VonJana Stäbenerschließen
Viele Eltern halten ihre Kinder für hochbegabt. Eine Pädagogin erklärt, was auf hohe Intelligenz hinweisen kann – mahnt jedoch zur Vorsicht.
Nicht nur hochsensible Kinder können für Eltern eine Herausforderung sein: Auch hochbegabte Kinder brauchen eine spezielle Förderung, weiß Diana Haese. Sie hat in ihrer Arbeit als Erzieherin schnell gemerkt, dass der Fokus bei der pädagogischen Arbeit mit Kindern oft auf ihren Schwächen liegt. „Das war für mich wahnsinnig unbefriedigend. Ich finde, wir sollten viel mehr stärkenorientiert und begabungsorientiert schauen“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.
„Überforderung und Unterforderung sind für Kinder beide gleich schädlich“, sagt sie. Wenn Kinder ständig unterfordert seien, würden sie irgendwann abschalten, könnten psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen und sogar Depressionen oder Suizidgedanken entwickeln. „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen einmal pro Woche in einem Deutsch-Kurs für Anfänger in China. Da würden Sie durchdrehen.“
Haese hat sich auf das Thema Hochbegabung spezialisiert und 2008 das Begabtenzentrum gegründet, wo sie hochbegabte Kinder testet und zu fördert. Was sind Hinweise auf solch eine Hochbegabung? Die Expertin ist vorsichtig: „Hochbegabung erkennt man nicht an einer einzigen Eigenschaft. Es ist eine Kombination auffälliger Verhaltensweisen“, sagt sie. Nicht selten müsse sie Eltern enttäuschen, die überzeugt sind, ein hochbegabtes Kind zu haben.
Hochbegabte Kinder: Neun Merkmale, an denen Eltern sie erkennen
Trotzdem nennt die Expertin einige dieser „auffälligen Verhaltensweisen“. Manchmal würden hochbegabte Kinder sehr früh sprechen, lesen, schreiben oder rechnen lernen. Oder sie hätten ein „extrem detailliertes Wissen“ über extrem spezifische Themen wie Drainagepumpen oder Quarzuhren. Und eine hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit: „Sie brauchen keine oder nur sehr wenige Wiederholungen, um etwas Neues zu lernen, während andere Kinder eine Aufgabe sieben- oder achtmal wiederholen müssen.“
Gleichzeitig seien hochbegabte Kinder oft „perfektionistisch“ und „sehr sensibel“. Und: „Hochbegabte Kinder haben oft einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie achten darauf, dass alles gleich aufgeteilt wird – ob es um Bonbons geht oder um Regeln im Alltag. Manche setzen sich auch schon in jungen Jahren für andere Kinder ein, die ausgegrenzt werden“, sagt Haese BuzzFeed News Deutschland.
„Hochbegabte Kinder orientieren sich häufig an älteren Kindern oder Erwachsenen, die ihnen Antworten auf ihre vielen Fragen geben können.“ Ein Beispiel für ein hochbegabtes Kind aus ihrer Arbeit, das ihr im Kopf bleiben werde, sei ein fünfjähriger Junge gewesen, der sich mit Plattentektonik und Hydraulik beschäftigte, oder ein anderer, der mit fünf Jahren die Wurzeln von Pi berechnete. „Solche Kinder haben oft ein sehr prägendes Umfeld, zum Beispiel ein mathematisches Elternhaus“, bestätigt sie. Aber 50 Prozent seien auch Genetik.
„Jedes Kind sollte viermal im Leben auf Hochbegabung getestet werden“
Wichtig sei, bei Hochbegabung ganz verschiedene Bereiche voneinander zu unterscheiden. Manche Kinder seien drei Jahre alt, aber kognitiv auf dem Intelligenz-Niveau eines fünf- bis siebenjährigen Kindes. Gleichzeitig könnten sie sozial oder „emotional auf dem Niveau eines Zweijährigen sein“, sagt Haese. „Deswegen ist es uns wichtig, nicht nur auf den IQ zu schauen, sondern auch den EQ, den emotionalen Quotienten, zu messen.“
Nicht nur der kognitive Bereich sei wichtig. „Es gibt Kinder, die sportlich, musikalisch oder handwerklich hochbegabt sind. Leider bleibt das oft unentdeckt, weil wir in Schulen alle Kinder über einen Kamm scheren“, kritisiert die Pädagogin. Sie ist der Meinung, jedes Kind sollte viermal im Leben auf Hochbegabung getestet werden: das erste Mal mit zweieinhalb Jahren, dann mit viereinhalb, vor der weiterführenden Schule und schließlich im jungen Erwachsenenalter. „Denn Schulnoten sagen nichts über die Intelligenz eines Kindes aus“, sagt die BuzzFeed News Deutschland.
Jeder habe andere Stärken und Begabungen, und wenn das Schul- und Kitasystem diese bei jedem Kind erkennen würde, „könnten wir so viel mehr erreichen“, sagt sie. „Ich finde es schlimm, wenn Kinder nur defizitär betrachtet werden und von Therapie zu Therapie geschleppt werden. Viel wichtiger ist es, ihre Stärken zu fördern, denn das gibt ihnen Lebensfreude.“
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