IPPEN-Serie: Fünf Jahre Corona

Folgen, Lehren und die Zukunft nach Corona: Virus besiegte Deutschlands „schärfstes Schwert“

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Leere Städte, Bahnhöfe, Flughäfen und jeden Tag neue Tote: Corona stürzte die Welt in einen jahrelangen Ausnahmezustand – und hat sie nachhaltig verändert.
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Was hat sich während der Corona-Pandemie bewährt, was ist gescheitert? Und was sollte Deutschland daraus lernen? Virologe Streeck äußert einen Wunsch.

+++ 11. März 2020: Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft die Verbreitung des Coronavirus offiziell als Pandemie ein. +++

München – Fünf Jahre sind seit dem Beginn der Corona-Pandemie vergangen. Vier Jahre davon verbrachte die Welt im Gesundheitsnotstand. Fest steht: Das Coronavirus hat die Welt verändert – nachhaltig.

Schon jetzt wirkt vieles, was in der Pandemie noch Alltag war, wie surreale Geschichte. Toilettenpapier war ausverkauft, die Innenstädte menschenleer. Und jeden Tag wurde über Infektionen und Tote gesprochen. Mehr als sieben Millionen Menschen starben laut WHO seit der Pandemie an oder mit Corona, davon rund 180.000 in Deutschland.

Kurz-Chronologie der Corona-Pandemie

  • 27. Januar 2020: Der erste Corona-Fall in Deutschland. Ein Mann aus Bayern infiziert sich bei einer chinesischen Kollegin.
  • 30. Januar 2020: Die Weltgesundheitsorganisation ruft eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ aus.
  • 11. März 2020: Die WHO stuft die Verbreitung des Coronavirus offiziell als Pandemie ein.
  • 22. März 2020: Erster Lockdown. Deutschland beschließt weitreichende Kontaktbeschränkungen und Schließungen.
  • 27. April 2020: Maskenpflicht. In Deutschland wird das Tragen von Masken in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht.
  • 15. April 2020: Viele Bundesländer verbieten die Beherbergung von Gästen aus Risikogebieten.
  • 2. November 2020: Zweiter Lockdown. Deutschland geht in einen „Lockdown light“ mit Schließungen von Gastronomie und Freizeiteinrichtungen.
  • 27. Dezember 2020: Impfstart. Die ersten Corona-Impfungen werden in Deutschland verabreicht.
  • 16. März 2021: Deutschland setzt vorübergehend die Impfungen mit AstraZeneca aus.
  • 23. April 2021: Ein bundesweit einheitlicher Lockdown bei hohen Inzidenzen tritt in Kraft, die sogenannte Bundesnotbremse.
  • 7. Juni 2021: Die Priorisierung bei Corona-Impfungen wird bundesweit aufgehoben.
  • 24. November 2021: In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens gilt nun die 2G-Regel (geimpft oder genesen).
  • 21. Dezember 2021: Die hochansteckende Omikron-Variante sorgt für stark steigende Fallzahlen.
  • 24. Februar 2022: Russlands Angriff auf die Ukraine. Der Krieg rückt die Pandemie in den Hintergrund.
  • 20. März 2022: Lockerungen. Die meisten Corona-Maßnahmen in Deutschland werden aufgehoben.
  • 7. April 2023: Ende der Maskenpflicht. Die letzten bundesweiten Corona-Schutzmaßnahmen laufen aus.
  • 5. Mai 2023: Die WHO erklärt das Ende des internationalen Gesundheitsnotstands wegen Corona.

Aufarbeitung der Corona-Pandemie: „Die Frage, was gut und was schlecht lief, ist sehr komplex“

Deutschland ist relativ glimpflich durch die Corona-Pandemie gekommen. Trotzdem sind auch Fehler passiert. Fehler, die aus Sicht vieler bis heute nicht gründlich aufgearbeitet worden sind. Warum?

„Die Frage, was gut und was schlecht lief, ist sehr komplex. Deshalb ist das nicht leicht zu beantworten“, sagt Prof. Dr. Hendrik Streeck. Der Virologe war Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung, hat viele Entscheidungen hautnah mitbekommen und oft kritisch hinterfragt. Heute plädiert er dafür, aus der Pandemie zu lernen.

Virologe Streeck über das größte Problem bei Corona-Aufarbeitung: „Wir haben kein Paralleluniversum“

Das größte Problem: „Wir haben kein Paralleluniversum, an dem wir nachvollziehen können, welche Maßnahmen besser gewesen werden“, so Streeck. Ein Untersuchungsausschuss, wie er von der AfD gefordert wird, ist hier allerdings nicht unbedingt das richtige Mittel. Dafür müssten rechtliche Fragen zugrunde liegen, erklärt Neu-CDU-Bundestagspolitiker Streeck.

