Geheimpapier geleakt: Italiens Supervulkan könnte schon sehr bald ausbrechen
VonJohannes Welte
schließen
Die Situation am Supervulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel ist offenbar viel brisanter, als die Behörden bislang zugeben. Experten sind alarmiert.
Neapel – Der Supervulkan der Phlegräischen Felder im Süden Italiens beunruhigt seit Monaten die Bewohner der Hafenstadt Pozzuoli und ihrer Nachbargemeinden. Auch die westlichen Bezirke der Großstadt Neapel liegen am Supervulkan. Immer wieder lassen Schwarmbeben die Befürchtungen wachsen, dass ein möglicherweise verheerender Ausbruch des Vulkans näher rückt. Erst am Donnerstag (23. November) kam es zu einem erneuten Schwarmbeben.
Bislang wurde die Bevölkerung aber damit beruhigt, dass durch das in einer Tiefe von sieben bis acht Kilometer vorliegende Magma nur das Grundwasser erhitze. Dieses hydrothermale Feld verursache die Beben sowie die Hebung des Bodens.
Italien: Alarmstufe soll am Supervulkan bei Neapel hochgestuft werden
Doch in Wahrheit gehen die Behörden davon aus, dass sich das Magma Richtung Oberfläche vorgearbeitet haben könnte. Italiens Katastrophenschutzminister Nello Musumeci von der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia hatte nach einer Sitzung der Kommission für große Risiken am 26. und 27. Oktober über die Möglichkeit gesprochen, dass man die Alarmstufe von gelb auf orange hochsetzen müsste. Das überraschte viele Beobachter.
Supervulkan sorgt für Angst und Schrecken – diese Bilder zeigen die spektakulärsten Vulkanausbrüche Italiens
Jetzt wird klar, was der Hintergrund war: Dem Corriere del Mezzogiorno liegt jetzt das sechsseitige Protokoll der Sitzung vor, und das hat es in sich. Dem Schreiben zufolge ist Magma nicht nur bei der Beben- und Bodenhebungssituation „involviert“. Zudem sei es „mit ziemlicher Sicherheit von einem sieben bis acht Kilometer tiefen Reservoir zu einem anderen vier Kilometer tiefen Reservoir aufgestiegen“, heißt es weiter. All dies wäre den Wissenschaftlern zufolge von 2015 bis 2022 passiert – neuere Daten lägen nicht vor.
Magma soll an Erdbeben und Hebung des Bodens beteiligt sein
Das folgern die Wissenschaftler aus von Satelliten gemessenen Bodenverformungen. Die Erde in und rund um Pozzuoli hebt sich seit Jahren durch den Druck, der von unten kommt. Und daran ist offenbar nicht nur heißes Wasser schuld, die Vulkanologen schreiben im Bericht: „Die Modellierung des Deformationsfeldes seit 2015 erfordert den weiteren Beitrag einer magmatischen Quelle in 7-8 km Tiefe.“ Das heißt, dass es neben dem hydrothermalen (durch heißes Wasser entstandenen) Druck eine magmatische Quelle gibt, die die Hebungen verursacht.
Auch die Analyse der Gase, die aus den heißen Quellen im von Touristen gerne besuchten Vulkankrater Solfatara aufsteigen, beunruhigen die Wissenschaftler. Denn auch sie deuten auf die vermehrte Beteiligung von Magma hin. „Seit 2021 entwickelt sich das hydrothermale System hin zu eher magmatischen Verhältnissen. Darüber hinaus kann der Anstieg von Schwefelwasserstoff ab 2019 nicht auf einen rein hydrothermischen Ursprung zurückgeführt werden, sondern erfordert einen zusätzlichen Beitrag von Schwefel, der nach den bisher durchgeführten Isotopenanalysen mit einem magmatischen Ursprung vereinbar ist“, heißt es.
Magma wird durch die Analyse gravimetrischer Daten als eine zweite Quelle neben dem heißen Wasser für möglich gehalten. „Die Dichtewerte könnten auf eine Hybridquelle schließen lassen“, stellen die Wissenschaftler fest.
Wie lange hält der unterirdische „Korkenverschluss“ dem Druck noch stand?
Sorgen bereitet außerdem eine zwischen 100 und 200 Metern Tiefe gelegene „lehmige und undurchlässige“ geologische Struktur, die als „mittlerer Widerstand“ gilt und als „Einschluss für unter Druck stehende Flüssigkeiten“ dient. Kurz gesagt: Es fungiert wie riesiger Korkenverschluss gegen das „mögliche Auftreten einer phreatischen Explosion“. Das ist ein Vulkanausbruch, bei dem zunächst keine Lava an die Oberfläche kommt, vielmehr sorgt der riesige Druck heißen Wassers für eine große Explosion. Phreatische Explosionen geschehen meist ohne jegliche Vorwarnung. Die Frage ist: Wie lange hält diese Schutzschicht dem Druck stand?
Der Supervulkan der phlegräischen Felder könnte in wenigen Monaten ausbrechen. Hier sieht man einen Ausbruch des vergleichsweise harmlosen Ätna auf Sizilien.
Mit einer phreatischen Explosion kann der Weg für die Lava frei gesprengt werden, sodass ein Vulkanausbruch folgen kann. Offenbar sind die Messanlagen vor Ort aber nicht geeignet, solche Explosionen zuverlässig vorherzusagen. Die Satellitendaten sind möglicherweise nicht genau genug: „Die räumliche und zeitliche Auflösungsfähigkeit kontinuierlicher GNSS-Netzwerke scheint nicht klar zu sein, wenn es darum geht, die Anfangsphasen einer solchen Dynamik rechtzeitig zu erkennen, wenn diese mit der Erzeugung kleiner Signale verbunden sein könnten.“
Ausbruch des Supervulkans „in einigen Monaten“ möglich
Und so „wird die Dringlichkeit hervorgehoben, die Analysen auf das Jahr 2023 auszudehnen, um einen magmatischen Transfer vom tiefen System (7-8 km) zum oberflächlichen System (4 km) zu verifizieren.“ Die an dem Protokoll beteiligten Forscher können „einen schnellen Fortschritt in Richtung des Aufstiegs von Magma nicht ausschließen, das die Oberfläche erreichen könnte“. Es könne nicht ausgeschlossen werden, „dass Prozesse wie erhebliche Bebenaktivität, phreatische Erscheinungen und der Aufstieg von Magma zur Oberfläche ausgelöst werden könnten“.
Experten warnen schon seit Monaten, dass die Phlegräischen Feldern wie der benachbarte Vesuv reif für einen Ausbruch sind. Das alles könnte sogar sehr schnell geschehen, denn die Kommission kommt zum Schluss: „Bei den aktuellen Verformungsraten kann sich der Krustenbruchprozess noch weiter beschleunigen, bis in einem Zeithorizont zwischen einigen Monaten und einigen Jahren kritische Bedingungen erreicht werden.“