VonSophia Sichtermannschließen
Der elterliche Wettkampf um teure Schultüten bei der Einschulung nimmt bedenkliche Ausmaße an. Eine Psychologin analysiert die negativen Konsequenzen.
Die Einschulung ist wohl einer der aufregendsten Tage im Leben eines Kindes. Neue Freunde, ein unbekannter Ort – der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Kein Wunder also, dass Eltern und Familien den Anlass groß feiern möchten. Zu einem gelungenen ersten Schultag gehört auch die Schultüte. Sie wird liebevoll dekoriert und enthält bei den meisten Kindern Süßigkeiten, Spielzeug und vor allem Schulsachen wie Füller oder Federtaschen. Auf Social Media diskutieren Eltern nun jedoch darüber, ob Schulsachen überhaupt in die Zuckertüte gehören – und wie viel der gesamte Inhalt mindestens kosten sollte.
Auf TikTok berichtet eine Frau, wie viel Geld sie pro Monat für die Schultüte zurücklegen würde. Viele Nutzer sind schockiert von den Dimensionen: „Ab Geburt zehn Euro pro Monat? Das sind über 700 Euro. Was tun die in die Schultüte rein?“ Auch die Creatorin @nahjohanna sagt: „Ich habe das Gefühl, dass die Schultüte gerade zum Prestigeobjekt wird. Aber nicht für die Kinder, sondern für die Eltern. Die sagen: ‚Das wird man doch wohl einmal im Leben machen können.‘“ In einem anderen Kommentar heißt es „Das ganze Einschulungsthema hat sich zu einem mittelgroßen Event entwickelt! Die Kinder sind am ersten Schultag mit so vielen Dingen beschäftigt. Die Schultüte hat nur wenig Aufmerksamkeit bekommen.“
Zudem wird darüber diskutiert, ob Schulsachen angemessene „Geschenke“ sind, da das Kind diese ohnehin bekommen würde. Von einer Nutzerin heißt es: „Die Sachen besorgt man mit dem Kind zusammen und dann soll ich diese in die Schultüte packen?“
Psychologin über Einschulung: Alles wird teurer – Geschenke verlieren an Wert
„Es gibt einen allgemeinen Trend, was Schultüten und Kinderfeiern wie Geburtstagsfeiern angeht. Alles wird größer, toller und damit auch teurer“, sagt Kordula Gruhn, Diplom-Psychologin bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. Dies sei jedoch nicht für alle Eltern und Familien möglich: „Man stelle sich eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und Mindesteinkommen vor. Die kann das nie und nimmer aufbringen.“
Gruhn bestätigt, dass es bei vielen Eltern tatsächlich um „Prestige“ und Vergleiche mit anderen ginge, wenn auch unbewusst. Zudem würden viele Mütter und Väter ihr Kind „nicht von vornherein ‚benachteiligen‘“ wollen, erklärt die Expertin. Sie rät jedoch davon ab, einfach mitzuziehen. Stattdessen „sollten Eltern das Kind stärken, mit ihm sprechen und auf den Wert kleinerer Dinge hinweisen“, sagt Gruhn. Sie betont, dass auch Schulmaterialien bereits teuer sein können. Es sei „schade“, dass manche Eltern dies nicht als richtiges Geschenk ansehen würden. Dies führe zu einem „Werteverfall, weil die Beträge, die aufgebracht werden, immer weiter steigen müssen.“ Selbst bei niedrigen Beträgen gebe es einen verdeckten Wettbewerb.
Expertin: Kinder schauen sich Imponiergehabe ihrer Eltern ab
Gruhn erläutert ein weiteres Problem mit übermäßig teuren Geschenken: „Kinder können nicht einschätzen, wie teuer etwas ist. Es kommt ihnen nicht auf Geldbeträge an.“ Die meisten Kinder würden sich entweder etwas Besonderes für die Schule wünschen – zum Beispiel ein bestimmtes Glitzer-Mäppchen – oder etwas, womit sie sich gerade gern beschäftigen. „Das gibt Kindern häufig einen Selbstbewusstseins-Boost, weil sie merken, dass ihre Interessen gesehen und geschätzt werden“, sagt auch die Pädagogin Constanze Trabant BuzzFeed News Deutschland.
Und nicht nur die Einschulung werde immer teurer, auch die Ausgaben für Geburtstagsgeschenke und -feiern schaukelten sich hoch. „Eltern wissen oft nicht mehr, was sie noch Tolleres machen sollen“, sagt Gruhn. Dabei helfe es, sich auf das Wesentliche zu besinnen, statt den nächsten Abenteuerpark zu buchen. Eltern hätten eine Vorbildfunktion und sollten sich dieser bewusst sein. Nicht umsonst gebe es Sprüche wie „Erziehung ist zwecklos, Kinder machen einem eh alles nach“: „Wenn Kinder früh dieses Imponier- und Wettbewerbsverhalten bei ihren Eltern sehen, denken sie, so muss es laufen“, warnt die Psychologin.
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