VonJana Stäbenerschließen
Viertklässler können heute schlechter lesen als vor fünf Jahren. Viele aus der Gen Z lesen ungern ein komplettes Buch. Eine Harvard-Professorin erklärt, was sich ändern muss.
Frankfurt – Die Lesekompetenz in Deutschland nimmt ab, zeigt die aktuellste Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU 2021), die alle fünf Jahre durchgeführt wird. 25 Prozent der Viertklässler erreichten 2021 nicht den international festgelegten Mindeststandard beim Lesen, mehr als noch 2016. In den USA sind es 19 Prozent. Wie der Atlantic berichtet, klagen Columbia-Professoren dort schon jetzt, dass Studierende mit dem Lesen mehrerer Bücher pro Semester überfordert seien.
„Ein ganzes Buch zu lesen, ist eine untrainierte Aufgabe“, sagt der Generationen-Experte Rüdiger Maas BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media über die Gen Z und die Nachfolge-Generation Gen Alpha. Seiner Meinung nach könnten die Studierenden das, aber es sei sehr unangenehm, weil sie es so selten trainierten. Schon für die Gen Alpha gebe es bei Bilderbüchern Stifte, die dem Kind alles vorlesen. „Das wirkt erstmal klasse, weil das Kind sich selbst beschäftigen kann, aber tatsächlich ist es etwas Passives.“ Lesen müsse wieder aktiver werden.
Harvard-Professorin: Klassischer Top-Down-Unterricht an Schulen „funktioniert nicht“
Um Lesen wieder mehr zu fördern, braucht es nicht nur Fachkräfte in Kitas, die mit Kindern aktiv sprechen, anstatt nur Anweisungen zu geben. Auch die Gestaltung des Unterrichts in der Schule spielt eine große Rolle, weiß die Harvard-Professorin für Kognition und Spracherwerb, Catherine Snow. „Traditionelle Ansätze des Leseunterrichts funktionieren oft von oben nach unten – der Lehrer vermittelt die Informationen und die Schüler lernen sie, üben sie und werden schneller und genauer darin“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland.
Dieser klassische Top-Down-Unterricht „funktioniert beim Leseverständnis überhaupt nicht“, sagt sie. „Diskussion ist in der Lesekompetenzentwicklung entscheidend, denn erst, wenn Schüler miteinander über das sprechen, was sie gelesen haben, erkennen sie, dass es alternative Interpretationen gibt.“ Deswegen hat die Harvard-Professorin, die schon viele Jahre die Interaktion von Kindern und Eltern erforscht, das diskussionsbasierte akademische Sprach- und Leseförderungsprogramm „Word Generation“ entwickelt, bei dem Sechstklässler über für sie interessante Themenzensur diskutieren.
Interaktive Klassenzimmer: „Da merkt man richtig, dass die Kinder viel mehr dabei sind“
„Als ich zum ersten Mal in einem ‚Word Generation‘-Klassenzimmer zuhörte, fiel mir auf, wie sehr die Diskussionen, den Gesprächen zwischen Zwei- bis Dreijährigen und ihren Müttern ähnelte“, sagt die Harvard-Professorin. Wichtig sei bei diesen Diskussionen gewesen, vom klassischen Frontalunterricht wegzukommen und die Kinder nur dabei zu unterstützen, sich selbst auszudrücken. „Ich entdeckte in gewisser Weise die Kraft der Interaktion neu.“
Ähnlich interaktiv ist der Ansatz des Churer-Modells, bei dem Schüler und Schülerinnen nicht frontal, sondern im Sitzkreis oder in verschiedenen Ecken des Klassenzimmers selbstständig lernen. „Da merkt man richtig, dass die Kinder viel mehr dabei sind“, sagt die 26-jährige Lehrerin Alida Eberhardt BuzzFeed News Deutschland. Sie findet es „schrecklich“, dass Kinder nach der Kita in einem Raum vier bis sechs Stunden im frontalen Unterricht still sitzen müssen. Das offene Churer-Modell, bei dem die Kinder selbst entscheiden, wo sie sitzen und mit wem sie zusammenarbeiten, will sie bis zur zehnten Klasse durchziehen. (Quellen: IGLU 2021, Atlantic, eigene Recherche)
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