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Die Erdbebenserie am Supervulkan hält an. Nach einem heftigen Erdstoß in der Bucht von Pozzuoli ist das Wassernetz einer Gemeinde gestört.
Neapel/Pozzuoli – Seit Montag (10. Februar) schürt eine nicht enden wollende Serie von Erdstößen die Angst vor einem Ausbruch des Vulkans der Phlegräischen Felder bei Neapel im Süden Italiens. Die Caldera mit einem Durchmesser von 16 Kilometern, die in der Eiszeit mindestens dreimal als Ganzes ausgebrochen ist, ist seit zwei Jahren aktiv. Der Boden hebt sich unaufhörlich. Erdbeben begleiten das Geschehen. Im Sommer 2023 erschütterten teils heftige Erdstöße die ganze Region. Im Herbst wurde es ruhiger. Jetzt nimmt die Aktivität wieder enorm zu.
Erdbebenschwarm am Supervulkan in Italien – Beben der Magnitude 3,9 registriert
Die Erschütterungen der seit Montag anhaltenden Bebenserie waren bisher nicht sehr stark, erreichten maximal eine Magnitude von 2,6. Doch sie wurden von den Bewohnern deutlich gespürt, da sie sehr flach waren und oft von einem lauten Dröhnen begleitet wurden.
Von Samstagnachmittag (15. Februar) bis Sonntagmittag (16. Februar) wurden innerhalb von 24 Stunden 207 Erdbeben gemeldet. Um 15.30 Uhr wurde dann im Golf von Pozzuoli ein Beben der Magnitude 3,9 registriert. Das Epizentrum wurde vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) in einer Tiefe von etwa 2,5 Kilometern vermutet und befand sich vier Kilometer von der Stadt Pozzuoli und drei Kilometer von Bacoli an der Westküste des Golfs von Pozzuoli entfernt.
Erdbeben am Supervulkan bis zum Vesuv zu spüren – Menschen rennen panisch auf die Straße
„Das Erdbeben war besonders heftig und wurde von der Bevölkerung auch in der Stadt Neapel über das historische Zentrum hinaus bis in die östlichen Stadtteile wie Poggioreale und Ponticelli sowie auf der Insel Procida gespürt“, berichtet das Portal fanpage.it. Auch in den Gemeinden am Vesuv und auf der Halbinsel von Sorrent, wo sonst viele Ausländer ihren Italien-Urlaub verbringen, spürten die Bewohner den Erdstoß, dass dem mindestens zehn weitere, schwächere Erdbeben folgten. In Pozzuoli und in den westlichen neapolitanischen Vierteln Fuorigrotta und Bagnoli rannten verängstigte Menschen in Panik auf die Straße, bei der Feuerwehr gingen zahlreiche Anrufe ein. Bis zum Abend trauten sich die Einwohner der Hafenstadt nicht mehr in ihre Häuser zurück.
In Neapel berief Oberbürgermeister Gaetano Manfredi ein Notstandskomitee ein. Zunächst wurden jedoch in Neapel keine Schäden bekannt. Pozzuolis Bürgermeister Gigi Manzoni postete bei Facebook: „Wir sind mit Ehrenamtlichen und Gemeindepolizei unterwegs, um Schäden zu prüfen. Wir stehen in Kontakt mit dem Vesuv-Observatorium. Ich habe das städtische Zivilschutz-Einsatzzentrum aktiviert.“ Die Schulen der Stadt bleiben am Montag (17. Februar) geschlossen, um sie auf Schäden zu kontrollieren. Auch die Gemeinde Bacoli rief ihr Zivilschutzkomitee zusammen, hier ist das Wassernetz beschädigt worden und undicht.
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Nach einer Beben-Pause werden die Erdstöße immer stärker
Um 17.30 Uhr gab es dann wieder einen Erdstoß der Stärke 2,7 mitten in Pozzuoli, um 23.45 Uhr und 23.46 Uhr zwei weitere der Stärke 3 im Solfatara-Krater und an den heißen Pisciarelli-Quellen an seinem östlichen Fuß. Am Freitagabend hatte es ein Beben der Stärke 2,6 gegeben. Das derzeit stärkste Beben der letzten 40 Jahre mit der Stärke 4,4 war in den Phlegräischen Feldern am Montag, 20. Mai 2024, gemessen worden, das während eines seismischen Schwarms mit etwa 170 Erdbeben auftrat, der erst am folgenden Tag endete.
Was die Einschätzung der Situation gibt, sind sich die Experten nicht einig: „In den letzten Wochen hat die seismische Aktivität deutlich zugenommen“, sagt Mauro Di Vito, Direktor des Vesuv-Observatoriums des INGV, das auch die Phlegräischen Felder überwacht, der Zeitung il Matttino. „Die Bodenverformung beträgt weiterhin zehn Millimeter pro Monat und gibt keine Hinweise auf eine schnellere Hebung“, fährt der Direktor fort. „Die seismische Aktivität häuft sich eindeutig mit höherer Frequenz, doch auch im Vergleich zu Monaten mit stärkerer seismischer Aktivität ist die freigesetzte Energie gering.“ Die Schwärme und die Zunahme der Seismizität seien auf Bodenverformungen und eine leichte Zunahme der Gasströme zurückzuführen, so de Vito. Das Interview wurde allerdings gut zwei Stunden vor dem bislang stärksten Beben des Jahres online veröffentlicht.
Wissenschaftler warnt vor Ausbruchsszenario und empfiehlt, die Menschen abzusiedeln
Der Vulkanologe Aldo Piombino von der Universität Florenz sieht die Lage nicht so rosig. Es könne zwar sein, dass nur ein verstärkter Gastrom die Beben verursache. Doch er warnt auch vor dem Szenario, das der Forscher Christopher Kilburn vom University College London 2023 in einer aufsehen erregenden Studie beschrieben hatte: Dass Hebung und Rissbildung am Supervulkan so weit fortschreiten, dass die Kruste über dem Vulkan vollständig bricht. Dann käme es zu einer Eruption. Als wahrscheinlichster Ort nannte Kilburn den Solfatara-Krater, wo es nur 150 Meter von der Grenze der Wohnbebauung entfernt kochend die heißen Schlammquellen von Pisciarelli gibt. Hier bebt es zuletzt verstärkt.
Piombino: „Es handelt sich um eine ungewöhnliche Situation, und ich kenne keine anderen Gebiete, in denen dieses Phänomen in jüngster Zeit aufgetreten ist und diese wissenschaftlich untersucht wurden.“ Piombino fordert eine dauerhafte Evakuierung: „Ich bestehe darauf, dass wir anfangen müssen, über strukturelle Probleme statt über Notfallräumungen nachzudenken. Aber das sage ich schon seit Jahren.“ Erst vor wenigen Tagen hatte Piombino die neue Bebenserie „sehr schwere Situation“ bezeichnet.
In einer anderen Studie hatten INGV-Forscher jüngst eine Zunahme des Schwefelgasausstoßes in den Phlegräischen Feldern festgestellt. Auch vor der griechischen Insel Santorini wird ein Vulkanausbruch befürchtet. Auf der spanischen Ferieninsel Teneriffa könnte dieses Szenario ebenfalls in absehbarer Zeit eintreten. Am Ätna sorgt eine Eruption derzeit dagegen für fantastische Bilder.

