Offenbar steigt Lava auf

Geheimpapier geleakt: Italiens Supervulkan könnte schon sehr bald ausbrechen

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Die Situation am Supervulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel ist offenbar viel brisanter, als die Behörden bislang zugeben. Experten sind alarmiert.

Neapel – Der Supervulkan der Phlegräischen Felder im Süden Italiens beunruhigt seit Monaten die Bewohner der Hafenstadt Pozzuoli und ihrer Nachbargemeinden. Auch die westlichen Bezirke der Großstadt Neapel liegen am Supervulkan. Immer wieder lassen Schwarmbeben die Befürchtungen wachsen, dass ein möglicherweise verheerender Ausbruch des Vulkans näher rückt. Erst am Donnerstag (23. November) kam es zu einem erneuten Schwarmbeben.

Bislang wurde die Bevölkerung aber damit beruhigt, dass durch das in einer Tiefe von sieben bis acht Kilometer vorliegende Magma nur das Grundwasser erhitze. Dieses hydrothermale Feld verursache die Beben sowie die Hebung des Bodens.

Italien: Alarmstufe soll am Supervulkan bei Neapel hochgestuft werden

Doch in Wahrheit gehen die Behörden davon aus, dass sich das Magma Richtung Oberfläche vorgearbeitet haben könnte. Italiens Katastrophenschutzminister Nello Musumeci von der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia hatte nach einer Sitzung der Kommission für große Risiken am 26. und 27. Oktober über die Möglichkeit gesprochen, dass man die Alarmstufe von gelb auf orange hochsetzen müsste. Das überraschte viele Beobachter.

Supervulkan sorgt für Angst und Schrecken – diese Bilder zeigen die spektakulärsten Vulkanausbrüche Italiens

