Eindrücke aus Amazonien

COP30 in Belém: Wenige Bäume und knappe Zimmer erwarten die Teilnehmenden

Die Klimakonferenz in Brasilien beginnt. Die Verhältnisse in Belém könnten manche Teilnehmer überraschen. Unser Autor hat vor Ort recherchiert.

Aus Belém berichtet Niklas Franzen – Stolz sei sie, sagt Márcia Cardoso, dass die Welt für zwei Wochen auf ihre Heimat blicke. „Durch die COP bekommt Amazonien endlich die Anerkennung, die es verdient.“ Cardoso, 46 Jahre alt, geglättete Haare, steht vor einem Marktstand, auf dem sich Fläschchen und Sträucher stapeln. Er liegt auf dem Ver-o-Peso, dem bekanntesten Markt Beléms, direkt am Amazonas gelegen.

Luiz Inacio Lula da Silva (re.) gibt zwei Daumen hoch für die COP30 – in Belém bietet sich ein zwiespältiges Bild.

Wie Cardoso freuen sich viele Bewohner auf die COP30, die am Montag (10. November) in der Regenwald-Metropole beginnt. Auf dem Ver-o-Peso-Markt herrscht geschäftiges Treiben: Überall COP-Utensilien, ein Mann singt über Lautsprecher eine selbst gedichtete Hymne auf die Konferenz. Cardoso verkauft hier seit mehr als 20 Jahren Heilkräuter – einige gegen Gallensteine, andere, um Prüfungen zu bestehen, wieder andere, um die große Liebe zu finden. Eine Standnachbarin hat eigens ein Mittel für eine erfolgreiche COP kreiert. Belém ist ein Schmelztiegel indigener und afrikanischer Kultur, viele Traditionen sind hier bis heute lebendig.

Klimakonferenz in Amazonien: Viele Einwohner freuen sich – aber Probleme sind sichtbar

Auch andernorts herrscht Hochbetrieb. Staat und Privatwirtschaft investieren massiv in die Stadt. Überall wird gehämmert, gesägt, geschweißt. Männer malen bunte Fische und Vögel an Hauswände. Plakate kündigen das Megaevent an, einige gesponsert von Bergbaukonzernen. Vor ein paar Tagen eröffnete Präsident Lula einen neuen Hafen, vor wenigen Wochen wurde der Mercado de São Brás nach Jahrzehnten des Verfalls wiedereröffnet. Der Bürgermeister stimmt die Stadt mit Enthusiasmus auf die internationalen Gäste ein. Viele Einwohner freuen sich über neue Straßen, besseren Nahverkehr und zusätzliche Flugverbindungen. Taxifahrer haben ein paar Brocken Englisch gelernt.

Im Ausland sorgt Belém vor allem wegen der knappen Unterkünfte für Schlagzeilen. Es ist das jährliche Ritual der COP: Heerscharen von Politikern, Wissenschaftlern, Beratern und Journalisten reisen an – auch in Belém werden Zehntausende erwartet. Doch die Stadt ist keine Touristenmetropole, sondern eine wuselige Regenwaldstadt. Nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt gibt es ungepflasterte Straßen und offene, übel riechende Abwasserkanäle. Hotels sind rar. Die Preise stiegen zeitweise derart, dass Delegationen ärmerer Länder mit Absage drohten. Ob tatsächlich Reisen wegen der hohen Kosten gestrichen wurden, wollte die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media von den Organisatoren wissen. Eine Antwort blieb aus.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

„Wer kein Zimmer findet, muss eben unter den Sternen schlafen“, witzelte Lula da Silva. Danach folgten Krisensitzungen, und die Organisatoren versprachen Besserung. Tatsächlich sind die Preise auf Buchungsplattformen in den vergangenen Tagen wieder gesunken.

Und: Aus der Not eine Tugend zu machen, ist eine brasilianische Kernkompetenz – fast schon Lebensphilosophie. Dafür gibt es sogar ein eigenes Wort: Jeitinho. Es beschreibt die Kunst, Probleme mit unkonventionellen Mitteln zu lösen. So ziehen Gäste in Stundenhotels ein, zwei Kreuzfahrtschiffe dienen als schwimmende Hotels, und viele Besucher sind privat untergebracht.

COP30 in Belém: Toiletten fallen aus, Übertragung hakt – das müsse man am Amazonas einkalkulieren

Vor hundert Jahren wurde Belém durch den Kautschukhandel reich. Seither ist die Stadt jedoch in Vergessenheit geraten. „Belém ist von großer sozialer Ungleichheit geprägt“, sagt Ana Cláudia Cardoso unserer Redaktion. Sie ist Stadtplanerin und Professorin für Architektur an der Universidade Federal do Pará. „50 Prozent der Bevölkerung arbeiten im informellen Sektor.“ Auch sie glaubt, dass die COP einige wichtige Projekte angestoßen hat. „Es wurden Investitionen getätigt, die sonst nie passiert wären.“ Die Kehrseite: Im Zuge der Stadterneuerung wurden Familien verdrängt, und die Mieten stiegen in der ganzen Stadt.

Márcia Cardoso (li.), Ana Cláudia Cardoso.

Worauf sich die Gäste einstellen müssen: Hitze. Laut einer Studie der NGO CarbonPlan könnte Belém bis 2050 zur zweitheißesten Stadt der Welt werden. Auch Überschwemmungen sind längst keine Seltenheit mehr. „Die Peripherie bekommt die Auswirkungen der Klimakrise am stärksten zu spüren“, sagt Stadtplanerin Cardoso. Die Stadt habe es bisher nicht geschafft, mit den veränderten Klimabedingungen Schritt zu halten – etwa durch naturbasierte Lösungen. So ist Belém, mitten im Regenwald gelegen, ironischerweise eine der Städte mit den wenigsten Bäumen in Brasilien.

Am vergangenen Donnerstag und Freitag fand samt Kanzler Friedrich Merz (CDU) im Konferenzzentrum der Gipfel der Staats- und Regierungschefs statt – die Generalprobe für die COP30. Nicht alles lief rund: Mehrfach fiel das Wasser auf den Toiletten aus, die Übertragung hakte, und die Gänge der Blue Zone glichen einer Baustelle. Solche Pannen müsse man eben einkalkulieren, wenn man eine Konferenz im Amazonas organisiert, heißt es. Am Ende, so hoffen sie hier, werde alles glattgehen. (Quellen: Gespräche und Recherchen in Belém)

Rubriklistenbild: © Eraldo Peres/picture alliance/dpa/AP

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