VonJana Stäbenerschließen
Eine Harvard-Professorin beschreibt, was Kindern beim Erwerb wichtiger Fähigkeiten hilft – und welche Eltern-Reaktionen „schädlich“ sein können.
50-Wort-Schwelle, Bilderbücher und Baby-Zeichensprache: Wenn es darum geht, Kindern das Sprechen beizubringen, gibt es einige Tricks. Trotzdem würden viele Eltern heute immer noch denken, dass „Sprache einfach passiert, und Kinder erst mit der formalen Schulbildung das Lesen lernen. Beides ist falsch“, sagt Catherine Snow BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. Sie ist Professorin für Kognition und Bildung an der Harvard-Universität und forscht zum Spracherwerb und wie er sich auf die spätere Lesekompetenz in der Schule auswirkt.
„Kinder, die Zugang zu reichen Sprachumgebungen haben, entwickeln am Ende viel reichere Wortschätze und ausgeklügeltere Fähigkeiten, Geschichten zu erzählen und sich zu erklären“, sagt sie. Was einen solchen „sprachreichen Haushalt“ ausmache, seien viele Gespräche mit Erwachsenen, viele Gelegenheiten, Fragen zu stellen, das gemeinsame Lesen von Lieblingsbüchern, das Einkaufslisten erstellen oder Kalender ausfüllen und Sprechen über gelesene Bücher oder erlebte Ereignisse. All das helfe ihnen bei der Leseentwicklung.
Wo eine Harvard-Professorin bei der Erziehung von Kindern „zusammenzuckt“
„Wenn ich Eltern in Supermärkten sehe, die auf ihren Handys scrollen, während ihre ein bis zwei Jahre alten Kinder plappern und gestikulieren und eindeutig versuchen zu kommunizieren und dem Elternteil Gelegenheiten bieten, ein Gespräch zu beginnen – da zucke ich zusammen“, sagt Catherine Snow. Auch diese frühen Gespräche, in denen Kinder sehr wenig anbieten können, seien „extrem wichtig“.
Ebenso zucke die Harvard-Professorin zusammen, wenn sie höre, wie Eltern die Grammatik kleiner Kinder korrigierten, die darum kämpfen, eine komplexe Idee zu artikulieren. „Der Inhalt sollte immer wichtiger sein als die Form“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland. Kinder, deren Eltern eher auf effektive, statt grammatikalisch perfekte Kommunikation setzten, entwickelten am Ende bessere Sprachfähigkeiten.
Sprachentwicklung: Interessen des Kindes zu ignorieren ist das „schädlichste“
Das „schädlichste“ Elternverhalten in Bezug auf die kindliche Sprachentwicklung sei, die Interessen des Kindes außer Acht zu lassen. „Es ist demotivierend und weitaus weniger effektiv, ein Kind hinzusetzen und zu sagen, dass es 20 Mal seinen Namen schreiben soll, als mit ihm ein Namens-Schild für sein Zimmer zu basteln“, sagt sie. „Kinder haben ihre eigenen Ziele und kommunikativen Absichten, und wir sind besser darin, wenn wir von ihren Interessen ausgehen und nicht von unseren eigenen.“ Wie Eltern Sprache beibringen, sollte daher auch mehr davon abhängen, was Kinder bereits wüssten und wofür sie sich interessierten, als vom Alter.
So könnte das Anschauen eines Bilderbuches mit einem 14 Monate alten Kind hauptsächlich darin bestehen, Bilder zu benennen und das Kind zu bitten, vertraute Gegenstände zu finden („Welches Geräusch macht der Hund?“, „Hast du eine Zahnbürste wie diese hier?“). „Mit anderen Worten, die Sprache ist ziemlich einfach, auf das Hier und Jetzt fokussiert“, sagt Snow. Bei etwas älteren Kindern im Vorschulalter könnten Fragen wie „Was denkst du, wird als Nächstes passieren?“ oder „Warum denkst du, hat sie das getan?“ kommen. „Das Gespräch bewegt sich vom Hier und Jetzt zu spekulativerem, abstrakteren, hypothetischem Inhalt.“
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