Die Stadt Centuripe westlich von Catania wird vom Ätna überragt.
Der zur Zeit etwa 3357 Meter hohe Ätna bei Catania (hier mit der Stadt Centuripe im Vordergrund) ist der größte aktive Vulkan Europas. Er bricht gewöhnlich mehrmals in einem Jahr aus. Im Jahre 2021 spuckte er fünf Mal Lava, dieses Jahr (2023) bereits zwei Mal. Meistens ergießen sich die Lavaströme aber nicht in bewohntes Gebiet. © Imago/UIG
Eine Eruption des Ätnas
Lava fließt aus dem Krater des Ätna in Richtung Tal - hier im Jahre 2012. Wenn sich neue Spalten an den Flanken des Vulkans bilden, kann es vorkommen, dass der Lavastrom Straßen sich über Seilbahnstationen und Straßen ergießt.  © imago stock&people
Ätna-Ausbruch: Lava überquert eine Straße
Am 18. Juli 2001 ströme nach einem Ausbruch des Ätna aus einer Spalte ein Lavastrom auf die Kleinstadt Nicolosi zu, in der 1983 Lava 20 Häuser verschüttet hatte. Durch das Bespritzen der Lava mit Wasser und dem Bau eines Erdwalls gelang es, dieses Restaurant zu retten. Später brannte die Bergstation der Ätna-Seilbahn aus, als sie die Lava erreicht hatte. © epa ansa Scardino-Ragonese
Ein Deckenfresko zeigt den Lavafluss vom Ätna nach Catania im Jahr 1669.
Der schwerwiegendste Ausbruch des Ätna ereignete sich 1669, als die Lava sich bis in die Hafenstadt Catania ergoss. Sie schloss das zuvor an einer Bucht gelegene Castello Ursino wurde von der Lava umströmt und liegt seitdem mehrere hundert Meter landeinwärts. Gut zehn Ortschaften, darunter Nicolosi und Belpasso, wurden von der Lava verschlungen. Es gab aber keine Tote, da die Lava langsam floss. © wikipedia Fresko von Gioacinto Platania
Eine riesige Aschwolke steigt beim Ausbruch des Vesuv 1944 empor.
Weitaus gefährlicher als der Ätna ist der Vesuv bei Neapel, der meist sehr explosiv ausbricht und bis zu 7000 Grad heiße Gas- und Aschwolken ausstößt. Der letzte Ausbruch ereignete sich am 18. März 1944. Trotz Evakuierung von 12 000 Menschen fanden 26 Einwohner den Tod, die Städtchen Massa di Somma und San Sebastiano wurden nahezu vollständig unter Lava begraben. © Giovanni Manfredonia/Facebook
„Der letzte Tag von Pompeji“, gemalt von Karl Briullov zwischen 1830 und 1833.
Am 24. August 79 n. Chr. ereignete sich der wohl bekannteste Vulkanausbruch der Geschichte: Der Vesuv explodierte unter einer riesigen Pyroklastischen Wolke aus glühend heißem Gas und verschüttete die Städte Pompeji und Herculaneum unter einer meterhohen Schicht von Asche und Bimsstein. Ein Öl-Gemälde des russischen Malers Karl Briullov (1799 –1852) zeigt, wie er sich die Katastrophe vorstellte. © imago stock&people
Gipsabgüsse der Todesopfer des Vulkanausbruchs des Ätna von 79. n. Chr.
Beim Ausbruch des Vesuv 79. n. Chr. kamen schätzungsweise 5000 Menschen ums Leben. Alleine in Pompeji wurden die Überreste von 1150 Todesopfern ausgegraben. Nachdem sie durch die Gas- und Aschewolken erstickt und verbrannt waren, deckte sie der Ascheregen zu. In den Jahrhunderten danach bildeten sich Hohlräume, die in der Neuzeit durch Gips ausgefüllt wurden. © IMAGO/Vandeville Eric/ABACA
Der Stromboli ist ein Weltkulturerbe der UNESCO.
Der Vulkan Stromboli auf der gleichnamigen Insel ist der aktivste Vulkan der Welt. Im Abstand von wenigen Minuten ereignen sich im Gipfelkrater kleine Eruptionen, die durch Gasblasen verursacht werden, die nach oben steigen. Touristen können das Spektakel von einem Beobachtungspunkt aus betrachten. Doch ab und an gibt es auch aktivere Phasen und auch größere Ausbrüche. Zurzeit ist der Aussichtspunkt am Gipfel wegen einer aktiveren Phase gesperrt. © Imago Robert Francis
Die Raucwolke über dem Stromboli bei der Eruption am 3. Juli 2019
Ab und an gibt es am Stromboli auch schwerere Ausbrüche, wie am 3. Juli 2019. Dabei kam ein Tourist ums Leben, der am Gipfel oberhalb des Kraters den Vulkan beobachtete. Am 11. September 1930 starben drei Inselbewohner durch einen pyroklastischen Strom aus Aschen, Schlacken, Steinen und heißen Gasen. 2002 rutschte bei einer Eruption ein Teil des Gipfels ins Meer, ein Tsunami beschädigte einige Häuser am Ufer, Lavabomben schlugen in den Dörfern ein.  © Mapsism/Facebook
Der Krater des Vullans der Insekl Vulcano
Die Insel Vulcano ist eine Nachbarinsel des Stromboli nördlich von Sizilien. Die Römer glaubten, dass hier der Gott Vulcanus, der Gott des Feuers lebt. Im 5. Jahrhundert v. Chr. hat sich wahrscheinlich ein heftiger Ausbruch ereignet, dessen Donnern in weiten Teilen Siziliens hörbar war. Im 19. Jahrhundert mussten im Krater Sträflinge Schwefel abbauen. Heute ist Vulcano ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Am Ufer gibt es heiße Quellen, in einem Mini-Krater kann man baden. © Wikipedia/Geak
Die Explosion des Vulcani im Jahr 1888.
Am 3. August 1888 begann der bislang letzte Ausbruch auf Vulcano mit einer Explosion, der rasch weitere und immer heftigere folgten. Lavabomben schlugen drei Kilometer auf den bewohnten Nordteil der Insel ein. Sie durchschlugen die Dächer der Fabrik- und Wohngebäude und setzten die Schwefelvorräte sowie einige an der Mole liegende Schiffe in Brand. Die wenigen Bewohner von Vulcano hatten sich mit Booten gerettet. Die Sträflinge, die zuvor im Krater Schwefel abbauen mussten, flüchteten in Höhlen. Die Aktivität hielt bis 1890 an. © ResearchGate
Die Insel Ferdinandea in einer zeitgenössischen Darstellung von Camillo de Vito (1790-1835).
Im Sommer 1831 tauchte mitten im Meer 60 Kilometer südlich von Sizilien plötzlich eine Vulkaninsel aus dem Meer auf. Die Insel war der Gipfel eines Unterwasservulkans, der damals ausbrach. Der deutsche Forscher Friedrich Hoffmann benannte sie nach dem sizialinischen König Ferdinand II Ferdinandea. Der britischen Kapitän Senhouse beanspruchte das rund 63 Meter hohe und 800 Meter breite Eiland als Graham Island für das britische Empire. Bis zum Winter verschwand die Insel wieder: Durch die Eruption war die Magmakammer leer und der Krater sackte ab. ©  Camillo De Vito/Wikipedia
Der Solfatara-Krater bei Pozzuoli
Der Super-Vulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel brach in vorgeschichtlicher Zeit mindestens der Mal verheerend aus: Bei einem einzigen Ausbruch vor 39 280 Jahren löschten die Feuerströme alles Leben im Umkreis von gut 100 Kilometern aus. Rund 10 000 Quadratkilometer Land (etwa die Fläche Niederbayerns) versanken unter einer bis zu 100 Meter dicken Schicht aus Asche. Der Krater mit einem Durchmesser von 16 Kilometer brach ein. Heiße Quellen und Dampfwolken am Solfatara zeugen noch heute von dem Mega-Ausbruch. © IMAGO/Antonio Balasco
Eruption de Monte Nuovo, Illustration of the eruption of Monte Nuovo in the year 1538 from the 18th century,
Der letzte Ausbruch der Phlegräischen Felder ereignete sich 1538. Hier ein Kupferstich, der den Ausbruch zeigt. Damals erstand aus dem Nichts ein neuer Vulkan westlich der Hafenstadt Pozzuolo, der das Dorf Tripergle, die Villa des römischen Staatsmanns Cicero und antike Bäder verschüttete. Es gab 24 Tote. Es waren Schaulustige, die am Kraterrand bei einer Explosion ums Leben kamen. Die Einheimischen waren durch Erdbeben und den Rückzug des Meeres gewarnt worden. ©  via www.imago-images.de
Der Krater des Monte Nuovo ist aus der Luft am besten als erloschener Vulkan zu erkennen.
Der Monte Nuovo ist ein kleiner Vulkan nahe der Küste bei Pozzuoli. Insgesamt sind die Phlegräischen Felder von rund 40 Vulkankratern übersät, 20 davon sind deutlich erkennbar. Einige sind mit Wasser gefüllt und sind idyllische Seen. Schon in der Antike wurden die heißen Quellen als Thermalbäder genutzt, noch heute kann man in mehreren Thermen sich in vom Vulkanismus erhitzten Wasser erholen. © IMAGO/Pond5 Images

