Gasversorgung im Winter

Gasspeicher zu 100 Prozent voll – warum Versorgung trotzdem gefährdet ist

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Die Gasspeicher sind voll – trotzdem droht laut Wissenschaftlern ein Versorgungsproblem im Winter.
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Die Gasspeicher sind voll – trotzdem könnte der Gasmarkt diesen Winter versagen. Wissenschaftler warnen vor einem Gas-Versorgungsproblem.

Bonn – Die Gasspeicher sind gefüllt – mittlerweile hat der Füllstand die 100-Prozent-Marke geknackt. Nachdem auch am Dienstag in Wilhelmshaven auch der erste Anleger für Schiffsanlandungen von Flüssigerdgas (LNG) fertiggestellt wurde, sprach Netzagentur-Präsident Klaus Müller von einem „Doppelerfolg für die Versorgungssicherheit“. Doch darüber sind sich Wissenschaftler nicht so sicher. Ökonomen Axel Ockenfels und Achim Wambach warnen laut der Welt aus verschiedenen Gründen vor einem Zusammenbruch des Gasmarktes.

Versorgungssicherheit von Gas laut Wissenschaftlern gefährdet: „Markt verfehlt zentrale Aufgabe“

Laut Ockenfels und Wambach gebe es folgendes Problem: Die Preissignale erreichen die Haushalte erst mit deutlicher Verzögerung, während die Gasnachfrage der Haushalte stark steigt. Die Verbraucher reagieren träge auf Änderungen von Großhandelspreisen. Der „Markt“ könnte bei der Preisfindung wegen der unflexiblen und trägen Nachfrage komplett versagen, schreiben die Ökonomen. Wird kein Preis ermitteln, der Angebot und Nachfrage von Gas ausgleicht, könnte der Gasmarkt kollabieren. Massive Zahlungsausfälle im Extremfall dazu führen, dass die Versorger in Liquiditätsprobleme geraten und keine neuen Gasimporte mehr finanzieren können.

„Auch die Gasspeicher können kein ausreichendes Maß an Versorgungssicherheit herstellen, wenn sie allein den Marktanreizen folgen“, zitierte die Welt eine Stelle aus der Studie „Was tun, wenn der Markt kollabiert?“. Die Studienautoren warnen vor einer „bedrohlichen Schieflage“, in der sich der Markt derzeit befindet. Von der Politik seien Antworten nötig auf die Frage, wie die Situation im Ernstfall gehandhabt wird.

Wer bekommt im Notfall Gas? Transparente Gasverteilung für Unternehmen erforderlich

Besonders die Frage, wer in einer Mangellage Gas bekommt, müsse geklärt werden. Die Bundesregierung habe bislang nur ihr Vorgehen kommuniziert, die beim Notfallplan Gas ab der dritten und letzten Stufe greifen wird. Wird die dritte Stufe ausgerufen, ist die Gasversorgung für „besonders geschützte Kunden“, wie private Verbraucher und etwa Krankenhäuser gewährleistet. Ockenfels und Wambach bemängeln, dass aber noch nicht klar sei, welche Industriebetriebe und Gewerbe in einer Mangellage noch prioritär mit Gas versorgt werden.

Transparentere Regeln bei der Gasverteilung seien bislang zur kurz gekommen. Zudem wären Unternehmen im Unwissen, ob sie im Notfall Gas bekommen und wie viel. „Wenn sie (die Unternehmen) stattdessen sicher sein können, dass sie auch im Rationierungsfall Gas zugeteilt bekommen, könnten sie heute den Verbrauch reduzieren.“ Zudem sprechen sich die Studienautoren aus, dass die Bundesnetzagentur Sorge trägt für sogenannten „Abschaltauktionen“. Demnach sollen Unternehmen Geld dafür bekommen, wenn sie Vorsorge treffen, um in bestimmten Situationen ihre Gasnachfrage nach Aufforderung herunterfahren zu können.

Gasverbrauch im Winter: Konzentration auf Nachfrage im Lizenzmarkt könnte Verbraucher entlasten

Eine weitere Möglichkeit, den Gasverbrauch in Deutschland zu regulieren, wäre, die Zuteilung auf privilegierte und nicht-privilegierte Kunden zu steuern. Dafür müssten dann an die Kundengruppen angepassten Lizenzen für die Nutzung des verfügbaren Gases ausgegeben werden, empfehlen die Autoren. Den meisten Lizenzinhabern könnte man sogar den Handel mit diesen Lizenzen erlauben. Durch die Konzentration der Nachfrage nach dem verfügbaren Gas im Lizenzmarkt würde ein Teil der Renditen im Gasmarkt an den Staat gehen, der wiederum Verbraucher mit den Einnahmen entlasten könne.

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