Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung

Ungewöhnliches Atmosphärenglühen über Europa – Phänomen hätte uns im Sommer brutzeln lassen

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Eine Wärmeblase in der Höhe sorgt Anfang November für Rekordwerte. Im Juli hätte sie nahezu tropische Zustände erzeugt. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.

München – In den ersten Novembertagen breitet sich über Mitteleuropa eine bemerkenswerte Warmluftzunge aus. In rund 1500 Metern Höhe, dem typischen Messniveau für Luftmassen, werden Werte um +14 Grad erreicht. Meteorologisch liegt das weit jenseits dessen, was zu dieser Jahreszeit üblich ist. Am Boden bedeutet das vielerorts zweistellige Höchstwerte, bis über 20 Grad.

Die Temperaturanomalie am Donnerstag (6. November) über Mitteleuropa. Genau über Deutschland liegt eine unheimliche Wärmeblase.

Dieses Atmosphärenglühen, wie man es nennen könnte, wirkt fast surreal in der dunklen Jahreszeit, in der eigentlich kühlere Luftmassen dominieren. Die Ursache liegt in einer kräftigen Südwestströmung, die subtropische Luft aus Nordafrika und dem westlichen Mittelmeerraum heranführt. Dabei wirkt ein blockierendes Hoch als Wärmepumpe, die milde Luft förmlich nach Mitteleuropa schaufelt.

Wenn November plötzlich wie ein Frühsommer wirkt: Was diese Luftmasse im Juli angerichtet hätte

Klingt warm? Wäre diese Luftmasse im Juli auf Deutschland getroffen, wären am Boden weit über 30 Grad möglich gewesen, lokal vielleicht sogar 35 Grad. Der Grund liegt in der Einstrahlung. Im Sommer ist die Sonne deutlich höher am Himmel und liefert ein Vielfaches an Energie. Die nun beobachteten +14 Grad auf 1500 Metern wären im Hochsommer ein regelrechter Hitzebeschleuniger. Zusätzlich wäre die bodennahe Schichtung labiler, wodurch die Luft stärker durchmischt und weiter aufgeheizt würde. Statt frischer Herbstluft würden wir Hitzeflair, glühende Städte und tropische Nächte erleben.

Warum es trotz Höhenwärme im November kühler bleibt

Doch im November fehlt die Sonne fast vollständig als Verstärker. Die Tage sind kurz, der Sonnenstand niedrig, der Boden hat bereits abgekühlt. Selbst eine warme Höhenluftmasse kann diese saisonale Energiebremse nicht vollständig überwinden. Zudem sorgt längere Nächte für stärkere Abkühlung am Boden, Nebel und Inversionen können lokal sogar kühle Nässe bringen. Die Diskrepanz zeigt eindrucksvoll, wie stark die Jahreszeit das Wettergefühl bestimmt. Eine Hitzesphäre im Sommer wäre schweißtreibend und energisch, im November bleibt sie ein mildes, fast zärtliches Wärmephänomen, das zugleich Fragen über unsere sich verändernde Atmosphäre aufwirft.

Rubriklistenbild: © METEORED/www.daswetter.com

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