Jetzt wird klar, was der Hintergrund war: Dem Corriere del Mezzogiorno liegt jetzt das sechsseitige Protokoll der Sitzung vor, und das hat es in sich. Dem Schreiben zufolge ist Magma nicht nur bei der Beben- und Bodenhebungssituation „involviert“. Zudem sei es „mit ziemlicher Sicherheit von einem sieben bis acht Kilometer tiefen Reservoir zu einem anderen vier Kilometer tiefen Reservoir aufgestiegen“, heißt es weiter. All dies wäre den Wissenschaftlern zufolge von 2015 bis 2022 passiert – neuere Daten lägen nicht vor. 

Magma soll an Erdbeben und Hebung des Bodens beteiligt sein

Das folgern die Wissenschaftler aus von Satelliten gemessenen Bodenverformungen. Die Erde in und rund um Pozzuoli hebt sich seit Jahren durch den Druck, der von unten kommt. Und daran ist offenbar nicht nur heißes Wasser schuld, die Vulkanologen schreiben im Bericht: „Die Modellierung des Deformationsfeldes seit 2015 erfordert den weiteren Beitrag einer magmatischen Quelle in 7-8 km Tiefe.“ Das heißt, dass es neben dem hydrothermalen (durch heißes Wasser entstandenen) Druck eine magmatische Quelle gibt, die die Hebungen verursacht. 

