VonJana Stäbenerschließen
„Manchmal braucht es Mut“: Eine Lehrerin beabsichtigt für ihre Schüler und Schülerinnen bis zur zehnten Klasse ein besonderes Unterrichtskonzept umzusetzen.
Arbeitsblätter auf einem runden Teppich, Rechenaufgaben an einem Stehtisch, ein Mäppchen voller Buntstifte auf einem gemütlichen Sofa: So sieht das Klassenzimmer einer ersten Klasse aus, in dem nicht frontal, sondern mit dem Churer-Modell unterrichtet wird. „Ein offenes Modell, bei dem die Kinder selbst entscheiden, wo sie sitzen und mit wem sie zusammenarbeiten“, sagt Alida Eberhardt. Die 26-Jährige ist seit drei Jahren Lehrerin an einer Oberschule in Sachsen und hoch motiviert, das Schulsystem zu revolutionieren.
In einem Instagram-Video erzählt sie, wie sie im Sommer 2024 bei ihrer ersten Klasse mit dem Churer-Modell begann und heute „überglücklich“ ist, dass sie es trotz „negativer Stimmen von außen einfach durchgezogen habe“. Sie sei über Social Media auf das Unterrichts-Konzept gestoßen und das habe „sich sofort richtig angefühlt“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von Ippen.Media. „Ich dachte mir: Jetzt probiere ich das einfach aus. Ich glaube, in einem Schulsystem, das dringend verändert werden muss, braucht es manchmal den Mut, etwas Neues zu probieren.“
„Ich finde das schrecklich“: Lehrerin rechnet mit Frontalunterricht ab
Eberhardt erzählt, dass sie in Praktika an Montessori-Schulen gemerkt habe, wie sinnvoll sie freies Arbeiten und eine freie Sitzplatzwahl finde. Kinder kommen aus dem Kindergarten, wo alles „frei und lebensweltorientiert“ sei, wo sie sich ausprobieren und spielerisch lernen könnten. „Dann kommen sie in die Schule – in einen Raum, wo bis zu 30 kleine Menschen vier bis sechs Stunden still sitzen, alle gleich nach vorne schauen und sich konzentrieren sollen. Und wenn sie es nicht schaffen, werden sie auch noch angemeckert. Ich finde das schrecklich.“
Beim Churer-Modell sei das Klassenzimmer quasi wie ein Pädagoge. Es biete den Schüler und Schülerinnen an im Stehen, Sitzen oder Liegen zu lernen. Einzeln, in Zweier-Teams oder in Gruppen. Statt Frontalunterricht gebe es den Input im Sitzkreis – ihr persönliches Lieblingselement. Die Kinder haben verschiebbare Rollboxen, die in einem Sitzkreis angeordnet werden, sobald ihnen Eberhardt etwas Neues beibringen möchte. „Da merkt man richtig, dass die Kinder viel mehr dabei sind“, sagt die Lehrerin für Mathematik und Englisch BuzzFeed News Deutschland.
Auch auf die Lesekompetenz könnte sich ein anderes Unterrichtsmodell positiv auswirken, denn klassischer Frontalunterricht „funktioniert beim Leseverständnis überhaupt nicht“, sagt Catherine Snow BuzzFeed News Deutschland. Sie ist Professorin für Kognition und Bildung an der Harvard-Universität. „Diskussion ist in der Lesekompetenzentwicklung entscheidend, denn erst, wenn Schüler miteinander über das sprechen, was sie gelesen haben, erkennen sie, dass es alternative Interpretationen gibt.“ Und diese Diskussion sei schwierig, wenn eine Lehrperson vorne nur Information vermittele und die Schüler nur zuhörten.
Churer-Modell: „Habe so viel gelernt wie noch nie in meinem Leben“
So gut das Churer-Modell klingt: Können Schulen das mit akutem Personalmangel überhaupt leisten? Es stimme, dass Lehrpersonen im Frontalunterricht mehr Kontrolle hätten. „Aber das kann keine Lösung gegen Stress im Job sein“, sagt Eberhardt BuzzFeed News Deutschland. Vor allem, weil auch hier mit der Zeit die Routine komme. „Im letzten Jahr habe ich als Lehrerin so viel gelernt wie noch nie in meinem Leben.“
Viele Lehrkräfte redeten immer wieder darüber, wie schlimm die Kinder heute seien, wie kurz ihre Aufmerksamkeitsspanne und wie herausfordernd der Frontalunterricht. „Da frage ich mich schon, warum wir nichts ändern.“ Bei ihr seien die Kinder immer selbstständiger geworden. Ein Kind, das Zahlen nur spiegelverkehrt schreiben konnte, habe sie gefragt, ob sie ihm Zahlen zum Üben ausdrucken könne. Die junge Pädagogin will das Churer-Modell bei ihrer ersten, jetzt zweiten, Klasse am liebsten bis zur zehnten Klasse durchziehen. Viele ihrer Kollegen und Kolleginnen habe sie schon inspiriert, zumindest teilweise Schluss mit frontalem Unterrichten zu machen.
In den Kommentaren unter ihrem Video wird diskutiert, ob es nicht nötig sei, irgendwann wieder auf Frontalunterricht umzustellen. „In den weiterführenden Schulen bekommen sie doch sonst einen Schock, oder?“, fragt eine Person. Sie stelle sich den Wechsel „hart für die Kinder“ vor. Es gehe „nicht darum, Frontalunterricht komplett zu verteufeln“, entgegnet Eberhardt. Auch sie unterrichte in manchen Klassen und Fächern noch stundenweise frontal. Es komme auf die Mischung an „darauf, Räume zu schaffen, in denen Lernen Spaß macht.“
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