Gefährlichster Vulkan der Welt

Forscher wollen Supervulkan in Italien anbohren – Experte warnt vor massiver Katastrophe

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Ein Team von Vulkanologen plant, den Druck in den Phlegräischen Feldern in Süditalien durch Bohrungen zu reduzieren. Ein Experte sieht darin ein enormes Risiko.

Pozzuoli – Der Supervulkan der Phlegräischen Felder sorgt seit eineinhalb Jahren für Unruhe in der Gegend im Westen der Millionenstadt Neapel im Süden Italiens. Vor allem die Hafenstadt Pozzuoli ist betroffen, aber auch die westlichen Viertel Neapels. Erdbeben mit einer Stärke von bis zu 4,4 versetzen die etwa eine halbe Million Menschen in der Roten Zone des Vulkans in Angst und Schrecken. Hunderte Häuser wurden evakuiert.

Die Dampfwolken des Solfatara-Vulkans.

Supervulkan in Italien brodelt: Hebung der Erde bei Neapel bereitet Sorgen

Die Beben sind die Begleiterscheinung einer Hebung des Bodenniveaus in und um Pozzuoli. Oft kündigen sich die Erdstöße mit einem mysteriösen Donnern an, die wiederum von den vulkanischen Aktivitäten in der Tiefe verursacht wird. Im Fachjargon nennt sich das Phänomen „Bradyseismus“. Nach Phasen der Hebung senkt sich das Areal wieder – es scheint so, als wenn die Erde atmen würde.

Auch die heißen Quellen im berühmten Solfatara-Krater bei Pozzuoli und im benachbarten Pisciarelli-Gebiet zeugen vom Vulkanismus im Untergrund. Hier hebt die Erde auch am stärksten. Derzeit wird neben weiteren Beben ein phreatischer Ausbruch in den Phlegräischen Feldern befürchtet, eine gigantische Dampfexplosion, die sich auch mitten in bewohntem Gebiet ereignen könnte. Manche Wissenschaftler befürchten sogar eine mächtige plinianische Eruption mit riesigen Mengen Asche und Lava.

Blick vom Kraterrand des Supervulkans in die Phlegräischen Felder.

Ein Artikel von Vulkanologen und Geophysikern im Fachmagazin American Mineralogist sorgt in diesen Tagen für heftige Diskussionen. Die Autoren rund um den Neapolitaner Geochemie-Professor Benedetto De Vivo schlagen eine unkonventionelle Methode vor, um die Gefahren, die von der Vulkan-Caldera ausgehen, zu entschärfen: Sie wollen den Supervulkan anbohren, um Druck abzulassen. De Vivo spricht im Interview mit Pozzolinews24.it von „mindestens zehn Löchern mit einer Tiefe von drei Kilometern, von denen einige auch im Meer gebohrt werden könnten“.

Bohrlöcher am Supervulkan sollen den Druck aus dem Erdinneren ablassen

Den Wissenschaftlern zufolge ist die derzeitige Krise auf das Aufsteigen von Flüssigkeiten und nicht auf Magma zurückzuführen. Das Magma würde derzeit in der Erdkruste aushärten und dabei die Flüssigkeiten ausstoßen, die zur Oberfläche aufsteigen und dabei die Beben verursachten. „Wir interpretieren die jüngsten Erdbebenschwärme bei Solfatara-Pisciarelli als Ausdruck der Aktivierung eines Verwerfungssystems, das während früherer Bradyseismuskrisen inaktiv war“, heißt es in dem Artikel.

„Darüber hinaus ist der Anstieg des Massenflusses der Solfatara-Pisciarelli-Fumarole eine Manifestation des Flüssigkeitsausstoßes, der die Hebungsrate des laufenden Bradyseismus-Ereignisses erheblich verringert.“ Sprich: Ohne die Beben würde sich noch mehr Druck aufbauen. Darum hätten sich auch die Beben mittlerweile abgeschwächt. Das heiße Wasser oder Gas könnte man als Geothermie nutzen. Ziel sei es, „das Risiko phreatischer Eruptionen zu minimieren und gleichzeitig Hebung und Bebenaktivität zu verringern.“

In Neuseeland oder in Island (Foto) wird die vulkanische Geothermie mit Kraftwerken genutzt.