Die erste der sechs Seiten des Protokolls der Kommission für große Risiken.

Auch die Analyse der Gase, die aus den heißen Quellen im von Touristen gerne besuchten Vulkankrater Solfatara aufsteigen, beunruhigen die Wissenschaftler. Denn auch sie deuten auf die vermehrte Beteiligung von Magma hin. „Seit 2021 entwickelt sich das hydrothermale System hin zu eher magmatischen Verhältnissen. Darüber hinaus kann der Anstieg von Schwefelwasserstoff ab 2019 nicht auf einen rein hydrothermischen Ursprung zurückgeführt werden, sondern erfordert einen zusätzlichen Beitrag von Schwefel, der nach den bisher durchgeführten Isotopenanalysen mit einem magmatischen Ursprung vereinbar ist“, heißt es. 

Magma wird durch die Analyse gravimetrischer Daten als eine zweite Quelle neben dem heißen Wasser für möglich gehalten. „Die Dichtewerte könnten auf eine Hybridquelle schließen lassen“, stellen die Wissenschaftler fest.

Wie lange hält der unterirdische „Korkenverschluss“ dem Druck noch stand?

Sorgen bereitet außerdem eine zwischen 100 und 200 Metern Tiefe gelegene „lehmige und undurchlässige“ geologische Struktur, die als „mittlerer Widerstand“ gilt und als „Einschluss für unter Druck stehende Flüssigkeiten“ dient. Kurz gesagt: Es fungiert wie riesiger Korkenverschluss gegen das „mögliche Auftreten einer phreatischen Explosion“. Das ist ein Vulkanausbruch, bei dem zunächst keine Lava an die Oberfläche kommt, vielmehr sorgt der riesige Druck heißen Wassers für eine große Explosion. Phreatische Explosionen geschehen meist ohne jegliche Vorwarnung. Die Frage ist: Wie lange hält diese Schutzschicht dem Druck stand?

Der Supervulkan der phlegräischen Felder könnte in wenigen Monaten ausbrechen. Hier sieht man einen Ausbruch des vergleichsweise harmlosen Ätna auf Sizilien.

Mit einer phreatischen Explosion kann der Weg für die Lava frei gesprengt werden, sodass ein Vulkanausbruch folgen kann. Offenbar sind die Messanlagen vor Ort aber nicht geeignet, solche Explosionen zuverlässig vorherzusagen. Die Satellitendaten sind möglicherweise nicht genau genug: „Die räumliche und zeitliche Auflösungsfähigkeit kontinuierlicher GNSS-Netzwerke scheint nicht klar zu sein, wenn es darum geht, die Anfangsphasen einer solchen Dynamik rechtzeitig zu erkennen, wenn diese mit der Erzeugung kleiner Signale verbunden sein könnten.“

Ausbruch des Supervulkans „in einigen Monaten“ möglich

Und so „wird die Dringlichkeit hervorgehoben, die Analysen auf das Jahr 2023 auszudehnen, um einen magmatischen Transfer vom tiefen System (7-8 km) zum oberflächlichen System (4 km) zu verifizieren.“ Die an dem Protokoll beteiligten Forscher können „einen schnellen Fortschritt in Richtung des Aufstiegs von Magma nicht ausschließen, das die Oberfläche erreichen könnte“. Es könne nicht ausgeschlossen werden, „dass Prozesse wie erhebliche Bebenaktivität, phreatische Erscheinungen und der Aufstieg von Magma zur Oberfläche ausgelöst werden könnten“.

Experten warnen schon seit Monaten, dass die Phlegräischen Feldern wie der benachbarte Vesuv reif für einen Ausbruch sind. Das alles könnte sogar sehr schnell geschehen, denn die Kommission kommt zum Schluss: „Bei den aktuellen Verformungsraten kann sich der Krustenbruchprozess noch weiter beschleunigen, bis in einem Zeithorizont zwischen einigen Monaten und einigen Jahren kritische Bedingungen erreicht werden.“

Rubriklistenbild: © wead/agefotostock/IMAGO

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