein täuschendes Verhalten oder gar einen Missbrauch zu unterstellen, zeigt die leider bestehende Stigmatisierung und Ungleichbehandlung von medizinischem Cannabis im Vergleich zu anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten.“

Das Unternehmen betont: Eine Therapie von Schlafstörungen mit medizinischem Cannabis sei in vielen Fällen die besser geeignete medikamentöse Therapieform, da sie „langfristig mit deutlich weniger Nebenwirkungen einhergehen kann“. Unter Wissenschaftlern und Medizinern ist diese Ansicht umstritten.

Seit der Teil-Legalisierung kosten Erstgespräche für kurze Zeit nur 1 Euro

Ein „Zeichen gegen die anhaltende Stigmatisierung“ von medizinischem Cannabis nennt Algea Care auch ihre 1-Euro-Aktion, die sie im April gestartet hat. Erstgespräche kosten deshalb einen Monat lang nur noch einen statt zuvor 50 Euro. Auf Instagram wirbt der Rapper Xatar für die Aktion. Sein Video hat mehr als 12.00 Aufrufe (Stand: 12. April). Weder Xatar, noch sein Management, möchte sich dazu bei BuzzFeed News Deutschland äußern.

Seit der Aktion erhält das Unternehmen auf dem unabhängigen Bewertungsportal Trustpilot zunehmend schlechte Bewertungen. „Algea Care hat offensichtlich kein Interesse mehr an Patienten und der Medizin. Als Bestandspatient fühlt man sich verarscht“, schreibt Nutzer W. S. Die Betroffenen sprechen von langen Wartezeiten, die Algea Care BuzzFeed News Deutschland bestätigt. Auch käme es zu Serverausfällen, die laut Unternehmen aber schnellstens behoben worden seien. Sie seien „von dem großen Andrang und den zahlreichen Neu-Registrierungen regelrecht überrumpelt“ worden.

Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschand.

Cannabis-Patienten „sind stinksauer“ und befürchten Leerstand in Apotheken

Seit dem 1. April beobachten Apotheken einen starken Anstieg an Privatrezepten für Cannabis, ausgestellt von Telemedizinern. Ein Großteil stamme von Algea Care und einer weiteren Firma, „aber auch andere Telemediziner sind beteiligt und werden hier den Markt erobern“. Das teilt der Verband der Cannabis versorgenden Apotheken (VCA) auf Nachfrage von BuzzFeed News Deutschland mit. Wie hoch der Anstieg prozentual genau liege, sei aktuell unklar, da er sich von Apotheke zu Apotheke unterscheide.

Logo einer Deutschen Apotheke.

Der Bund deutscher Cannabis-Patienten (BDCan) schlägt Alarm. „Wir sind stinksauer“, sagt Michael Kambeck, politischer Sprecher des Verbands. Er ist wütend auf die „Menge an Pseudo-Patientinnen und -Patienten“, wie er sagt. „Durch sie werden echte Cannabis-Patientinnen und -Patienten ihre Sorten, auf die sie präzise eingestellt sind, in ein paar Wochen wahrscheinlich nicht mehr kriegen.“

Derzeit kommt es laut VCA in Apotheken zu keiner Verknappung von Cannabis-Medikamenten. Einen baldigen Leerstand befürchtet Apothekerin und VCA-Geschäftsführerin Christiane Neubaur nicht. „Ob das in Zukunft der Fall sein sollte bei einigen wenigen Sorten wie zum Beispiel Bedrocan bleibt abzuwarten.“ Hier werde die Importmenge durch die Cannabisbehörde der Niederlande begrenzt.

Cannabis-Preise

In Apotheken kostet ein Gramm Cannabis laut Cannabis-Preisindex 2024 zwischen 4,99 und 15,95 Euro pro Gramm. Nach Angaben des VCA liegen die Preise damit unter dem Schwarzmarkt. Das deckt sich nur teilweise mit den Angaben eines Dealers, der zwischen sechs und acht Euro pro Gramm verlangt, wie er BuzzFeed News Deutschland mitteilte.

Die verkauften Sorten sind teilweise „gesundheitsschädlich“ für echte Cannabis-Patienten

Nach der Erfahrung von Apothekerinnen und Apotheker verordnen Telemediziner hauptsächlich Cannabis-Blüten und keine Cannabis-Medikamente in Tablettenform, wie der VCA mitteilt. Die Blüten tragen Namen wie „Strawberry Ice“ und „Orange Kush Cake“. „Das ist doch keine Medizin“, sagt Kambeck, der selbst Cannabis-Patient ist. In einem Statement des BDCan äußert sich außerdem eine Apothekerin, dass es sie „schmerzt, solche Ware abzugeben.“

Nach einer Analyse des Verbands sind die am Markt verfügbaren Blüten von etwa 100 Sorten in 2022 auf derzeit über 400 gestiegen. „Davon sind 259 Sorten lediglich nach laxen Arzneibuchstandards geprüft und dürfen somit hohe mikrobiologische Belastungen enthalten, die für die Inhalation ungeeignet und gesundheitsschädlich sein können, insbesondere für immungeschwächte Patientinnen und Patienten.“

Auch Apotheken haben sich auf die Teil-Legalisierung vorbereitet. In einer gibt es etwa die Sorte Amnesia Haze. Für Patientinnen und Patienten, die wirklich an der dissoziativen Störung Amnesie leiden, klingt das wie ein schlechter Witz, macht der BDCan deutlich. „Amnesie ist eine schwere Krankheit!“

Rubriklistenbild: © IMAGO/Michael Bihlmayer/ Westend61

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