Mitautor Professor Robert J. Bodnar, Geologe des Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg (USA), erklärt in einem Interview mit dem Corriere del Mezzogiorno: „Mit dieser Technologie würden wir das Ausmaß der Bodenverformung und damit auch die Seismizität reduzieren. Wenn in Neuseeland die Flüssigkeiten extrahiert werden, entleert sich der Boden und er setzt sich ab. Und das ist es, was wir wollen.“ Damit seien keine Risiken verbunden, die es nicht bereits gebe. Bodnar weiter: „Sobald das Bohrloch fertiggestellt ist, wird es in Zukunft keine seismische Aktivität mehr geben, weder aus dem Bohrloch noch aufgrund der Verformung des Geländes der Phlegräischen Felder“, so der Experte.

Vulkanologe von staatlichem italienischen Institut hält die Bohrpläne für extrem gefährlich

Giuseppe Mastrolorenzo, Vulkanologe und führender Forscher des Vesuv-Observatoriums des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) hält diesen Vorschlag hingegen für brandgefährlich: „Es handelt sich um komplexe Systeme, die wir nicht auf einen Schnellkochtopf reduzieren können, wie er dargestellt wird, sondern bei denen kleine Modifikationen, die wir vornehmen, große, unvorhersehbare Auswirkungen haben können.“

Mastrolorenzo verweist auf einen INGV-Bericht von 2018, in dem vor der „Gefahr von Bohr-, Förder- und Flüssigkeitsinjektionsaktivitäten in den Phlegräischen Feldern“ gewarnt wurde. Auch neue Technologien, die die Verfasser des Fachartikels vorgeschlagen haben, stellten kein „Nullrisiko“ dar. Mastrolorenzo: „Es wäre das erste Experiment weltweit im am dichtesten besiedelten Gebiet, im gefährlichsten Vulkan der Welt.“ 

Weltweit sei bekannt, dass Geothermiebohrungen Erdbeben auslösen können. Und dann sei es in den Phlegräischen Feldern sehr problematisch, „das hydrothermale System zu verändern, das sich über Jahrtausende hinweg in einem äußerst kritischen Gleichgewicht befindet. Wir kennen die Randbedingungen nicht“. Jede Änderung führe dem Forscher zufolge „zu unvorhersehbaren Entwicklungen.“ Im Klartext warnt der Forscher: „Es kann zu Erdbeben oder dem Ausstoß von Flüssigkeiten kommen, die Kohlendioxid enthalten, das dichter als Luft ist: Alle Ebenen der Phlegräischen Felder könnten zur Todeszone werden.“ Darüber hinaus bestehe die Gefahr von Erdbeben, die Bohrungen könnten „maximale seismische Phänomene auslösen“.

Der Grund: „Neben der Auslösung von Erdbeben könnten aufgrund der Dekompression, die durch die Entnahme von Flüssigkeiten entsteht, Erdbeben auch in weiteren äußeren Strukturen ausgelöst werden“, erklärt der Experte. Am Rand der Caldera könnten sie weit über der bislang maximalen Magnitude von 4,4 liegen. Mastrolorenzo: „Wir sprechen also von einem potenziell verheerenden Erdbeben“. Sein Lösungsvorschlag: „Das Geld für die Bohrungen wäre besser in die Erdbebensicherheit von Gebäuden investiert.“ Mastrolorenzo sieht sogar den ganzen Großraum Neapel mit über drei Millionen Einwohnern in Gefahr, da auch eine große Eruption jederzeit möglich sei.

Rubriklistenbild: © Lisa Mazzella Di Bosco/Facebook

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