Phlegräische Felder

Supervulkan in Italien: Wissenschaftler sieht drei Millionen Menschen in großer Gefahr

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Der Supervulkan in den Phlegräischen Feldern bei Neapel verbreitet mit neuen Bebenserien Angst und Schrecken. Ein Experte befürchtet einen Ausbruch, der den ganzen Großraum Neapel vernichten könnte.

Pozzuoli/Neapel – Seit Monaten sorgt der Supervulkan der Phlegräischen Felder westlich der italienischen Millionenmetropole Neapel mit ständigen Schwarmbeben für Angst vor einem Ausbruch. Das letzte Schwarmbeben ereignete sich in der Nacht zum Freitag (8. März) mit Stößen einer Stärke von bis 1,6. Im Oktober hatten Beben der Stärke 4 und 4,2 die ganze Bucht erschüttert.

Blick vom prähistorischen Kraterrand des Supervulkans in die phlegräischen Felder.

„Das Vulkanrisiko in den Phlegräischen Feldern ist permanent und unvorhersehbar“

Giuseppe Mastrolorenzo, Vulkanologe und leitender Forscher am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie INGV, warnt jetzt in einem Interview mit dem Corriere della Sera vor einer gigantischen Katastrophe. „Das Vulkanrisiko in den Phlegräischen Feldern ist permanent und unvorhersehbar“, sagt der Experte. 

Die roten Kreise zeigen die Beben der vergangenen 24 Stunden.

„Nach einem Moment der Abschwächung Ende letzten Jahres, der ebenfalls eine Besonderheit darstellte, ist eine deutliche Rückkehr des Phänomens zu verzeichnen“, berichtet er. Die Hebung des Bodens habe wieder begonnen, das Gestein werde beansprucht und es gebe neue Erdbeben und einen hohen Ausstoß vulkanischer Gase. Mastrolorenzo: „Je schneller der Boden ansteigt, desto intensiver ist die seismische Aktivität.“

„Es ist so, als ob eine Eruption im Gange wäre, nur ohne den Ausstoß von Magma.“

In Pozzuoli, dem am stärksten von der Hebung betroffenen Gebiet, wird seit 2005 eine Hebung von 1,21 Metern verzeichnen. „Wir sprechen hier vom höchsten Niveau, das jemals erreicht wurde, seit wir diesen Bereich überwachen“, berichtet der Experte. Was die riesige Beule unter der Hafenstadt Pozzuoli erzeugt? „In den unteren Schichten befindet sich Magma. In den oberen Abschnitten, auf den letzten Kilometern, gibt es poröses Gestein mit guter Flüssigkeitszirkulation.“ 

Das undatierte Foto zeigt einen Blick auf die Phlegräischen Felder bei Neapel. Direkt neben einer italienischen Millionenstadt liegt ein Supervulkan.

Der Forscher meint damit Wasserdampf und Kohlendioxid. „Wir sprechen von drei- bis viertausend Tonnen Kohlendioxid pro Tag, die im gesamten zentralen Bereich der Phlegräischen Felder ausgestoßen werden. Es ist, als ob eine Eruption im Gange wäre, nur ohne den Ausstoß von Magma.“ Die Tiefe der Beben ist relativ gering. „Die Hypozentren liegen alle in den letzten vier Kilometern Tiefe“, so Mastrolorenzo. „Denn in diesem Bereich kommt es zu einer erheblichen Deformation der Phlegräischen Felder, die sich in einem Umkreis von etwa drei Kilometer um das Zentrum von Pozzuoli erstreckt.“

„Wir wissen nicht genau, wo sich das Magma befindet“

Die Entwicklung sei unvorhersehbar. „Vulkanische Systeme sind komplex. Es handelt sich um Systeme, die kein lineares Verhalten aufweisen“, erklärt Mastrolorenzo. „Schon kleine Abweichungen einiger Parameter können einen Eruptionsprozess auslösen.“ Das Überwachungssystem informiere bis zum letzten Bruchteil einer Sekunde darüber, was passiert ist. „Es erlaubt uns aber keine Vorhersagen, wir wissen nicht genau, wo sich das Magma befindet und welche Eigenschaften es hat.“

Schwefeldampfwolken steigen hinter den Wohnhäusern von Pozzuoli auf.

Laut Notfallplan sind 72 Stunden Zeit für eine Evakuierung vorgesehen. Mastrolorenzo gibt zu Bedenken: „Ich glaube jedoch, dass wir jederzeit auf eine schnelle Evakuierung vorbereitet sein müssen.“ Die Aufstiegszeit des Magmas könne sehr schnell sein , der Ort des möglichen Ausbruchs des Vulkans sei völlig unvorhersehbar. Mastrolorenzo: „Wir sprechen von einer Fläche von etwa hundert Quadratkilometern in der Caldera.“

Eine Supereruption wäre bis zu 80 mal so stark wie die des Vesuvs bei der Vernichtung von Pompeji

Die Phlegräischen Felder sind ein Supervulkan, wie es sie nur zehn Mal auf der Welt gibt. „Vor 40.000 Jahren ereignete sich hier ein Ausbruch, der 70- bis 80-mal stärker war als der von Pompeji, vor fünfzehntausend Jahren kam es erneut zu einer Eruption, die zehnmal stärker war als die des Vesuvs“, erklärt der Forscher. Mindestens weitere 70 kleinere Eruptionen unterschiedlichster Art habe es danach gegeben. Mastrolorenzos Kollege Aldo Piombino hatte kürzlich vor einer riesigen phreatischen Dampfexplosion des Supervulkans gewarnt. Seine INGV-Kollegen simulierten in einem Video eine plinianische Lavaeruption.

Ein Vulkanausbruch wie hier 1944 am benachbarten Vesuv könnte bald sich in viel größerem Ausmaß in den Phlegräischen Feldern ereignen.

Jede Art von Eruption könne sich wiederholen. „Wir haben keine Statistik. Das Risiko ist daher dauerhaft. Und es betrifft nach meinen Schätzungen mindestens drei Millionen Menschen im gesamten Großraum Neapel“, so Mastrolorenzo. Bei der Supereruption vor 40.000 Jahren wurde alles Leben im Umkreis von 80 Kilometern vernichtet. Der Experte fordert eine Überarbeitung der Evakuierungspläne: „Wir müssen in der Lage sein, die Bevölkerung innerhalb weniger Stunden schnell und mit Fluchtwegen in Sicherheit zu bringen. Sogar auf dem Seeweg und für den unglücklichen Fall, dass ein Ausbruch nicht vorhergesagt werden kann.“

Rubriklistenbild: © Baku/wikipedia

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