IPPEN-Serie: Fünf Jahre Corona

In der Serie zum fünften Jahrestag der Corona-Pandemie spricht IPPEN.MEDIA mit Menschen, die die Pandemie aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt, durchlebt und größtenteils noch lange nicht abgeschlossen haben. Auf der Suche nach Folgen, Lehren und der Aufarbeitung.

Im Moment lesen Sie Teil 1 der Serie. Lesen Sie auch …

… Teil 2: Über den womöglich größten Fehler in der Corona-Pandemie und seine Folgen für Kinder.

… Teil 3: Dreht sich um mögliche Corona-Impfschäden, über die Tausende Menschen klagen.

… Teil 4: Hier behandeln wir die Hintergründe sowie Aufkommen der Querdenken-Bewegung und den Umgang mit Verschwörungstheorien.

… und Teil 5: Über ein „komplett überfordertes Gesundheitssystem“ und die prekäre Lage Tausender Betroffener von Long Covid.

Deutschlands Schwierigkeiten mit Corona-Kontaktpersonen: „Schärfstes Schwert“ hat geschwächelt

Streeck betont: „Ich halte die Erstreaktion in Deutschland für richtig. Es wurde vorsichtig agiert und versucht, den ersten Ausbruch einzudämmen.“ Aber dann kamen die ersten Schwierigkeiten. Der Übergang vom Versuch der Ersteindämmung zum gezielten Schutz vulnerabler Gruppen habe nicht funktioniert. „Das hat sich sehr lange durchgezogen.“

Auch bei der Nachverfolgung von Kontaktpersonen, Streeck nennt es „das schärfste Schwert des öffentlichen Gesundheitsdiensts“, hat Deutschland geschwächelt. „Hier ist Deutschland den Infektionen hinterhergerannt, sogar die Bundeswehr musste helfen“, erinnert sich der Virologe. Und erklärt: „Das liegt unter anderem an der kurzen Generationszeit von Corona, die das erschwert.“

Hendrik Streeck war Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung und ist Mitglied der CDU. Zudem engagiert er sich in der „Covid-19 Expert Group“ der Inter Academy Partnership, einem Zusammenschluss von wissenschaftlichen Akademien aus mehr als 130 Ländern.

Streeck sieht vier Lehren aus Corona-Pandemie: „Wir brauchen keine Anklage“

Ja, nicht alles hat funktioniert, grob fahrlässiges Verhalten sieht Streeck in der Nachbetrachtung der Corona-Pandemie aber an keiner Stelle. Er schließt: „Wichtig bei der Aufarbeitung der Pandemie ist: Wir brauchen keine Anklage.“ Stattdessen brauche es eine Fehlerkultur, die den Freiraum gebe, Entscheidungen kritisch zu analysieren, ohne sie an den Pranger zu stellen.

Einen Aufschrei hatten nach der Pandemie beispielsweise die RKI-Files entfacht. Einen Skandal sieht Streeck in den Unterlagen nicht. Im Robert-Koch-Institut wurde diskutiert, wie in der Gesellschaft auch. Über die veröffentlichten Unterlagen aus dem RKI sagt der Virologe: „Ich habe mich gefreut zu sehen, dass sich die öffentliche Debatte dort wiedergefunden hat. Eine Lehre könne man daraus ziehen“, stellt Streeck fest: „Debatten in Krisenzeiten müssen transparent sein.“

Die Politik müsse sich außerdem damit beschäftigen, wie sie sich von der Wissenschaft beraten lässt. „‚Die Wissenschaft sagt …‘ ist keine Beratung“, hält Streeck fest. „Politiker dürfen sich nicht hinter der Wissenschaft verstecken. Man bedenke, dass Politiker schließlich die Wissenschaftler selbst aussuchen, die letztlich in den Ausschüssen sitzen.“

Und auch die Presse darf lernen. Während der Corona-Pandemie wurden Studien, auch Pre-Print-Studien, immer wieder öffentlich als gut oder schlecht beurteilt. Das könne der Journalismus in diesem Umfang nicht leisten, moniert Streeck: „Die Bewertung von Wissenschaft gehört in die Wissenschaft. Das müssen wir beherzigen, sonst werden wir die nächste Pandemie nicht meistern.“

Folgen, Lehren und die Zukunft nach Corona: Virologe Streeck hat einen Wunsch

Aufarbeitung, aber neutral. „Was ich mir wünsche, wäre eine große wissenschaftliche Konferenz aller Fachbereiche, die Best Practices erarbeiten und diese der Politik sowie der Öffentlichkeit überstellen“, sagt Virologe Streeck. Und hofft, dass damit eine der wichtigsten Fragen für die Zukunft behandelt werden kann: „Wie treffen wir künftig die besten Entscheidungen?“ (moe)

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